Beispiele gibt es viele: In Italien ist der Norden im Vergleich zum Süden deutlich wohlhabender, ähnliche regionale Unterschiede zeichnen sich auch innerhalb Russlands und Spaniens ab sowie in anderen Staaten Europas. Klar ist: Die Ursachen dieser heutigen Wohlstandsgefälle sind komplex – sie sind mit vielen Faktoren und speziellen historischen Entwicklungen verknüpft. Doch Ralph Hippe und Jörg Baten vom Lehrstuhl Wirtschaftsgeschichte der Universität Tübingen haben sich gefragt, welche Rolle die Merkmale der Landwirtschaft bei der Entwicklung gespielt haben könnte.
Um Zusammenhängen auf die Spur zu kommen, sammelten sie historische Daten zu 300 europäischen Regionen aus der Zeit um das Jahr 1900. Im Fokus standen Faktoren der Landwirtschaft wie Bodenqualität, Meereshöhe, Relief der Landschaft und Klima sowie die typischen Merkmale der Betriebe. Das Bildungsniveau der Bevölkerung der Zeit um 1900 erfassten die Forscher anhand von Informationen zur regionalen Verteilung rechnerischer Fähigkeiten. Zudem erfassten sie, welche Trends sich bei der Entwicklung der Lebensstandards und Einkommensverhältnisse in den Gebieten abzeichneten.
Verknüpft: Landwirtschaft, Bildung und Wohlstandsentwicklung
Wie sie berichten, spiegelte sich in ihren Datenauswertungen ein deutlicher Zusammenhang wider: Wo damals die Bauern aufgrund ihrer Lebensverhältnisse ein gutes Bildungsniveau erreichten, sind heute häufig die wohlhabenderen Regionen zu finden. „Der Wohlstand korrelierte nicht einfach mit der Höhe der Ernteerträge, sondern mit der Struktur der Landwirtschaft, die vor Jahrhunderten entstand“, fasst Hippe das Ergebnis zusammen. Die Forscher erklären den Hintergrund folgendermaßen: War die Bodengüte günstig für mittelgroße Bauernhöfe mit Vieh und etwas Getreideanbau, achteten die dort lebenden Bauern darauf, dass ihre Kinder eine gewisse Bildung erhielten. „Wer später einen landwirtschaftlichen Betrieb führen würde, sollte mit Kalendern, Wissen über Viehkrankheiten und Wetterlagen umgehen können“, erklärt der Wissenschaftler.
Der Studie zufolge war dies um 1900 typisch für Nord- und Nordwesteuropa, aber auch für viele europäische Gebirgsregionen in Nordspanien, Norditalien und den dünn besiedelten südöstlichen und nordöstlichen Regionen des Russischen Reiches. Anders war die Situation hingegen in Gebieten, in denen Boden und Klima günstig für große Weizenfelder und Großgrundbesitz waren, sagen die Forscher. „Dort entwickelten sich fest etablierte politische Eliten“, erklärt Baten. Ihm zufolge gewährten diese Oberschichten ihren Arbeitern kaum Zugang zu Bildung. „In den betroffenen Regionen blieb die ‚europäische Bildungsrevolution‘ des 16. bis frühen 20. Jahrhunderts aus“, so der Wirtschaftshistoriker.





