In immer neuen Variationen tritt er uns in der Porträtmalerei des Biedermeier entgegen: um die Schultern geschlungen, um Arme und Knie drapiert, scheinbar lässig in der Hand gehalten oder über eine Stuhllehne geworfen – der Cashmere-Shawl. Seine Verbreitung hat seit der Mitte des 18. Jahrhunderts, als die ostindische Handelskompanie ihn nach Europa zu importieren begann, einen fulminanten Aufschwung genommen. Das richtige “Shawl-Fieber” setzte dann zu Beginn des 19. Jahrhundert ein. Wegen seines immensen Preises – ein Stück kostete etwa 1000 Taler – wurde der Shawl zum Symbol schlechthin für Luxus und Eleganz. Anders als in seinem Ursprungsland Indien, wo er als Würdezeichen fast ausschließlich den Männern vorbehalten war, schmückten sich mit ihm in Europa vornehmlich die Damen aus Adel und Großbürgertum. Außerdem hatte das Tuch durchaus einen praktischen Nutzen, denn bei den leichten Musselin- und Seidenkleidchen, die die modebewußte Damenwelt zu Beginn des 19. Jahrhunderts trug, konnte es vorzüglich als Mantelersatz dienen und die Trägerin vor einer Lungenentzündung bewahren. Die Bezeichnung Shawl, seit 1662 in England nachzuweisen, leitet sich von dem persisch-arabischen sal oder chalat, dem Begriff für ein fürstliches Ehrenkleid oder Schultertuch ab. Beliebt war das Schultertuch vor allem als Brautgeschenk. So sandte etwa Napoleon der zukünftigen Kaiserin Joséphine 1798 aus Ägypten einen kostbaren Cashmere-Shawl, der den Grundstock zu ihrer späteren Sammlung von 60 Stück bildete. Gern getragen wurden vor allem Longshawls mit einer Länge von über 4 Metern Länge und 1,5 Metern Breite. Um das Tuch mit Grazie tragen zu lernen, nahmen manche Damen Spezialunterricht, aus dem sich der sogenannte Schal-Tanz entwickelte. Lady Hamilton, die Geliebte Nord Nelsons, glänzte in den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts mit ihrer eigenen Performancekunst, deren wichtigstes Requisit der Shawl war. Bemerkenswert war nicht nur das Material, aus dem das Schultertuch hergestellt wurde, sondern auch die Produktionsweise, die außerordentlich aufwendig war. Produzent der äußerst feinen Wolle ist die Changra- oder Cashmere-Ziege, die im etwa 1500 bis 1900 Meter hoch gelegenen Cashmeretal im nordwestlichen Himalaya gezüchtet wird. Es ist das seidenweiche Brust- und Bauchhaar dieses Tieres, das zur Herstellung der echten Tücher verwendet wird. Der Shawl wurde auf Hochwebstühlen nach der Gobelintechnik mit etwa 2000 bis 3000 Kettfäden angefertigt; bis zu drei Weber saßen an einem Webstuhl. Die komplizierten Muster erforderten einen häufigen Farbwechsel, bei den feinsten Shawls war etwa ein 20-facher Farbwechsel auf nur fünf Zentimetern Webbreite nötig. Je nach Muster brauchte man daher 1,5 bis 3 Jahre zur Fertigstellung eines einzigen Longshawls, der hohe Preis wird so verständlich! Die Muster der frühen indischen Cashmere-Shawls beziehen ihr Formrepertoire aus der Pflanzenwelt; Blüten und Palmblätter dominierten, wie etwa die Palmette…
Dr. Heike Talkenberger





