Vor rund 70 Jahren, am 18. November 1944, legten die Alliierten in einem Grundsatzpapier fest, wie mit den Überlebenden des NS-Terrors umgegangen werden sollte, und wie sie versorgt und in ihre Heimatländer zurückgeführt werden könnten. Sie prägten für diese Menschen den Begriff „Displaced Persons“ (DPs) und ahnten noch nicht, wie viele dieser „vertriebenen Menschen“ sie in Zentraleuropa vorfinden sollten. Und wie lange deren Versorgung, die Suche nach Angehörigen, die Repatriierung und Emigration sie beschäftigen würde.
Dargestellt werden in der Ausstellung die vielen Facetten des Lebens in den Camps für die Displaced Persons. Ein Leben, von denen die Deutschen damals nichts wissen wollten und auch heute erschreckend wenig wissen. Susanne Urban, Leiterin der Forschung und Bildung im ITS und Kuratorin der Ausstellung dazu: „Empathie für die Überlebenden, für deren Verschleppung dieses Land verantwortlich gewesen war, gab es kaum. Die meisten Deutschen befassten sich mit sich selbst, mit den eigenen Nöten – für DPs gab es in der Nachkriegsgesellschaft und -geschichte kaum Platz.“
Doch direkt vor aller Augen, an rund 2000 Orten in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands, waren DP-Einrichtungen etabliert worden, darunter sehr große Camps für bis zu 3000 Menschen. Dort fanden Überlebende von NS-Verfolgung, Holocaust und Zwangsarbeit zunächst ein Obdach und die wichtigste Versorgung mit Nahrung sowie dringend notwendige ärztliche Hilfe.
Die damals 18-jährige Eva Lux aus der Tschechoslowakei erinnerte sich an den Moment der Befreiung im KZ Salzwedel mit folgenden Worten: „Als ich hörte, dass wir endlich frei waren, hatte ich auch große Angst. Was würden wir da draußen vorfinden? Wie benahm man sich in einer normalen Welt? Was sollten wir tun? Wir brauchten jemanden, der sich um uns kümmerte.“ Dieser Aufgabe stellten sich die Alliierten über viele Jahre, bis 1957 das jüdische DP-Camp Föhrenwald als letztes geschlossen wurde.
Für die Organisation der Camps und die damit verbundene Bürokratie war die UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration), die Nothilfe- und Wiederaufbauverwaltung der Vereinten Nationen, zuständig. „Ich finde es wichtig zu zeigen, dass dies eine ‚gute‘, menschenfreundliche Bürokratie war. Wir bewahren im Archiv des ITS auch das Gegenteil, die tödliche Bürokratie der Nationalsozialisten auf, mit den Listen der Opfer aus den KZs und der Todesmärsche“, weist Susanne Urban auf die administrative Leistung als einen zentralen Aspekt der DP-Geschichte hin.
Die Menschen in den DP-Camps standen vor den Trümmern ihres früheren Lebens, doch viele zeigten einen beeindruckenden Lebenswillen und auch den Mut, wieder ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Die Kinder konnten in Kindergärten und Schulen gehen, es gab Ausbildungsmöglichkeiten, sogar Universitäten. DPs gründeten Selbstverwaltungen, Parteien, Theater, Orchester und sogar Kabaretts, die das Leben in den KZs auch auf diese Art zu bewältigen suchten. Die Ausstellung zeigt Bilder von verschiedenen Sportclubs, eigenen Lagerzeitungen und kulturellen Highlights, wie zum Beispiel vom Besuch des Komponisten Leonard Bernsteins, der wie einige andere berühmte Musiker – darunter Yehudi Menuhin und Benjamin Britton – ihre Anteilnahme und Solidarität durch Konzerte in DP-Camps zeigten.





