„Iwans Krieg“ ist ein außergewöhnliches Buch über den Zweiten Weltkrieg. Catherine Merridale verfolgt in ihrer um‧fangreichen Studie den aufschlußreichen Ansatz, den „Großen Vaterländischen Krieg“ aus der Perspektive „Iwans“, also des namenlosen sowjetischen Durchschnittssoldaten, zu erzählen. Elf gut strukturierte Kapitel, die von der propagandistisch aufgeheizten Siegeszuversicht der 30er Jahre bis zum Beginn des Kalten Krieges im Sommer 1945 reichen, erlauben einen Einblick in den Alltag der Roten Armee, wie er in dieser Form bisher nicht existierte. Indem sie Befragungen sowjetischer Veteranen vornahm, Feldpostbriefe auswertete und Aufzeichnungen von Zensur und Militärpolizei heranzog, erschloß Merridale selten verwendetes, freilich zuweilen problematisches Quellenmaterial. Völlig Neues hat die Autorin dem Leser indes kaum zu präsentieren; der Wert des Buchs liegt darin, wie Merridale den Krieg erzählt bzw. erzählen läßt. Ohne sich gänzlich von dem für Rußland so wichtigen Mythos des epochalen, so teuer erkauften Sieges zu trennen, zeichnen die Quellen ein über weite Strecken wenig heroi-sches Bild: Iwans Alltag dominierten chaotische Befehls- und Kompetenzstrukturen, katastrophale Versorgungsprobleme, oftmals auch Zweifel an der Richtigkeit seines Tuns. Die sowjetische Zivilbevölkerung, so eine starke These des Buchs, stand keineswegs monolithisch hinter der kämpfenden Truppe, vielmehr waren es der Druck ständiger lebensgefährlicher Bespitzelung durch die eigenen Sicherheitsorgane und die entsetzlichen Greueltaten der Deutschen, die die später so überhöhte Einheit zwischen Front und Hinterland beförderten. Aus der Augenzeugenperspektive gelingt Merridale ein eindringliches, nahegehendes Bild des russischen Soldatenalltags, in dem die Mobilisierung von Frauen, die Konfrontation mit einem zu gnadenloser Vernichtung entschlossenen Feind, die Auflösung alter und das Knüpfen neuer sozialer Bindungen, später auch das Aufeinandertreffen mit dem relativen Reichtum des Westens wesentlich breiteren Raum einnehmen als Fragen explizit politischer und ideologischer Natur. Eine solche Erzählperspek-tive beinhaltet freilich gelegentliche Banalitäten, Alltagsweisheiten und Widersprüche, auch läßt sich Merridale mitunter dazu verführen, individuelle Erlebnisse allzu schnell als verallgemeinerte Erfahrung darzustellen; zuweilen ist auch ihre Sprache unangemessen salopp. Der Lebendigkeit und Eindrücklichkeit, dem Informationsgehalt und der gedanklichen Frische von Ansatz und Darstellung tut dies wenig Abbruch. „Iwans Krieg“ erweitert den Horizont, das ist das große Verdienst des Buchs.
Rezension: Benecke, Werner





