Als Papst Urban II. in Clermont die Christenheit zu einem Kriegszug in den Orient aufforderte, konnte er noch nicht ahnen, daß er damit das Signal zu einem Massenaufbruch gab. Maßgeblichen Anteil daran hatten zahlreiche Wanderprediger. Die Menge reagierte begeistert: Der Heidenkrieg und die damit verbundenen Verheißungen (Vergebung der Sünden, ewige Seligkeit und der Zug in ein Land, in dem, nach den Vorstellungen einer naiven Volksfrömmigkeit, tatsächlich Milch und Honig flossen) – all das war nun nicht mehr nur eine Sache des Adels.
Unter den Wanderpredigern ragte besonders Peter der Einsiedler hervor. Häßlich und vor Schmutz starrend, ritt er barfuß in seiner Kutte auf einem Esel. Mit großer Überzeugungskraft schlug er die Menschen in seinen Bann. Seine Zuhörer meinten gar, wie Guibert von Nogent berichtet, daß ihm etwas Göttliches anhafte; selbst die Haare seines Esels habe man ausgezupft und wie Reliquien behandelt. Seit Februar 1096 zog Peter predigend durch die Grafschaft Berry, dann durch die Champagne und durch Lothringen. Menschen aller Stände schlossen sich ihm an: Prälaten, Kleriker und Mönche, Adlige und Vornehme, aber auch „endlich die ganze Menge des Volkes, Keusche und Unkeusche, Ehebrecher, Mörder, Diebe, Meineidige, Räuber; die ganze Christenheit, ja selbst das weibliche Geschlecht, eilte froh, vom Geist der Buße getrieben, zur Teilnahme an diesem Zug“, so der Chronist Albert von Aachen.
Die wenigsten dürften bis dahin über ihre nähere Umgebung hinausgekommen sein. Ohne rechte Kenntnis von dem, was sie erwartete, gaben die Menschen Haus und Hof auf und verluden ihre armselige Habe auf zweirädrige Karren, um, geführt von dem Einsiedler, mit der ganzen Familie in den fernen Orient zu ziehen. Erreichte man fremde Burgen oder Städte, hätten kleine Kinder immer wieder staunend gefragt, ob man schon in Jerusalem sei.
Am 12. April erreichte Peter der Einsiedler mit seinem Gefolge Köln, wo er das Osterfest feierte und eifrig für sein Unternehmen warb, das die Forschung gewöhnlich als „Bauernkreuzzug“ oder – richtiger – als „Volkskreuzzug“ bezeichnet. Ende April verließ Peter mit wohl etwa 20000 Anhängern – Männern, Frauen und Kindern – die Stadt. Meist nur unzulänglich ausgerüstet und im Waffenhandwerk völlig unerfahren, glich ihr Aufbruch mehr einer Migrationsbewegung denn einem Kriegszug. Der Einsiedler ritt auf seinem Esel, die wenigen Ritter, die sich ihm angeschlossen hatten, auf ihren Pferden. Die meisten aber marschierten zu Fuß; soweit sie nicht von Anfang an barfuß gingen, dürften sie dies in Anbetracht des wenig haltbaren Schuhwerks bald getan haben. Da die Fußgänger ebenso wie die von Ochsen gezogenen Karren nur langsam vorankamen, legte man am Tag wohl kaum mehr als 15 bis 20 Kilometer zurück – von Köln aus den Rhein hinauf, dann den Neckar entlang bis zur Donau. Ständig schlossen sich dem Zug weitere Menschen an, so daß ihre Zahl gewaltig angewachsen war, als man die ungarische Grenze erreichte. Die meisten wußten nicht, worauf sie sich eingelassen hatten. Vor ihnen lag noch immer eine Wegstrecke von über 5000 Kilometern. Zu den wichtigsten Problemen gehörte, wie letztlich auf allen Kreuzzügen, die Versorgung mit Nahrungsmitteln. Für Tausende von Menschen und Tieren mußten Proviant und Futter in gewissen Mengen mitgeführt bzw. unterwegs ergänzt werden – Getreide, Mehl, Salz, gedörrtes Fleisch und getrockneter Fisch, Bier, Wein … Solange man sich auf heimischem Boden bewegte, war es wesentlich einfacher, die Vorräte aufzufrischen, als später in der Fremde. Dabei gilt es zu beachten, daß Peters Schar mit inzwischen wohl 40000 Menschen weit größer war als die Einwohnerschaft der meisten Städte, die man passierte. Deren auf regionale Nachfrage eingestellte Märkte verfügten folglich gar nicht über das notwendige Warenangebot für die vielköpfige Menge. Zudem besaß der größte Teil der Anhänger Peters wohl auch nicht die finanziellen Mittel für Zukäufe. Fast zwangsläufig begann man, das, was man nicht bezahlen konnte, zu stehlen – auch dies eine Konstante der Kreuzzüge.





