Es geschah am 26. Juni 1284. An diesem Tag wurden in Hameln 130 Kinder von einem buntgekleideten Pfeifer aus der Stadt gelockt und danach nie wieder gesehen. Damit rächte sich der Pfeifer dafür, daß die Stadt Hameln ihn zuvor um seinen Lohn geprellt hatte. Den hätte er sich wahrlich verdient gehabt, hatte er doch die Weserstadt durch sein Pfeifen von einer Rattenplage befreit.
Die Quelle, auf die sich die ersten schriftlichen Nacherzählungen der Sage stützen, ist selbst sagenumwoben. Auf einem Kirchenfenster in der Hamelner Marktkirche aus der Zeit um 1300 soll ein buntgekleideter Pfeifer mit Kindern zu sehen gewesen sein. Das spätestens seit 1500 als verschollen geltende Fenster wird zum erstenmal ausführlich von dem Hamelner Lateinschulrektor Samuel Erich beschrieben. In seinem 1654 veröffentlichten Buch „Exodus Hamelensis, das ist der hämelischen Kinder Außgang“ versucht er das Verschwinden der Kinder zu erklären. Dabei hält er es für möglich, daß die Kinder durch den „leibhaftigen Satan“ weggeführt worden sein könnten. Als Erich sein Buch veröffentlichte, war die Sage bereits weit über die Hamelner Stadtgrenzen hinaus bekannt. So handelt es sich bei der ersten belegbaren schriftlichen Quelle um kein Hamelner Schriftstück, sondern um eine Lüneburger Handschrift von 1430/1450, in der jedoch ausschließlich vom Verschwinden der Kinder berichtet wird. Von einer Rattenvertreibung ist noch keine Rede. Im Jahr 1557 taucht die Sage in der Bamberger Ortschronik auf, nachdem der dortige Bürgermeister als Soldat in Hameln von den Geschehnissen erfahren hatte.
Zehn Jahre später, 1567, erscheint die Hamelner Sage in der Chronik der Grafen von Zimmern in Süddeutschland. Diese Sammlung ist für die Rattenfängersage von ganz entscheidender Bedeutung, da hier zum erstenmal das Verschwinden der Kinder durch das Pfeifen eines buntgekleideten Mannes mit einer Rattenvertreibung in Verbindung gebracht wurde.
Auf der ältesten erhalten gebliebenen Darstellung des Hamelner Kinderauszuges von 1592 ist die Rattenvertreibung schon unverzichtbar enthalten. Das Bild wurde von Augustin von Mörsperg, einem Elsässer, für seine Reisechronik in Auftrag gegeben und zeigt den Pfeifer in gotischer Tracht. Nachweisbare Vorlagen für das Bild gibt es keine.
Seit ihrer Aufnahme in den viersprachigen Weltatlas „Thesaurus orbis terrarum“, 1570 bis 1576 von Abraham Ortelius in Amsterdam herausgegeben, erfuhr die Sage eine geradezu massenhafte Verbreitung, und spätestens seit dieser Zeit gehören Hameln und der Rattenfänger unzertrennlich zusammen. So wurde Hameln in Merians 1654 erschienener „Eigentümlichen Beschreibung der vornehmsten Städte und Örter in den Herzogtümern Braunschweig und Lüneburg“ dargestellt mitsamt einer ausführlichen Beschreibung der Sage. Die Sage war auch ein beliebtes Thema der Vorläufer unserer Zeitungen, der Flugblätter, von denen sich zwei aus den Jahren 1622 bzw. 1633, beide in Frankfurt erschienen, erhalten haben. Bis zur Aufnahme der Geschichte in die Sagensammlung der Brüder Grimm 1816 lassen sich unter anderem über 70 Chroniken und historische Ortsbeschreibungen nachweisen, die sich mit dem Hamelner Ereignis befassen. Als der Engländer Robert Browning 1849 die Sage als Gedicht mit dem Titel „The Pied Piper of Hamelin“ veröffentlichte, dauerte es nicht mehr lange, bis die Hamelner Geschichte Weltberühmtheit erlangte. Gefördert wurde der Bekanntheitsgrad durch die künstlerischen Verarbeitungen, bei denen kein Geringerer als Goethe den Anfang machte, indem er den Rattenfänger-Stoff in Liedform brachte.





