Die Operation Reinhard hatte ein klares Ziel: die Vernichtung der Juden im von Deutschen besetzten Teil Polens, dem sogenannten Generalgouvernement. Von März 1942 bis November 1943 lief dazu eine mit brutaler Präzision ausgeklügelte Tötungsmaschinerie, in deren Verlauf die jüdische Bevölkerung dieses Gebiets zusammengetrieben, auf Züge verladen und in Vernichtungslager transportiert wurden. Die Lager Belzec, Sobibor und Treblinka wurden eigens dafür errichtet.
Reichsbahn-Daten als Indikator für Tötungsraten
„Diese drei Vernichtungslager waren für ihre industriellen Massentötungen und ihre Fähigkeit, ganze jüdische Gemeinden auf einen Schlag durch Vergasen zu vernichten berüchtigt“, erklärt Lewi Stone von der Universität Tel Aviv. Doch wie hoch die Todesraten in diesen Lagern tatsächlich waren, ließ sich bisher nur grob schätzen. „Detaillierte Aufzeichnungen dieser Morde gibt es kaum, weil bei den Nazis eine strenge Geheimhaltung zur Operation Reinhard galt“, erklärt der Historiker. Am Ende des Krieges wurden zudem alle Informationen und Dokumente dazu zerstört.
Doch Stone hat nun alternative Informationsquellen genutzt, um das wahre Ausmaß der Operation Reinhard zu enthüllen. Neben Augenzeugenberichten von Überlebenden der Vernichtungslager sind dies vor allem die Archive der Deutschen Reichsbahn. Die Reichsbahn war eine entscheidende Komponente des Vernichtungsfeldzuges der Nazis“, erklärt Stone. Denn ein Großteil der getöteten Juden wurden mithilfe von Reichsbahnzügen in die Lager gebracht – und die damaligen Fahrpläne und Zugdaten sind erhalten.
1,3 Millionen Tote in nur drei Monaten
Als der Forscher anhand der Reichsbahnpläne die Judentransporte der Operation Reinhard rekonstruierte, stieß er auf Überraschendes: „Ein unerwartetes Ergebnis der Rekonstruktion war die Entdeckung eines enormen ‚Ausbruchs‘ der Massentötungsaktivität“, so Stone. „Obwohl die Operation Reinhard insgesamt 21 Monate dauerte, zeigen diese Daten, dass der größte Teil der Morde innerhalb von nur drei Monaten stattfand – im August, September und Oktober 1942.“
Allein in dieser rund 100 tägigen Zeitperiode starben Stones Schätzungen nach rund 1,3 Millionen Juden in den drei Vernichtungslagern der Nazis. „Allein in den beiden Monaten August und September 1942 wurden fast eine halbe Millionen Menschen pro Monat innerhalb weniger Stunden nach ihrem Eintreffen in den Todeslagern vergast oder durch die Einsatzgruppen erschossen“, so der Historiker. „Die Operation Reinhard ist damit nicht nur die größte Mordkampagne des Holocaust, sie lief auch in größerem Tempo ab als man bisher angenommen hat.“





