Der Hunger suchte ein riesiges Gebiet heim. Es reichte von Frankreich bis in die Ukraine und von den Alpen bis nach Skandinavien. Der Schock der ausbleibenden Nahrung traf auf verwundbare Gesellschaften: Soziale Ungleichheit, rasches Bevölkerungswachstum und die einseitige Bevorzugung des Getreideanbaus machten die Gesellschaften des 18. Jahrhunderts anfällig für Witterungsextreme.
Die Aufzeichnungen der Zeitgenossen vermitteln ein dramatisches Bild der Anomalie. Vorboten der Katastrophe zeigten sich bereits im Sommer 1769. Mitten im Juni dieses Jahres fiel in Deutschland bis in die tieferen Lagen hinein Schnee. Nach anschließenden wochenlangen Niederschlägen begann es im Rheinland bereits im September wieder zu gefrieren. 1770 erwies sich dann als regelrechtes „Wasserjahr“: An vielen Orten regnete es monatelang ohne Unterbrechung – Kassel verzeichnete damals 100 Regentage in Folge. Der Winter 1770/71 war schließlich so kalt, dass sich bis in den Mai des Folgejahres gewaltige Schneemassen auftürmten, die großen Alpengletscher weit in die Täler vorstießen und Flüsse wie die Weser bis auf den Grund zufroren.





