Wie viele römisch-deutsche Könige und Kaiser des Mittelalters war auch Otto I. fast ständig unterwegs. Seine Reiserouten und die Häufigkeit, mit der er manche Pfalzen und Bischofssitze besuchte, spiegeln dabei seine politische Agenda wider.
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Wenn Otto der Große mit seinem Hof durch die Lande zog, war das eine logistische Herausforderung. Das lässt eine Art Einkaufsliste erahnen, die den täglichen Bedarf aufzählt: „Iste imperator singulis diebus habuit huiusmodi cibum, sicut scriptum invenitur: Mille porcos et oves, X carradas vini, X cervisie. Frumenti maltra mille, boves VIII preter pullos et porcellos, pisces, ova, legumina aliaque quam plura“ („Jener Kaiser, Otto I., hatte jeden Tag dieserart Speisen: 1000 Schweine und Schafe, zehn Fuhren Wein, zehn Fuhren Bier, 1000 Malter [historisches Volumenmaß] Getreide, acht Rinder sowie Hühner und Ferkel, Fische, Eier, Hülsenfrüchte und anderes mehr“).
Diese Angaben finden sich in der Chronik des sogenannten Annalista Saxo aus Magdeburg für das Jahr 968. Er hat sie vermutlich einer zeitgenössischen Notiz entnommen, als er zwischen 1148 und 1152 sein Werk verfasste. Die etwa zeitgleich entstandenen Annalen aus dem Kloster Pöhlde am Harz beziffern den Geldwert der täglichen Ration für den Königshof mit 30 Pfund Silber. Keinesfalls darf jedoch heutiges Schlachtvieh als Berechnungsgrundlage herangezogen werden, das mittelalterliche war an Körpergröße und Fleischertrag wesentlich kleiner.
Der König muss überall sein und ist deswegen nirgends lange
Wie alle ostfränkisch-deutschen Könige vor und nach ihm musste Otto der Große seine Herrschaft durch stetes Reisen in seinem Machtbereich ausüben. Diese Praxis wird in der Forschung als „Reisekönigtum“ bezeichnet und hat verschiedene Ursachen. Zum einen war es geboten, Präsenz zu zeigen, was sich anhand der langwährenden Konflikte und der großen räumlichen Ausdehnung seines Reiches unschwer nachvollziehen lässt.
Zum anderen spielte die Logistik eine zentrale Rolle, da kaum ein Ort innerhalb des Reiches über die ökonomische Leistungsfähigkeit verfügte, den Hof über Wochen oder Monate hinaus zu versorgen. Immerhin muss man von mehreren hundert Menschen ausgehen, die den König begleiteten – die eingangs zitierte Rationsliste gibt da ein beredtes Zeugnis –, und einbeziehen, dass auch die Nutztiere, etwa Pferde und Ochsen, ernährt und gepflegt werden mussten.
Bei größeren Versammlungen oder Synoden konnte die Zahl der zu versorgenden Menschen auch schnell in die Tausende oder gar Zehntausende gehen, wie es etwa für den Mainzer Pfingsthoftag Kaiser Barbarossas im Jahr 1184 zuverlässig überliefert ist und was sich auch für die großen vergleichbaren Veranstaltungen Ottos I. annehmen lässt.
Es wird deutlich, welchen Aufwand diese Herrschaftspraxis bedeutete. Nicht nur war die Logistik vor Ort eine Herausforderung, sondern auch die Planung der Reise von der einen zur anderen Station. Daher musste die Reiseroute des Königs, das sogenannte Itinerar, mit großer Voraussicht und mit langem Vorlauf geplant werden.
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Ein wichtiger Aspekt dabei war die Nutzung und der Erhalt beziehungsweise auch Ausbau der Infrastruktur des Reiches. Nicht nur die Straßen und Wege mussten in benutzbarem Zustand sein, auch die Unterkünfte für den reisenden Hof am Ende des Tages sollten vorbereitet sein. Die Itinerarplanung dürfte bereits ein Jahr zuvor oder gar früher begonnen haben, zumal man mit spontanen Veränderungen rechnen musste, die vor allem durch die Wetterbedingungen, aber auch durch politische Ereignisse verursacht werden konnten.
Pfalzen – zentrale Anlaufstellen für den königlichen Hof
Für diese Quartiersuche standen dem Königshof verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung. Die bekannteste dürften die Königspfalzen gewesen sein, gut ausgestattete Orte mit repräsentativen Gebäuden und genügend Flächen zur Unterbringung der begleitenden Personen. Diese Stätten gehörten unmittelbar zum Besitz des Königs, dem Reichsgut, weshalb die Bezeichnung als „Kaiserpfalz“ am Kern der Sache vorbeigeht, denn auch die Könige, die nicht oder noch nicht Kaiser waren, konnten diese Pfalzen selbstverständlich benutzen.
Zum Reichsgut gehörten auch die zahllosen Königshöfe, die – wie der Name schon sagt – Zentren wirtschaftlicher Bezirke waren und wie die Königspfalzen ebenfalls über genügend Ressourcen verfügten, um die Reisegesellschaft zu beherbergen. Über den genauen Unterschied zwischen der Bezeichnung Königspfalz und -hof herrscht in den zeitgenössischen Quellen bemerkenswerterweise Unklarheit, da sich manche als Pfalz (palatium) titulierte Plätze in ihrer Anlage nicht von einem Königshof (curtis) unterscheiden lassen. Allerdings sind die zwei prominenten Beispiele aus der Zeit Karls des Großen, Aachen und Ingelheim, architektonisch außergewöhnlich gestaltet worden. Auf beide wird noch einzugehen sein.
Neben seinem eigenen Königsgut konnte Otto I. ebenfalls, wie alle deutschen Herrscher, auf den Reichsdienst der Kirche zurückgreifen, die verpflichtet war, Quartier und Verpflegung zu stellen, was man servitium regis (Königsdienst) nannte. Dazu gehörte im Fall der Klöster oftmals auch die Aufgabe, die Straßen und Brücken instand zu halten und durch ihren Landbesitz die wirtschaftliche Grundlage des Königtums zu stärken.
Diese Art, das Königtum reisend zu praktizieren, war allerdings keine Erfindung der Ottonen, sondern geht bis in die frühe Frankenzeit zurück und wurzelt in spätantiken Traditionen durch die Weiterverwendung älterer römischer Strukturen, den Zentren der Provinzen und ihren nachgeordneten Verwaltungsmittelpunkten, den civitates. Die Merowinger verfügten über keine feste Residenz, vielmehr hatten sie verschiedene Orte für ihre Zwecke aufgebaut, Herrschersitze als Zentren von Herrschaftsräumen, wofür das Pariser Becken ein gutes Beispiel darstellt.
Als dann die Karolinger sich gegen die Könige aus der merowingischen Familie durchsetzten, übernahmen sie diese Praxis und richteten ihrerseits ein Netz von Königshöfen und -pfalzen ein. Als wichtigste Neugründungen der Zeit Karls des Großen und seiner Nachfolger im östlichen Reichsteil dürften die Königspfalzen in Aachen, Frankfurt, Ingelheim und Paderborn zu nennen sein, wobei Letztere nicht auf eine römische Vergangenheit zurückblickt.
Zumeist bewegten sich die ostfränkischen Karolingerkönige im Gebiet westlich des Rheins und südlich des Mains. Züge nach Sachsen blieben nach dem Ende der militärischen Operationen Karls des Großen 802/804 eine sehr seltene Ausnahme. Das lag vermutlich auch an der im Vergleich mit dem Westen und Süden des Reiches unzureichenden Infrastruktur des von den Römern nicht erschlossenen Raumes.
Erst die Einrichtung der Bischofssitze und die Gründung von zahlreichen Klöstern und Stiften für Männer und Frauen schuf im Lauf des 9. Jahrhunderts und verstärkt in der Ottonenzeit eine Raumorganisation, die derjenigen des übrigen Ostfrankenreiches kaum mehr nachstand.
Gerade in Sachsen zeigt sich die Notwendigkeit für den König, auch bei den Großen der Kirche Aufenthalt zu nehmen, den Bischöfen, Äbten und Äbtissinnen. Diese geboten über Land und Leute, hatten wirtschaftliche Ressourcen und waren als Angehörige des Adels zudem in der Region gut eingebunden.
Die sächsische Herkunft der Liudolfinger war ein wichtiger Faktor für die königliche Infrastruktur zwischen Rhein und Elbe. Die Dynastie integrierte ihren eigenen Besitz sowie Orte der herzoglichen Herrschaft. Das ottonische Hausgut vom Harz bis an die mittlere Elbe und Saale bot eine potente Grundlage für ihre raumbezogene Königsherrschaft im Sinn einer Zentrallandschaft.
Einen nicht geringen Einfluss auf die Itinerarplanung hatte der kirchliche Kalender. Christliche Hochfeste wie Ostern, Pfingsten und Christi Geburt sowie bedeutende Marien- oder Heiligentage lieferten Anlässe, sie an bestimmten, zumeist auch hervorgehobenen Orten zu begehen. Gerade hier kommt der ottonischen Reichskirche eine große Bedeutung zu. Bischofsstädte oder große Abteien boten für solche Feierlichkeiten mit ihren gut ausgestatteten Kirchen den richtigen Rahmen für die Anwesenheit des Königs. Eine gelungene Festfeier ehrte Ort und Ausrichter.
Die Itinerare: Spiegel der Politik des Herrschers
Was lässt sich nun aus der Reiseplanung auf die politischen Ziele Ottos des Großen ableiten? Sachsen bildet ein erkennbares Zentrum seiner Aktivitäten. Hier befinden sich die meisten durch die Überlieferung gesicherten Aufenthalte, man könnte dabei sogar auf die Grenzen des Herzogtums schließen.
In Sachsen wurden folgende Plätze mehr als fünfmal von ihm angesteuert: die Königspfalzen Allstedt, Dahlum, Memleben, Wallhausen und Werla sowie die kirchlichen Orte Magdeburg (hier gab es bis zur Gründung des Erzbistums 968 eine Königspfalz neben dem Moritzkloster) und das Kanonissenstift Quedlinburg. Heute zu Westfalen zählt schließlich der Königshof in Dortmund, der aber nach dem Verständnis des 10. Jahrhunderts ein sächsischer war. Im lothringischen Rheinland liegen nur zwei von Otto I. signifikant häufig besuchte Orte, die karolingische Kaiserpfalz Aachen und Köln als Zentrum einer Kirchenprovinz.
In Aachen fand nicht nur die Krönung Ottos I. statt, er besuchte diesen mit Karl dem Großen besonders verbundenen Ort auch während seiner Herrschaft immer wieder.
Köln ist insofern besonders bedeutend für seine Herrschaftspraxis, weil er 953 hier seinen jüngeren Bruder Brun (gest. 965) als Erzbischof einsetzte und ihn im selben Jahr auch als Reaktion auf den Aufstand seines Schwiegersohns Herzog Konrad von Lothringen mit der Regentschaft über das dortige Herzogtum betraute. Der Kölner Mönch Ruotger verlieh Brun deswegen den Ehrennamen archidux als Kofferwort aus archiepiscopus (Erzbischof) und dux (Herzog), das allerdings nicht mit dem späteren Begriff „Erzherzog“ übersetzt werden kann.
In dem zum Herzogtum Franken gehörenden Rhein-Main-Gebiet kam Otto zu drei Orten mehr als fünfmal. Mit Köln vergleichbar waren mit der erzbischöflichen Stadt Mainz sowie der Bischofsstadt Worms zwei dieser Ziele. Die beiden karolingischen Königspfalzen in Frankfurt am Main und Ingelheim bilden die Spitzengruppe der in dieser Region besuchten weltlichen Orte. Frankfurt war der Ort der Synode Karls des Großen des Jahres 794; sein Sohn Ludwig der Fromme errichtete um 822 hier eine für die folgenden Jahrhunderte sehr bedeutende Königspfalz.
Auch den hohen symbolischen Wert der von Karl gegründeten Ingelheimer Pfalz wusste Otto zu schätzen: Hier inhaftierte er seinen abtrünnigen Bruder (941), ließ eine Universalsynode ausrichten (948), und er wollte das Osterfest 953 in der Pfalz begehen. Zudem gab es in Ingelheim 972 eine weitere Synode, und 973 holte er das verhinderte Osterfest auf seiner „letzten Reise“ nach.
Ein weiterer Ort mit mehr als fünf Besuchen Ottos war der Vorort des bayerischen Herzogtums: Regensburg an der Donau. Die Stadt stellte insofern eine Besonderheit dar, als sie angestammter Sitz eines Bischofs und der Herzöge von Bayern war. Hier gab es seit der Zeit Ludwigs des Deutschen (843–876) eine Pfalz am Alten Kornmarkt. Vermutlich nutzten auch die Ottonen diese noch, doch die Quellen bilden hier eine Gemengelage zwischen der Nutzung der Könige und der bayerischen Herzöge ab, wie der Historiker Peter Schmid zeigen konnte.
Neben den bislang behandelten Orten, die alle gemeinsam haben, dass sie mindestens fünfmal von Otto dem Großen aufgesucht wurden, gab es natürlich viele weitere Stationen, die für sein Itinerar durch Quellen belegt sind. Insgesamt gesehen, stellt diese Gruppe die überwältigende Mehrheit dar.
Völlig im Dunkeln liegen die Tausende von Übernachtungsplätzen, die Otto auf dem Weg von einer bedeutenden Station zur nächsten aufgesucht hat und die nicht Eingang in die schriftliche Überlieferung gefunden haben. Rechnet man nach – er regierte knapp 37 Jahre vom 8. August 936 bis 7. Mai 973 –, dann muss er an 13 421 Tagen zu Bett gegangen sein – wenn nicht wichtige Angelegenheiten ihn davon abhielten.
In der Regel kann ein königlicher Reiseweg auch nicht tagesgenau rekonstruiert werden, manchmal liegen Wochen oder gar Monate zwischen historiographischen Nachrichten, in deren Verlauf der Hof ereignislos unterwegs gewesen sein dürfte. In diesem Zusammenhang muss darauf hingewiesen werden, dass der hohe Anteil der sächsischen Orte in der Quellenüberlieferung nicht zuletzt darauf zurückzuführen ist, dass die meisten historiographischen Zeugnisse zu Ottos Handeln in Sachsen entstanden sind, so etwa die „Taten der Sachsen“ Widukinds von Corvey.
Magdeburg ist das geographische Zentrum der königlichen Macht
Zusammenfassend kann man jedoch sagen, dass das Bild seines nordalpinen Itinerars auch die Herrschaftspraxis Ottos des Großen widerspiegelt. Von Magdeburg aus gesehen, spreizt es sich wie ein Fächer über Ostsachsen in die benachbarten Herzogtümer, und insgesamt drei Züge führten ihn nach Italien sowie kleinere „Exkursionen“ in das Westfrankenreich.
Den Norden klammerte Otto aus. Der nördlichste Punkt seines Itinerars wäre Drehle, heute Gehrde im Landkreis Osnabrück, wenn der Ort denn mit der in „Trele“ am 12. Februar 973 auf seiner „letzten Reise“ ausgestellten und nicht im Original erhaltenen Urkunde identisch ist. Das Itinerar der Reise von Frankfurt am Main nach Magdeburg legt den Abstecher nicht wirklich nahe, auch wenn die Fahrt zweieinhalb Monate dauerte.
Die erkennbaren Hauptrouten von Sachsen aus verliefen einerseits durch Westfalen nach Westen mit den Zielen Köln und Aachen und andererseits durch Thüringen und das heutige Hessen nach Frankfurt am Main und weiter nach Mainz. Daneben spielte die „Rheinschiene“ (Franz Staab) eine Rolle für die Verbindung von Köln nach Ingelheim und Mainz und umgekehrt beziehungsweise weiter nach Süden gen Worms, Speyer und Straßburg.
Von Nordfranken oder auch dem Rhein-Main-Gebiet war Regensburg zu erreichen, oder man konnte von dort aus zurückreisen. Chur und St. Gallen beziehungsweise Zürich waren neben Augsburg, von wo aus es über den Brenner ging, Stationen Ottos I. auf dem Hin- respektive Rückweg seiner Italienzüge, wobei hier auch das karolingerzeitliche Kloster Reichenau sowie der Bischofssitz Konstanz eine Rolle spielten.
Die Kehrseite des Reisekönigtums ist zwangsläufig die lange Abwesenheit des Königs während seiner Reisen, zu denen ja auch Burgund- oder Italienzüge und andere Unternehmungen außerhalb des Reichs zählten. Der zweite Italienzug Ottos I. begann im August 961 in Augsburg und endete im Januar 965. Der dritte Italienzug entführte ihn für sechs Jahre aus dem nordalpinen Reich: Er brach im August 966 von Straßburg aus auf und kehrte im August des Jahres 972 nach Konstanz zurück.
Die Königspfalzen und -höfe mit ihren Reichsministerialen repräsentierten die Herrschaft des Königs auch während seiner Abwesenheit, ebenso wie die von ihm bestellten Vertreter. Dies funktionierte freilich nicht immer so reibungslos – oft weil ausgerechnet die eigene Familie zu Hause Ärger machte.
Autor: PROF. DR. CASPAR EHLERS
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