Ebenfalls während des Vietnam-Kriegs ging das Stakkato demonstrierender Studenten um den Globus: „Ho Ho Ho Chi Minh“, in den Straßen Ameri‧kas wegen des einprägsamen Reimes und provokativen Mehrwerts noch ergänzt um „Vietcong Is Gonna Win“. Folglich prägte sich das Bild vom allgegenwärtigen, die Geschicke Nordvietnams überall und jederzeit lenkenden Guerillaführers und Staatsmanns ein.
Das Leben hinter der Ikone zu rekonstruieren hat weltweit bisher nur wenige Biographen gereizt. Zu dünn ist die Quellengrundlage, zu erfolgreich war das Bemühen Ho Chi Minhs, Spuren zu verwischen, oder der Eifer seiner Nachfolger, falsche Fährten zu legen. Umso mehr verdient Martin Großheim Aufmerksamkeit. Auf knappem Raum entwirft der Autor mit sicherem Gespür für Brüche und Nuancen und mit nüchterner sprachlicher Eleganz das Panorama einer von den Wirren des 20. Jahrhunderts geprägten politischen Karriere, die untrennbar mit der Befreiung vom kolonialen Joch, dem Sieg über die Franzosen und dem Triumph über die Supermacht USA verbunden ist.
Besonders hervorzuheben ist erstens die Korrektur am allfälligen Bild des politischen Übervaters. Von den knapp 50 Jahren seines politischen Lebens verbrachte Ho Chi Minh die meiste Zeit am Rand des Geschehens – in den 1930er Jahren sprachlos im sowjetischen Exil, seit Ende der 1950er Jahre zum Schweigen verdammt, nachdem Le Duan, der neue starke Mann in der Partei, ihn auf die effektivste Art aus dem operativen Geschäft verbannt hatte: Er ließ aus Ho Chi Minh „Onkel Ho“ machen, die der Tagespolitik entrückte Identifikationsfigur der Nation.
Zweitens arbeitet Großheim überzeugend die Gründe für diese Marginalisierung Ho Chi Minhs heraus. Sie handeln, kurz gesagt, vom Preis des Widerspruchs. Wer in den 1930er Jahren allzu lange an der Idee der Einheitsfront- und Volksfrontpolitik festhielt, konnte von Glück sagen, wenn er nur mit einem Karriereknick bezahlte. Und Mitte der 1950er Jahre machte sich Ho mit seiner Kritik an der „revolutionären Gewalt“ erneut unbeliebt, als er die allfällige Rede von der Gewalt als „Hebamme des sozialistischen Systems“ und vom Krieg als „Fest für das ganze Volk“ mit einem Appell an konfuzianische Werte konterkarierte.
Dass ausgerechnet diese Seite Ho Chi Minhs in der öffentlichen Wahrnehmung bislang keine Rolle spielte, passt in das über weite Strecken noch immer in Schwarz und Weiß gemalte Bild des 20. Jahrhunderts. Stattdessen arbeitet der Autor, ohne Konturen zu verwischen, durchgängig mit Grautönen und präsentiert allein schon deshalb ein anregendes Buch.
Rezension: Prof. Dr. Bernd Greiner





