Zwar seien Klimaschwan-kungen wie die Phasen von Abkühlung und ungewöhnlicher Trockenheit um 2200 v. Chr. nachweisbar. Allerdings sei es schwierig, diese kausal mit dem Ende des Alten Reichs in Ägypten zu verbinden. Selbst für die griechische Kolonisation, für die Umweltursachen diskutiert wurden, bleiben Nachweise vage. Dass das Ende des Römischen Reichs durch Pandemien und Klimaveränderungen erklärt werden kann, sieht der Autor kritisch.
Preiser-Kapeller nutzt dagegen soziale Modelle für die Wirkung vom Klimawandel auf die Geschichte. Ökologische Ereignisse könnten die „Koalitionen“, auf denen Herrschaft beruhe, stärken oder schwächen und so die Langlebigkeit der Strukturen beeinflussen. Frühe Pandemien – die Pest in Athen um 430 v. Chr., die Antoninische oder Justinianische Pandemie im 2. und 6. Jahrhundert – führten hingegen zur Verstärkung der Ungleichheit. Doch kann diese Folgenabschätzung in einer globalen Perspektive keine kausalen Beziehungen zwischen ökologischen Ereignissen und historischen Prozessen begründen.
Mehr Erfolg versprechen dagegen regional begrenzte Studien. Die historisch-archäologischen Methoden, etwa die Landschafts- und Umweltarchäologie, entgehen dem Autor. Die Entwaldung Attikas führt er auf die Landwirtschaft der imperialistischen Polis Athen zurück. Doch gab es durch die Silberverhüttung im Laureion-Gebiet einen immensen Holzverbrauch, der für die Entwaldung des antiken Attika verantwortlich gemacht werden kann, während die Bauern ihr Land sorgfältig terrassierten. Neue Untersuchungen belegen den Rückgang des küstennahen Waldes gleichzeitig mit der Gründung der griechischen Koloniestädte in Sizilien. Und südlich von Rom blieben die Pontinischen Sümpfe keineswegs bis zum 20. Jahrhundert „Morast“, sondern sie wurden in der Antike agrarisch und durch Luxusvillen zu großen Teilen erschlossen.
Preiser-Kapeller will eine neue Geschichte der Alten Welt schreiben. Dabei geht er überwiegend von der textbasierten Historiographie aus. Jenseits seiner zentralen Kompetenzen freilich kommt er zu durchaus problematischen Einschätzungen. Auch spielen Phänomene wie Nachhaltigkeit und Resilienz (Widerstandsfähigkeit) keine Rolle. Wichtig wäre dagegen die Entwicklung einer grundlegenden Methode. Denn es hilft der Leserschaft nicht, wenn aufgrund zeitlicher Parallelität ökologische Ursachen für historische Prozesse nur vermutet werden. Der Ansatz hingegen, Klima und Pandemien neben anderen auf historische Kausalitäten zu prüfen, verdient uneingeschränkte Zustimmung.
Rezension: Prof. Dr. Johannes Bergemann
Johannes Preiser-Kapeller
Die erste Ernte und der große Hunger
Klima, Pandemien und der Wandel der Alten Welt bis 500 n. Chr.
Mandelbaum Verlag, Wien 2021, 380 Seiten, € 25,–





