Textilien aus dem islamischen Raum waren schon im Mittelalter kunstvoll gefertigt und reich verziert. „Viele Menschen wissen nicht, wie außerordentlich fortschrittlich die islamische Kultur im Mittelalter war“, sagt Federica Gigante von der University of Cambridge. Bewundert wurden die Stoffe selbst von den Christen. „Islamische Textilien wurden mit dem Heiligen Land in Verbindung gebracht, aus dem Pilger und Kreuzfahrer die wertvollsten islamischen Textilien mitbrachten“, erklärt die Historikerin.
Die Christen nutzten solche Stoffe im späten Mittelalter sogar für religiöse Zwecke, etwa um ihre Reliquien oder die Gebeine von bedeutenden Personen darin einzuwickeln, wie Stofffragmente aus europäischen Kirchen bezeugen. Angesichts des damals herrschenden Religionskampfes scheint das ungewöhnlich. Aber: „Die Christen dachten, es gäbe eine künstlerische Kontinuität seit der Zeit Christi, so dass ihre Verwendung in einem christlichen Kontext mehr als gerechtfertigt war“, so Gigante. In einigen Kirchen in Italien finden sich zudem Spuren von Wandbildern, die islamische Textilien darstellen. Auch italienische Gemälde aus dem späten Mittelalter zeigen islamische Vorhänge und Teppiche.

Fresko aus Klosterkirche zeigt islamische Stoffe
Vor zehn Jahren hat Gigante in der Kirche eines Benediktinerinnenklosters im italienischen Ferrara ein großes Wandbild entdeckt, das ebenfalls einen farbenfrohen und reich verzierten Stoff zeigen könnte. Das Fresko wurde im späten 13. oder im frühen 14. Jahrhundert gemalt, jedoch zu Beginn des 15. Jahrhunderts teilweise übermalt. Da sich Kunsthistoriker primär für dieses zweite Werk mit christlichen Motiven interessierten, hatten sie das darunterliegende Kunstwerk bisher übersehen. Nun hat Gigante analysiert, ob es sich bei der Darstellung auf dem Fresko auch um ein islamisches Textil handelt und wozu dieser Stoff einst genutzt wurde.
Ihre Analysen ergaben: Das Wandbild bedeckte einst alle drei Wände der Apsis, in der der Altar stand. Darauf zu sehen sind bunte Stoffe, die mit Rauten und in Rondellen angeordneten achtzackigen Sternen sowie teils mit Juwelen verziert sind. Die Mitte der blauen Sterne war ursprünglich mit Blattgold besetzt. Am oberen und unteren Rand der Stoffe verläuft ein Band mit pseudo-arabischen Inschriften. Zudem haben die Textilien weiße Konturen, die den Kontrast der Farben verstärken. Ein Teil der Stoffe bildet im oberen Bereich des Freskos einen doppelstöckigen, kegelförmigen Baldachin, der scheinbar über dem Hochaltar angebracht wurde. Dies verwandelte die Apsis visuell in ein lebensgroßes Zelt, das den Altar umgab. Im Hintergrund des Freskos malte der Künstler einen blauen Himmel, der mit Sternen und Vögeln bedeckt war. Das erweckt den Eindruck, als wäre das dargestellte Zelt im Freien errichtet worden.







