Prof. Dr. Folker Reichert
Kann man die mehr als 2000-jährige Geschichte des letzten noch existierenden Kaiserreichs auf 268 Seiten überhaupt angemessen darstellen? Dieses Buch zeigt, dass man das kann. Es konzentriert sich auf die wesentlichen Entwicklungslinien Japans und umgibt die zentralen Sachverhalte mit einer Fülle von erhellenden, oft überraschenden Details. Dadurch wird es lehrreich und unterhaltsam zugleich. Eine Anekdote, ein Zitat oder einige biographische Informationen erfüllen die Darstellung mit Leben.
Dazu trägt auch bei, dass sie sich nicht auf politische Verwicklungen und kriegerische Geschehnisse beschränkt. Bekanntlich hat die japanische Geschichte davon nicht wenig zu bieten. Die Kriege gegen Russland und gegen China, die koloniale Expansion nach Taiwan und Korea, das Massaker von Nanjing, Pearl Harbor, Hiroshima und Nagasaki werden denn auch keineswegs verschwiegen, auch nicht das immer ambivalente Verhältnis zu den Vereinigten Staaten. Doch Christopher Harding, medienerfahrener Lecturer an der Universität in Edinburgh, versteht sich als Kulturhistoriker und zieht Fallbeispiele aus Literatur, Kunst, Religion und Kulinarik heran, um die Epochen der japanischen Geschichte zu charakterisieren.
Die Rezeption des Buddhismus seit dem 7. Jahrhundert zeigt, wie viel Japan der chinesischen Kultur zu verdanken hat. Sei Shonagons „Kopfkissenbuch“ und Murasaki Shikibus „Geschichte vom Prinzen Genji“ spiegeln das feine Leben am Kaiserhof des 10. und 11. Jahrhunderts wider. Die begeisterte Aufnahme der japanischen Farbholzschnitte durch die europäischen Impressionisten, fortgesetzt durch den Erfolg von Manga und Anime in unserer Zeit, wirft viel Licht auf Japans Verhältnis zum Westen.
Zuverlässig und abwechslungsreich führt das Buch durch die Jahrhunderte, von der Jomon-Kultur mit ihrer ausschließlich archäologischen Hinterlassenschaft über den Aufstieg der Samurai in der „Zeit der kriegführenden Lande“ (15./16. Jahrhundert) und deren Bändigung im 17. und 18. Jahrhundert bis hin zu einer Gegenwart, die durch ökonomische, demographische und politische Herausforderungen gekennzeichnet ist. Der Name Donald Trump darf nicht fehlen. Japan beansprucht einen Platz zwischen China, Amerika und Europa, der seinen internationalen Verbindungen wie seinen eigenen Traditionen gerecht wird. Hardings Buch informiert über beides gleichermaßen.
Durch sein handliches Format bietet es sich an, unterwegs konsultiert zu werden. Das ist sogar in doppelter Hinsicht sinnvoll. Zum einen lassen sich die Stationen der japanischen Geschichte an deren Schauplätzen viel eindrucksvoller studieren: in Nara und Kyoto das glanzvolle Leben am Kaiserhof; in Fukuoka/Hakata die Abwehr der Mongolen; im abgelegenen Nordosten die Suche des Mönchs Basho nach Buddhas „Reinem Land“; in Edo/Tokio die lange Friedenszeit unter dem Tokugawa-Shogunat; in Yokohama die Begegnung mit dem Westen; in Hiroshima und Nagasaki das Debakel von 1945.





