Ian Kershaw, Das Ende. Kampf bis in den Untergang. NSDeutschland 1944/45. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2011, 702 Seiten, € 29,99. Weitere Literatur Lutz Raphael, Imperiale Gewalt und mobilisierte Nation. Europa 1914 –1945. Verlag C. H. Beck, München 2011, 319 Seiten, € 14,95.
Bücher in Kürze Geschichte zweier Weltreiche Die Geschichte der Iberischen Halbinsel ist geprägt vom Gegensatz zwischen Spanien und Portugal, einem Antagonismus, der zu dem Satz geführt hat, beide Länder „drehten sich den Rücken zu“. Dennoch haben sich Thomas Freller und Miguel Vázquez eine Geschichte der gesamten Halbinsel vorgenommen. Zu Beginn betont Freller die Notwendigkeit, die Vernetzung der Iberischen Halbinsel mit Frankreich, dem Mittelmeerraum und besonders mit Nordafrika in den Blick zu nehmen, um gegenseitige Beeinflussungen und Verflech48
Phase, in der die Gewalt noch einmal radikalisiert wurde und sich zusehends gegen die eigenen „Volksgenossen“ richtete. Warum aber hielten Regime, Militär und ein erheblicher Teil der Bevölkerung bis zur letzten Minute durch, obwohl Deutschland in Schutt und Asche versank? Kershaw betont, dass das Vertrauen der deutschen Bevölkerung zur NS-Herrschaft bereits deutlich erschüttert war, der Rückhalt für Hitler aber nach dem gescheiterten Attentat noch einmal für kurze Zeit zunahm. Es waren jedoch andere Faktoren, die den Zusammenhalt weiter stärkten: die umfassende Kontrolle durch das Regime, die Zunahme der inneren Repression, die Angst vor den sowjetischen Kriegsverbrechen, die von Goebbels’ Propaganda maßgeblich geschürt wurde, aber auch die Furcht, für die NS-Verbrechen zur Verantwortung gezogen zu werden. Etwas stärker, als der Autor es tut, sollte man den allgegenwärtigen Nationalismus der Deutschen, der im Krieg noch gesteigert wurde, als Faktor veranschlagen. Innovativ ist das Buch auch deshalb, weil Kershaw das Schicksal der NS-Opfer, das in anderen Gesamtdarstellungen tungen angemessen berücksichtigen zu können. Die Geschichte beider Länder schildert er sodann anhand bedeutender historischer Ereignisse und Entwicklungen: von den Römern und der Völkerwanderung über das maurische Spanien und die Etablierung zweier Weltreiche bis hin zum Ende der beiden Monarchien Habsburg und Braganza, zu Bürgerkrieg und Demokratie. Neben der politischen Geschichte werden vor allem die wirtschaftlichen Entwicklungen eingehend geschildert. Leider wurde auf Anmerkungen verzichtet; das ausführliche Literaturverzeichnis kann diesen Mangel nicht ausgleichen. Wenig leserfreundlich und irritierend sind außerdem die eingeschobenen Beiträge des Koautors Miguel Vázquez gestaltet – sinnvoll wäre hier eine klarere graphische Gestaltung gewesen. ht
dieser Zeit eher vernachlässigt wird, in die Erzählung integriert. Das gilt insbesondere für die Evakuierung der KZHäftlinge, zumeist in „Todesmärschen“; andere Verbrechenskomplexe werden nur kurz gestreift. Die Bevölkerungsmehrheit hatte jedenfalls in dieser Zeit kein Interesse an den Leiden der Verfolgten. Kershaw macht deutlich, dass das Regime bis kurz vor dem Einmarsch weitgehend funktionierte, also nicht schon Monate vorher Chaos herrschte. Die Kriegswirtschaft erreichte gar erst im Herbst 1944 ihre Höchstleistung, um dann stark abzufallen. Ende März/Anfang April 1945 stand das NS-System dann vor dem Kollaps. Nicht zuletzt wegen des politischen Versagens der militärischen Führungsschicht ging das Töten jedoch bis Mai weiter. Ian Kershaw hat wieder ein wichtiges Buch vorgelegt, das trotz seines breiten Zuschnitts zu erheblichen Teilen aus den Archiven gearbeitet ist und die individuellen Schicksale der Deutschen mit Machtstrukturen und Entscheidungsprozessen verbindet. Wie immer ist auch dieses Werk lebendig geschrieben und gut übersetzt.





