Im Fall Britanniens stehen die Historiker vor einem Problem: Aus der Zeit zwischen 400 und 600 sind keine schriftlichen Zeugnisse erhalten, die Auskunft über die Ereignisse nach dem Abzug der Römer geben könnten – es bleiben Legenden. Archäologische Funde und der Vergleich mit anderen Regionen füllen inzwischen diese Lücke.
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Um 550 erreichten den oströmischen Geschichtsschreiber Procopius (gest. 562) nur sehr wenig Nachrichten aus Britannien. Es gebe dort eine von Nord nach Süd verlaufende Mauer, die die Insel teile. Im Osten sei das Land fruchtbar, im Westen dagegen sei sogar die Luft todbringend. Die Seelen der Toten würden über das Meer an die Küste des Frankenreichs gebracht. Das alles erschien dem Chronisten wohl so absurd und so unvereinbar mit dem, was früher über die römische Provinz Britannien bekannt war, dass er die Ereignisse auf eine von ihm erfundene neue Insel verlegte: Er nannte sie „Brittia“.
Als der Mönch Beda (gest. 735) im frühen 8. Jahrhundert in Northumbrien seine englische Kirchengeschichte („Historia ecclesiastica gentis Anglorum“) verfasste, sah er sich mit demselben Problem konfrontiert: Aus dem 5., 6. und 7. Jahrhundert standen ihm so gut wie keine Quellen zur Verfügung. Daran hat sich bis heute eigentlich nichts geändert. Britannien bleibt für mehrere Jahrhunderte historisch nicht zu fassen.
Abgesehen von einigen kurzen und vagen Einträgen in der „Chronica Gallica“ (um 452), ist nur eine verlässliche Schriftquelle überliefert, die uns Einblicke in die politischen Entwicklungen dieser Zeit gibt: das Buch „De Excidio Britonum“ („Über den Untergang der Britannier“) eines gewissen Gildas. Das Werk ist eigentlich eine Anklage gegen den moralischen Verfall der politischen und kirchlichen Führer in der Gegenwart des Autors, es enthält aber auch einen kurzen historischen Abriss. Dieser hat innerhalb des Werks eine rein rhetorische bzw. dramaturgische Funktion und war nie als akkurate Chronik gedacht gewesen, aber wir haben sonst nichts.
Gildas nennt zwei historisch greifbare Namen: zum einen Ambrosius Aurelianus, einen Anführer der Briten, und „Agitius“, hinter dem sich wohl Aëtius (um 390 – 454) verbirgt, ein in Gallien agierender römischer General. Zudem macht er noch eine Andeutung zu einer weiteren Figur (der „stolze Tyrann“), den Ort einer Belagerung („Mons Badonis“), und er gibt einen allgemeinen Überblick über die Ereignisse.
Leider wissen wir nicht, wann genau Gildas seinen Text verfasste. Auch wer „Ambrosius“ und der „Tyrann“ sein sollen oder wo der „Berg Badon“ liegt, bleibt rätselhaft. Der gesamte Text ist so sehr auf die rhetorische Wirkung ausgelegt, dass nicht einmal sicher ist, ob es sich um eine kontinuierliche Erzählung handelt.
Nach der Rebellion Konstantins III. versinkt die Insel im Dunkeln
Nur der Anfang und das Ende der „dunklen Phase“ Britanniens sind gut dokumentiert. Am Beginn steht der Abzug der römischen Legionen um das Jahr 410, das Ende wird markiert durch die Ankunft päpstlicher Missionare im Land der Angelsachsen im Jahr 597.
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406 rebellierte die römische Garnison der Provinz Britannia gegen Kaiser Honorius und wählte schließlich einen ihrer Offiziere zum Gegenkaiser. Er ging als Konstantin III. in die Geschichte ein. Wie andere Usurpatoren vor ihm versuchte er, Gallien an sich zu reißen. Er setzte mit seinen Legionen über den Kanal und marschierte nach Süden. Wohlgemerkt: Es ging hier nicht um eine Art „Brexit“ des 5. Jahrhunderts – Konstantin wollte das Reich nicht verlassen, er wollte als Kaiser an dessen Spitze stehen. Doch er scheiterte. In Arles wurde er gefangen genommen und 411 hingerichtet.
In Britannien hatte man sich rechtzeitig von dem Umsturzversuch distanziert. Die Statthalter Konstantins wurden abgesetzt, und die Provinz schlug sich auf die Seite von Honorius. Nach diesen Ereignissen blieben wohl noch einige römische Militäreinheiten auf der Insel, aber es sollte nie wieder Verstärkung kommen. Damit brach die reguläre römische Verwaltung in der Provinz zusammen, ebenso wie in großen Teilen des nördlichen Gallien.
Die Geschichte des römischen Britannien ist damit zu Ende. Fast zwei Jahrzehnte später, im Jahr 428, reiste Bischof Germanus aus Auxerre auf die Insel. Er sollte dort einen Streit innerhalb der christlichen Gemeinschaft schlichten; so ist es in seiner Biographie beschrieben, die in den 480er Jahren verfasst wurde.
Es muss also noch irgendwelche administrativen Einrichtungen in Britannien gegeben haben, die in Kontakt standen mit den römischen Provinzen jenseits des Kanals.
Nach diesem Datum gibt es keine weiteren Hinweise mehr außer den oben beschriebenen vagen Andeutungen im Werk des Gildas. Erst als der von Papst Gregor dem Großen (590 – 604) entsandte Missionar Augustinus 597 im heutigen Kent in Südengland landete, endet die lange Phase ohne historische Quellen.
Anders sieht es im Bereich der Archäologie aus. Hier gibt es zahlreiche Funde: Grabstätten, Siedlungen, Einzelfunde, paläobotanische Analysen, die Aussagen zur Landnutzung erlauben, und vieles mehr. Auch Dinge, die man nicht findet, etwa Spuren einer weiteren Nutzung der römischen Siedlungen und Städte, leisten einen Betrag zur Rekonstruktion der Entwicklungen.
Auch die Archäologie lässtnoch viele Fragen offen
Die Analyse der archäologischen Funde gibt Antworten zu einem breiten Spektrum von Fragen. Wie haben die Menschen sich ernährt, und wie gesund waren sie? Welche Formen der Landwirtschaft haben sie betrieben? Wie war die gesellschaftliche Struktur in den Siedlungen?
Andere wichtige Fragen bleiben unbeantwortet. Wer führte gegen wen Krieg? Wie hießen die Anführer? In welcher Sprache unterhielten sich die Menschen?
Dennoch glaubte man lange Zeit, die archäologischen Funde könnten erklären, wie aus dem römischen Britannien die Königreiche der Angelsachsen wurden. Fest steht, dass sich zwischen dem Besuch des Bischofs Germanus und der Ankunft von Augustinus ein Wandel der Identität der Bevölkerung von „römisch“ zu „angelsächsisch“ vollzogen hat. Wie kam es dazu?
Darüber wird im Fachbereich Geschichte des frühen Mittelalters seit längerem eine intensive Debatte geführt. Während einige davon ausgehen, dass es eine Masseneinwanderung von Menschen aus dem Norden des heutigen Deutschland gegeben hat, behaupten andere (allerdings nur wenige), eine Migration der Angelsachsen habe überhaupt nicht stattgefunden. Zwischen diesen Extremen gibt es eine ganze Reihe vermittelnder Thesen.
Zu letzteren Szenarien zählt auch die Vorstellung eines „Elitenaustauschs“ bzw. einer „Elitenübernahme“. Demnach soll die romano-britische Führungsschicht durch eine germanische ersetzt worden sein. Dies entspricht in etwa dem Konzept der „Ethnogenese“, das von Historikern wie Herwig Wolfram vertreten wird: Um eine militärische Elite herum entwickelt sich eine neue Gesellschaft, die sich ideell und kulturell an der Führungsschicht orientiert. Im speziellen Fall Britanniens würden zu dem „Gesamtpaket“, das die örtliche Bevölkerung von der neuen Elite übernahm, die englische Sprache und eine Reihe von kulturellen Praktiken gehören.
Die beiden Extreme unter den Vorstellungen, was in Britannien nach 411 passiert sein könnte, sind wenig plausibel. Besonders die These, dass es gar keine Bevölkerungsbewegung gegeben habe. Auch eine Massenwanderung, die quasi große Teile Norddeutschland entvölkert zurückgelassen habe, erscheint abwegig.
Nicht jede Wanderung hinterlässt archäologisch fassbare Spuren
Einige der kulturellen Entwicklungen, die sich in weiten Teilen Britanniens vollzogen haben, lassen sich nur schwer ohne eine bedeutende Zuwanderung von Menschen aus den Küstenregionen der von Rom nie dauerhaft besetzten Germania magna erklären. Dazu zählen neben der neuen Sprache auch Riten der Feuerbestattung, die zuvor bereits bei den Sachsen gebräuchlich waren.
Wir kennen andererseits auch Migrationsbewegungen, die fast keine archäologischen Spuren hinterlassen haben. Als Beispiel kann die Einwanderung von Germanen ins Römische Reich zwischen dem 1. und dem 4. Jahrhundert dienen. In dieser Zeit siedelten viele Tausende – vielleicht sogar Hunderttausende – von Menschen aus dem sogenannten Barbaricum ins Römische Reich um.
Sie haben sich dort fürs Militär oder als Arbeiter verpflichtet, viele betrieben auch Landwirtschaft. Wir wissen, dass es eine solche Massenbewegung gab, doch sie hat keine archäologischen Zeugnisse hinterlassen.
Die wenigen Dinge, die man findet, sind römischen Ursprungs. So hat sich etwa ein gewisser Hnothfrith, Kommandeur einer Auxiliareinheit amHadrianswall, mit einer Inschrift auf einem Altar verewigt, den er – als vorbildlicher Römer – für das KastellHousesteads stiftete. Einwanderer, die sich in eine für sie neue Gesellschaft – besonders wenn diese Fremden gegenüber wenig freundlich gesinnt ist – integrieren wollen, übernehmen die örtliche Kultur meist sehr schnell.
Hnothfrith ist uns nur bekannt, weil er dreien seiner Götter und auch dem Kaiserkult (numen Augusti) einen Altar gestiftet hat. Vielleicht ist er nach seiner Zeit im Dienst des römischen Militärs wieder zurückgekehrt in seine germanische Heimat. Dass ein solcher Lebenslauf nichts Ungewöhnliches war, wissen wir, weil in mehreren germanischen Aschegräbern im Norden des heutigen Deutschland die Koppelschnallen römischer Uniformen gefunden wurden.
Auch Hnothfrith hat vielleicht später mit solchen Erinnerungsstücken aus seiner Zeit im Dienst des mächtigen Kaisers angegeben. Oder – auch das war durchaus nicht unüblich – er ließ sich auf einem Bauernhof in einer römischen Provinz nieder und genoss als angesehener Veteran den Ruhestand.
Was geschah tatsächlich in Britannien?
Ganz anders dagegen diejenigen, die im frühen 5. Jahrhundert in Britannien ankamen: Sie betonten, dass sie keine Römer waren, das belegen die archäologischen Zeugnisse. Für die östliche Hälfte des heutigen Englands lässt sich also ein deutlicher Bruch in der kulturellen Entwicklung feststellen.
Die Verschiebung des Machtzentrums im Römischen Reich von Trier nach Mailand in den frühen 380er Jahren könnte eine der Ursachen für den bereits um 400 beginnenden Niedergang der Provinz Britannien gewesen sein. In diesem Zusammenhang ist vielleicht auch die bereits angesprochene Rebellion Konstantins III. zu sehen
Dass es zum Kollaps der römischen Ordnung kam, steht zweifelsfrei fest. Dieser mag aber nicht so dramatisch ausgefallen sein, wie man lange glaubte. In manchen Regionen, etwa im heutigen Mittelengland, könnte die Insel noch länger „römisch“ gewesen sein. Das bezeugt etwa ein auf die Mitte des 5. Jahrhunderts datiertes Mosaik, das in der Grafschaft Gloucestershire gefunden wurde.
Doch es ist unbestreitbar, dass die Umstände im gesamten Osten des heutigen England bis hinauf zum Hadrianswall um 475 ganz andere waren als noch 100 Jahre zuvor. Die traditionelle durch Rom geprägte Welt mit Gutshöfen (villae rusticae), römischen Städten und Kastellen war verschwunden. Neue Identitäten und neue Machtzentren füllten das Vakuum.
Aufgrund der Vielfältigkeit, die der Begriff „Römer“ in der späten Phase des Reichs zugelassen hatte, fiel es den Menschen im 5. Jahrhundert vielleicht leicht, gemeinsame Sache mit Soldaten aus dem Barbaricum zu machen – und diese eventuell auch als Anführer zu akzeptieren.
Man kann den politischen Wandel in Britannien mit Hilfe von zwei Handlungssträngen erklären – angelehnt an die Entwicklungen im Norden Galliens, wo das Frankenreich die römische Provinz ablöste. Für die Entwicklung auf der Insel selbst – der erste Handlungsstrang – gibt uns der Bericht Gildas’ einen Hinweis. Laut diesem wurden die Sachsen zu Hilfe gerufen, um die Provinzgrenzen zu schützen. Die Sachsen konnten also östlich des Mittelgebirgsrückens, der sich von Cornwall über Wales bis in die Pennines zieht, stationiert gewesen sein. Archäologische Funde lassen vermuten, dass sich die Grenze im späten 4. Jahrhundert hierher verschoben hat. Diese Region am Übergang zwischen dem Bergland und den Ebenen im Osten des heutigen England war die Kornkammer der römischen Provinz, und sie bildete später auch das Kernland der bedeutendsten angelsächsischen Königreiche.
Wer auch immer die Truppen in dieser Region beherrschte, hatte einen enormen strategischen Vorteil. Denkbar ist zudem, dass die Sprache der angelsächsischen Anführer sich zur Lingua franca entwickelte, gerade in den Bereichen, wo die ansässigen Menschen Latein oder Keltisch sprachen.
Der zweite Handlungsstrang des Erklärungsmodells betrifft die Zuwanderung von Menschen aus dem Norden Deutschlands. Die von den Umbrüchen im Römischen Reich ausgehende soziale und wirtschaftliche Krise wirkte sich auch entlang der Nordseeküste und in deren Hinterland aus. Es kam zu politischen Umwälzungen, in deren Folge Menschen ins Imperium einwanderten, in diesem Fall in die Provinzen Britannien und Gallien.
Für komplexe Figuren bleibtnur das Reich der Legende
Der Kampf um die politische Herrschaft über den heutigen Osten und Süden Englands wird üblicherweise als historischer Hintergrund der Artus-Legende angesehen. Artus (im Englischen Arthur) nimmt dabei die Rolle eines „letzten Römers“ ein, der die Zivilisation – letztlich vergeblich – gegen die „Barbaren“ verteidigen will.
Leider werden wir nie wirklich wissen, ob es einen „Artus“ tatsächlich gab. Wir haben keine Schriftquellen oder materiellen Zeugnisse, die Hinweise auf eine passende historische Person geben. Wir können andererseits aber auch nicht ausschließen, dass es eine reale Vorlage für die Legende gab – die Quellen schweigen in der „dunklen Phase“ auch zu regional bedeutenden Figuren, die es sicher gegeben hat.
Den bereits im Artikel zu Gallien erwähnten römischen General Syagrius (möglicherweise eine Art „Artus“) kennen wir beispielsweise nur, weil Gregor von Tours (538 –594) ein inzwischen verschollenes Werk (vielleicht eine Biographie des Remigius von Reims) gelesen hat, in dem Syagrius in einer Erzählung über die „Vase von Soissons“ (ein Kultgegenstand, der von den Merowingern geraubt wird) Erwähnung findet.
Die darin beschriebenen Kämpfe des Syagrius und seines Vaters Aegidius gegen die Merowinger Childerich und Chlodwig um die Kontrolle über die fränkische Armee im Bereich der Loire geben einen Eindruck davon, wie komplex die Konstellationen in den politischen Auseinandersetzungen im 5. Jahrhundert waren. Die Konflikte bewegten sich nie streng entlang der Linie „Barbaren“ gegen Römer – das dürfte auch in Britannien so gewesen sein.
Bei Gildas ist bezeichnenderweise die Rede von „Bürgerkrieg“, wenn es um die Geschichte im Britannien nach dem Abzug der Römer geht, und eben nicht von einer barbarischen Invasion. Wenn wir die Entwicklungen in anderen Regionen des Weströmischen Reichs auf die Ereignisse in Britannien in der Zeit zwischen 400 und 500 übertragen wollen, müssen wir uns komplexe Allianzen vorstellen. Jede Gruppe bestand dabei aus „Römern“ und „Barbaren“; römische Heerführer befehligten germanische Armeen, und genauso konnten etwa sächsische Warlords eine Gruppe anführen, die noch eher „römisch“ geprägt war.
Als im 8., 9. und 10. Jahrhundert verschiedene Autoren ihre Chroniken zusammenstellten, hatten sie ein bestimmtes Narrativ im Kopf. Sie wollten erzählen, wie sich ein Volk – ebendas in ihrer Zeit dominierende – gegen andere Völker, die früher in dieser Region gesiedelt hatten, durchsetzte.
Eroberung und Vertreibung – die Chronisten ließen nur diese beiden Erklärungen gelten, wenn sie beschrieben, wie eine Gruppe eine andere verdrängte. In einem nach diesen Regeln verfassten Geschichtswerk, das aufzeigt, wie barbarische Franken oder Sachsen die Römer entmachteten, gab es keinen Platz für einen römischen Kommandeur, der in einer Koalition aus Römern und Barbaren sächsische Truppen befehligte. Für eine solche „Artus“-Figur bot sich nur eine Möglichkeit, schriftlichen Niederschlag zu finden – in der Legende.
Autor: Prof. Dr. Guy Halsall
(Übersetzung aus dem Englischen: Armin Kübler)
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