Im toten Winkel der Propaganda - wissenschaft.de | DAMALS
DAMALS PlusGeschichte & Archäologie
Im toten Winkel der Propaganda
Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernahmen, stießen sie auch auf das frühe Fernsehen, zu dieser Zeit noch im Testbetrieb. Zum Massenmedium mauserte es sich bis 1945 nicht – technische Probleme und der Krieg verhinderten dies. Einen bescheidenen Zuschauererfolg erzielte das neue Medium während der Olympischen Spiele 1936.
Sie haben noch 2 von 3 kostenlosen Artikeln übrig1/3
von BIRGIT BERNARD
Die Geschichte des Fernsehens in Deutschland reicht zurück bis in die späten 1920er Jahre. Taktgeber der Entwicklung war die Reichspost. 1929 gab es erste Versuchssendungen, gezeigt wurden Standbilder und Wetterkarten. Und die erste deutsche Fernsehnorm wurde eingeführt. Allerdings zeigten die Intendanten der deutschen Rundfunksender nur wenig Interesse, sich überhaupt mit den Möglichkeiten eines „Bildfunks“ zu beschäftigen. Nicht viel besser verhielt es sich mit dem Dachverband, der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft (RRG), die seit 1933 vom Propagandaministerium unter Joseph Goebbels kontrolliert wurde.
Abgesehen davon unterlief der Post ein strategischer Fehler, indem sie 1930 das Potential der „Braun’schen Röhre“ als Zukunftstechnologie zur vollelektronischen Übertragung von Fernsehbildern verschlief. Anders die BBC in London. Diese strahlte schon seit 1930 Bild-Ton-Sendungen aus. Erst im April 1934 entschloss sich die RRG zur Vorbereitung eines Fernsehbetriebs, der nach dem Erfinder und Pionier der mechanischen Bildzerlegung, Paul Nipkow (1860 –1940), benannt wurde und seit Sommer 1936 im Berliner Funkhaus in der Masurenallee angesiedelt war. Mit der RRG hatte man sich in der Zwischenzeit auf eine Arbeitsteilung geeinigt: Die Post sollte für die Sendertechnik zuständig sein und der Technische Direktor der RRG für die Technik im Fernsehstudio.
Im November 1934 machte sich eine britische Experten-Delegation kundig über den Stand des Fernsehens in Deutschland und reiste beruhigt wieder ab. Auch die Reichspost stellte nüchtern fest, dass die BBC in puncto Fernsehen die Nase vorn hatte.
Die Kinoleinwand ist massentauglich – der schlecht auflösende Bildschirm vorerst noch nicht
Am 22. März 1935 wurde ein Versuchssender in Betrieb genommen, und im Berliner „Haus des Rundfunks“ gab es eine öffentliche Vorführung. Allerdings war aus dem Propagandaministerium niemand erschienen, der den „ersten regelmäßigen Fernsehprogrammbetrieb der Welt“ hätte bejubeln können.
Goebbels’ Haltung zum Fernsehen war zwiespältig. Auf der einen Seite galt es, Deutschlands weltweiten Führungsanspruch in Bezug auf Innovation und Technik zu proklamieren. Auf der anderen Seite war das Medium dem Propagandaminister vorerst herzlich egal. Sowohl Adolf Hitler als auch Jospeh Goebbels besaßen „Dienstapparate“, aber beide waren besessen vom Film.
Das Fernsehen kam in der 1933 gegründeten und von Goebbels kontrollierten Reichskulturkammer nicht einmal vor. Warum auch? Das Medium war nicht massentauglich. Das Bild war zu schlecht, die Apparate waren zu teuer, die Fernsehgebühr mit fünf Mark pro Monat hoch, und der Empfang war zunächst nur in Berlin möglich, dann in den Bezirken „Brocken“ im Harz und „Großer Feldberg“ im Taunus.
Mehr aus Geschichte & Archäologie
Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Geschichte & Archäologie.
Ungleiche Besteuerung förderte den Ausbruch der französischen Revolution
14. Juli 2026
Am 14. Juli erinnert der französische Nationalfeiertag an den Beginn der französischen Revolution. Einer ihrer Auslöser waren Ungleichheiten in der Steuerlast.
Geschichte & Archäologie
Warum eine irische Adelige auf Mussolini schoss
9. Juli 2026
Am 7. April 1926 versuchte die irische Adelige Violet Gibson, den italienischen Faschistenführer Benito Mussolini zu erschießen. Doch was waren ihre…
Damit hätten nur maximal 36 000 Haushalte versorgt werden können. Und die Inszenierung von Massenkundgebungen wirkte ohnehin auf der Kinoleinwand suggestiver als auf einem 31 mal 36 Zentimeter großen Bildschirm. Aus diesem Grund betrachtete Goebbels das Fernsehen als eine Vergeudung von Ressourcen. Jedenfalls weigerte er sich, mehr Geld als unbedingt nötig in das neue Medium zu stecken.
Ähnlich verhielt es sich mit dem Reichsrundfunkintendanten und Generaldirektor der RRG, Heinrich Glasmeier, der sich von 1937 bis 1945 kein einziges Mal beim Nipkow-Sender blicken ließ. Er delegierte Fernsehfragen kurzerhand an seinen „Fernsehbeauftragten“, den Saarbrücker Intendanten Adolf Raskin.
Nach dem Beginn des Programmbetriebs im März 1935 entspann sich dennoch ein für das NS-Regime typischer Machtkampf um die Zuständigkeit für das Fernsehen. Die Reichspost und der machthungrige Hermann Göring verbündeten sich zu diesem Zweck – zwei Akteure innerhalb des neuen Systems, die 1933 beim Radio den Kürzeren gegenüber Goebbels’ Propagandaministerium gezogen hatten. Hier galt es also, „alte Rechnungen“ zu begleichen. Gemeinsam erwirkten sie im Sommer 1935 einen Geheimerlass des „Führers“, der Görings Luftfahrtministerium (angeblich gefährdete das Fernsehen die Entwicklung der Radartechnik) und der Post die Oberhoheit übertrug.
Gegen diese Entscheidung lief Goebbels Sturm, der daraufhin die Programmgestaltung inklusive der Nachrichten erhielt. Dies rief aber die Wehrmacht auf den Plan, so dass Goebbels im zweiten Fernseherlass nur mehr die „darstellerische Gestaltung“ von Fernsehsendungen zugestanden wurde.
Aufmerksam, aber relativ gelassen wurde die Entwicklung von der Filmindustrie registriert. Das Fernsehen wurde weniger als Konkurrent betrachtet, sondern im Gegenteil als zahlender Abnehmer für Filme und Wochenschauen. Zumindest solange das Fernsehen nicht versuchte, den Filmproduzenten prinzipiell das Geschäft streitig zu machen. Und solange die Fernsehprogramm-Macher Kinostars einluden, die Werbung für ihre Filme machten, war für eine friedliche Koexistenz gesorgt. Profis wie Kameramänner und Beleuchter wurden beim Film ohnehin viel besser bezahlt. Eine Abwerbung von Fachleuten war also nicht zu befürchten. Sehr schnell stellte man beim Film fest, dass beim Fernsehen eher der Schein als das Sein regierte.
Das Publikum, das Programm und die Tücken der Technik
Von Anfang an wurde das Fernsehen mit der Kinoleinwand verglichen, und dieser Vergleich fiel vernichtend aus. Die Geräte waren für Privatpersonen kaum erschwinglich. Gleichzeitig waren die Bilder bei der gängigen 180er-Zeilennorm schlecht: Sie flimmerten, und Details waren nur schwer oder gar nicht zu erkennen. Als das Fernsehen am 13. November 1936 das Fußball-Länderspiel Deutschland–Italien übertrug, war der Ball kaum zu sehen, und ausgerechnet beim deutschen Führungstreffer fiel die Kamera aus.
Nicht viel besser verhielt es sich mit den Sendungen, die im Studio produziert wurden. Da die Kameras völlig unbeweglich waren und das „Studio“ ungefähr so groß wie eine Telefonzelle, kamen nur statische Programmteile in Betracht, zum Beispiel Rezitationen sowie Gesangs- oder Varietédarbietungen. Darsteller, die klein gewachsen waren, mussten sich auf Telefonbücher stellen. Es passten maximal fünf Personen ins Bild, und die Produktion auf der schließlich auf sechs Quadratmeter erweiterten Dunkelbühne machte die Mitwirkung bei Raumtemperaturen von 40 bis 50 Grad zu einer Tortur. Entsprechend dürftig fiel das Programm aus, das
anfangs von Filmproduktionen dominiert wurde.
Seine Feuertaufe erlebte das Fernsehen bei den Olympischen Sommerspielen 1936 in Berlin. Durch die Einrichtung von 25 öffentlichen „Fernsehstuben“ drang es nun erstmals ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit. Diese war fast ausschließlich eine Berliner Angelegenheit – weitere Empfangsmöglichkeiten existierten nur in Potsdam und Leipzig.
Echte Breitenwirkung sollte das Medium bis zum Ende der NS-Zeit nicht erreichen. Der Betrieb blieb mit maximal 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern überschaubar. Insgesamt sahen rund 162 000 Zuschauerinnen und Zuschauer während der Olympischen Spiele fern – ein einsamer Höhepunkt in der Zuschauerstatistik.
Im Olympiastadion wurde eine 2,20 Meter lange Telefunken-Ikonoskop-Kamera mit Teleobjektiv, auch „Funkkanone“ genannt, installiert. Das Programm wurde von zwei auf acht Stunden täglich erweitert, und beliebte Radio-Reporter kommentierten nun das sportliche Geschehen. Bei aller Euphorie über die technische Machbarkeit gab es allerdings auch Anlass zur Kritik: Häufig fielen die Kameras aus, das Bild war schlecht, und die Reporter kommentierten im Stil einer Radioreportage stakkatoartig das, was man ohnehin sah. Musste eine Fernsehreportage andere Kriterien erfüllen? Ja. Aber welche?
Vor diesem Hintergrund zeigte auch die Geräteindustrie wenig Interesse, den Bau von Fernsehapparaten voranzutreiben. Dies änderte sich erst Ende der 1930er Jahre, als sich ein gewisser Sättigungsgrad beim Absatz von Radios einstellte und der Übergang zur 441-Zeilen-Norm bessere Fernsehbilder ermöglichte.
Der Zeitfunk – die Sendungen mit Aktualitätsbezug – übertrug Wochenschauen, Aufmärsche und Fackelzüge sowie Sendungen vom Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg, die 1937 durch Breitbandkabel möglich wurden. Während des Krieges kam der Wehrmachtsbericht hinzu.
Zum Programm gehörten auch „Fernsehfeatures“, das heißt Dokumentarsendungen, beispielsweise aus den Bereichen Forschung, Technik und Naturwissenschaft sowie Städte- und Landschaftsporträts. Und natürlich Sport: Zu den Übertragungen aus den Sportstätten kamen Einladungen berühmter Sportler ins Studio.
Es dominierte jedoch die vordergründig „unpolitische“ Unterhaltung als Ablenkung vom Alltag. Mit der verbesserten Studiotechnik erweiterte sich das Angebot, und das Fernsehen wurde nun auch in den Sparten Musik und Fernsehspiel differenzierter und damit für Stars wie Johannes Heesters, Elisabeth Flickenschildt, René Deltgen oder Elisabeth Schwarzkopf interessant.
Es gab Sendungen für Kinder mit Märchen, Puppentheater und Turnen für die Kleinen sowie Gymnastikkurse für Frauen. Während der Kinderfunk bald Sport und Politik weichen musste, erfreuten sich Frauen nach Kriegsausbruch besonderer Aufmerksamkeit und wurden als „Hüterinnen des Hauses“ mit Nähkursen, Rassenkunde, Kochsendungen und Ikebana beglückt. Die Inhalte, die das Fernsehen transportierte, zielten in erster Linie auf die Verbrauchslenkung, die Stärkung des Wehrwillens und die Erhöhung der Opferbereitschaft der Bevölkerung.
Einzelne unliebsame Radiomacher finden beim Fernsehen zeitweise Unterschlupf
Der Mann, der beim Fernsehen die Fäden zog, war Adolf Raskin. Er hatte sich durch die Leitung der Radiopropaganda im Vorfeld der Saarabstimmung vom Januar 1935 Goebbels’ Hochachtung als einfallsreicher Propagandist erworben und genoss zudem eine Vertrauensstellung bei seinem Vorgesetzten Glasmeier. Mit erstaunlicher Chuzpe nutzte Raskin seine Position aus. So proklamierte er vor NS-Funktionären, totale Propaganda sei gar nicht machbar. Selbst der „Führer“ könne „nur einen kleinen Prozentsatz seiner Ideen durchsetzen“, das solle man jetzt „nicht persönlich nehmen“, ein gewisser Reibungsverlust sei ganz normal, da „einfach Physik“.
Seinem hoffnungslos unmusikalischen Vorgesetzten Glasmeier erklärte der promovierte Musikwissenschaftler, ein Saxophon zu spielen stelle keine „Kulturschande“ dar (wie es die NS-Ideologie wollte), sondern es sei ein Instrument, das auch in der europäischen Musikgeschichte einen hohen Stellenwert habe.
1934 führte Raskin bei der Kölner Ausstellung „Deutsch die Saar“ Hitler und Goebbels an der Nase herum, indem er ihnen eine Skulptur des verfemten (und später als „entartet“ geltenden) Bildhauers Christoph Voll präsentierte. Die Begeisterung beider über das Kunstwerk übermittelte er listig an den Gau Baden, wo man Voll an der Kunstakademie in Karlsruhe loswerden wollte. Allerdings war Raskins Intervention nicht von Erfolg gekrönt.
Aufgrund dieser Unverfrorenheit gelang es Raskin jedoch, beim Fernsehen eine Reihe früherer Kollegen von den Sendern Köln und Saarbrücken unterzubringen, die als vermeintliche „Kulturbolschewisten“ in ihrer Existenz bedroht waren. Raskin starb 1940 bei einem Flugzeugabsturz, nachdem er 1939/40 die deutschen Geheimsender aufgebaut hatte.
Letztlich verharrte das Fernsehen bis 1939 in einem experimentellen Stadium. Eine weitere Entwicklung wurde dann durch den Beginn des Krieges blockiert. Die Produktion des Einheitsempfängers E 1, die 1938 angekündigt worden war – das Gerät sollte 650 Reichsmark kosten und wog 33 Kilogramm – wurde erst um ein Jahr vertagt und schließlich fallengelassen.
Am Tag des Überfalls der Wehrmacht auf Polen, dem 1. September 1939, wurde der Programmbetrieb zunächst eingestellt. Dass er überhaupt weiterlief und noch 1942 zwei öffentliche „Großbildstellen“ in Hamburg eingerichtet wurden, war Prestige- und Propagandagründen geschuldet. De facto war die Zurückdrängung des zivilen Fernsehens jedoch bereits in vollem Gang und der Nipkow-Sender auf der Suche nach einer Daseinsberechtigung.
Die interessierte Öffentlichkeit, so es sie noch gab, sah sich angesichts dauernder Programmänderungen mit einer Reihe praktischer Schwierigkeiten konfrontiert. Wann fing das immer dünner werdende Programm denn nun an, und was würde gezeigt werden? Wo gab es noch Fernsehstellen – sofern die Darbietung nicht wegen der sich häufenden Luftalarme ausfiel? Da 1941 auch die Programmzeitschriften nicht mehr gedruckt wurden, konnten diese Fragen nur geklärt werden, indem man persönlich beim Sender anrief.
In dieser Situation schwenkte der Nipkow-Sender um und entdeckte verwundete Soldaten als Zielgruppe. Ende 1940 entstand das sogenannte Lazarettfernsehen für Berlin und Umgebung. Auf diese Weise wurde das Fernsehen als „kriegswichtig“ eingestuft, und die Mitarbeiter erhielten – nützlicher Nebeneffekt – die begehrte (UK-)Stellung als für den Wehrdienst „unabkömmlich“. Große Unterhaltungssendungen wurden im Kuppelsaal des Reichssportfeldes produziert, unter anderem mit Bühnen- und Filmgrößen wie Heinrich George, Evelyn Künneke oder Gisela Schlüter. Zusammen mit Studioproduktionen und Reportagen konnten drei bis vier Stunden Programm pro Tag gefüllt werden.
Aber auch in den Lazaretten machte sich der Mangel an Geräten und Ersatzteilen immer deutlicher bemerkbar, und die zum Teil bettlägerigen Verwundeten, für die das Fernsehen zunächst eine willkommene Abwechslung gewesen war, übten immer schärfere Kritik an dem dünner werdenden Programm und den vielen Wiederholungen.
Goebbels’ generelles Verbot von Kultureinrichtungen im „Totalen Krieg“ fiel schließlich im Herbst 1944 auch das Fernsehen ganz offiziell zum Opfer, nachdem die Berliner Sendeanlagen bei Luftangriffen bereits Ende 1943 zerstört worden waren. Was an Technik überdauert hatte, fiel 1945 den Alliierten in die Hände. Seinen Siegeszug sollte das Fernsehen erst um die Wende zu den 1960er Jahren antreten. Mehr als 30 Jahre nach seiner Entstehung löste es nun das Radio als Leitmedium ab.
Geschichte & Archäologie
Elefanten verraten wahrscheinliche Route Hannibals über die Alpen
7. Juli 2026
Welche Route nahm Hannibal, als er 218 vor Christus mit seinen Kriegselefanten die Alpen überquerte? Eine Studie hat den energetisch günstigsten Weg berechnet.
DAMALS PlusGeschichte & Archäologie
Verhängnis auf Hawaii
6. Juli 2026
Auf seiner dritten Reise in den Pazifik verließ James Cook das Glück: Im Zuge einer gewalttätigen Auseinandersetzung mit Indigenen auf Hawaii wurde er getötet.