Er habilitierte sich 1932 in Berlin und legte drei Jahre später das daraus entstandene, bis heute international anerkannte Standardwerk „Die Entstehung des Kreuzzugsgedankens“ vor. 1934 wurde der eigensinnige, intelligente und mit blendendem Gedächtnis versehene Erdmann wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Edition „Monumenta Germaniae Historica“ in der Abteilung „Epistolae“ (Briefe), seit 1938 auch in der Bibliothek.
Seine klare Abgrenzung vom Nationalsozialismus führte 1936 zum Entzug der Lehrbefähigung an der Berliner Universität. Er konnte allerdings in der Editionsarbeit, jedoch ohne öffentliche Wirksamkeit, weiter tätig bleiben. 1943 wurde er zum Kriegsdienst einberufen und kam 1944 als Dolmetscher nach Albanien. Am 7. März 1945 starb er auf dem Rückzug in Jugoslawien.
Carl Erdmann gilt als einer der herausragenden Vertreter der Mediävistik in seiner Zeit. Neben der wichtigen Editionstätigkeit zeigen auch die Publikationen die hohe Qualität seiner historischen Arbeit. Lange Zeit war er nur Spezialisten ein Begriff. Immerhin: Seit 2011 ist der Preis für jüngst Habilitierte, den der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands vergibt, nach ihm benannt.
Es ist sehr verdienstvoll, dass Folkert Reichert jetzt eine gut lesbare Biographie und eine Auswahledition von Erdmanns Briefen aus den Jahren 1933 bis 1945 vorgelegt hat. Deutlich werden dessen wissenschaftliche und politische Ansichten, seine Fähigkeiten und sein Eigensinn, aber sie ermöglichen auch grundsätzliche Einblicke hinter die Kulissen des Wissenschaftsbetriebes. Wie der Kulturwissenschaftler Aby Warburg betonte Erdmann die Bedeutung des Details, war quellenorientiert, detailversessen und sehr spezialisiert. Schon früh vertrat Erdmann Positionen, die erst viel später zum Forschungsstand wurden, etwa bezüglich des Investiturstreits.
Kompromisslos und konsequent lehnte er die nationalsozialistische Ideologie ab, obwohl er sich hätte anpassen können. Er gewann in einem Konflikt mit dem NS-Ideologen Alfred Rosenberg, legte sich mit der SS an und organisierte den Widerstand gegen die NS-Umdeutung Karls des Großen. Dadurch wurde seine berufliche Situation immer prekärer. Die Einberufung zum Kriegsdienst im Alter von 45 Jahren verschärfte seine Lebenssituation. Sein letzter überlieferter Brief aus dem Februar 1945 ist an seine Schwester Yella gerichtet.
Reichert und dem Verlag ist zu danken, dass nun eine umfassende Würdigung Carl Erdmanns vorliegt und durch die Briefedition ein tiefer Einblick auch in sein politisches Denken und den Wissenschaftsbetrieb im Nationalsozialismus möglich ist.
Rezension: Prof. Dr. Dr. Rainer Hering





