Zahlreiche Straßen, Schulen und Einrichtungen waren in der DDR nach den Mitgliedern der „Baum-Gruppe“ benannt, die in ritualisierten Gedenkfeiern propagandistisch vereinnahmt, deren jüdische Herkunft aber häufig verschwiegen wurde.
Mit Akribie und unbestechlicher Wahrheitsliebe geht die Autorin Regina Scheer, die als Angehörige der FDJ 1967 an einer solchen Feier teilnahm, der Geschichte der „Baum-Gruppe“ jenseits offizieller Zuschreibungen nach, wertet Akten aus, befragt Zeitzeugen, legt deren Erinnerungs- und Selbstkonstruktionen bisweilen schonungslos offen: so die der linientreuen Kommunistin Ilse Stillmann, die sich in der DDR als Überlebende der Widerstandsgruppe feiern ließ, weil das „die Genossen so festgelegt“ hatten, doch tatsächlich gar nicht zur Gruppe gehört hatte, die sie für „unvorsichtig und unbelehrbar“ hielt.
Im Mittelpunkt des Buches steht die Lebensgeschichte Edith Fraenkels, die wegen des Brandanschlags zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt und im Vernichtungslager Auschwitz ermordet wurde. Nie zuvor habe ich ein Buch gelesen, in dem Personen, die jahrzehntelang als „antifaschistische Widerstandskämpfer“ ikonisiert wurden, in ähnlicher Weise als Menschen gezeigt werden, mit ihren Hoffnungen und Ängsten, ihrer Verzweiflung, auch mit ihren Fehlern und Schwächen.
Regina Scheers schnörkellose, detailreiche Prosa verlangt dem Leser viel Aufmerksamkeit ab, doch schlägt sie ihn schnell in ihren Bann. Ein mit viel Sensibilität und Empathie geschriebenes, fulminantes Buch, das man nicht ohne innere Erschütterung lesen kann.
Rezension: Bajohr, Frank





