Wie jeden Morgen machte sich Aldo Moro auf den Weg zur Kirche Santa Chiara an der Piazza dei Giuochi Delfici in Rom. Als sein blauer Fiat 130 die Via Fani entlangfuhr, bremste das vorausfahrende Fahrzeug abrupt ab. Moros Fahrer konnte nicht rechtzeitig reagieren und fuhr dem Wagen ins Heck. Das Fahrzeug der Eskorte rammte seinerseits Moros Fiat. Von einer Bar her näherten sich vier Personen in Uniformen. Doch sie kamen nicht, um zu helfen, sondern um zu schießen. Kaum zehn Sekunden später waren drei Leibwächter und Moros Fahrer tot, der vierte Bodyguard tödlich verwundet. Die Terroristen zerrten Moro in ein Auto und verschwanden.
Die „Brigate Rosse“ waren nur eine von vielen Gruppen, die in den 1970er Jahren Gewalt und Tod auf die Straßen und Plätze Italiens trugen. Doch sie war eine der langlebigsten. Die meisten anderen verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren, fusionierten, spalteten sich auf, änderten ihren Namen, ihre Einstellung, ihre Strategie. Wie kam es zu dieser innenpolitischen Radikalisierung, die Aldo Moro zum Verhängnis werden sollte?
Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich in Italien eine Industrialisierung im Eiltempo vollzogen. Die 1950er Jahre waren eine Zeit enormen wirtschaftlichen Wachstums. Millionen Menschen verließen den armen, bäuerlich geprägten Süden und zogen in die Städte im Norden. Viele Kommunen waren mit dem Zuzug überfordert. Nicht nur stiegen die Mieten rasant, es fehlte auch an Schulen und Krankenhäusern.
Schnelles Handeln verhinderten auch die Eigenheiten des italienischen Parteisystems. In der regierenden Democrazia Cristiana (DC) vereinten sich zahlreiche Strömungen, die das politische Spektrum von bäuerlich-konservativ über gewerkschaftsfreundlich bis links-katholisch abdeckten. Das machte das Regieren zu einer komplizierten Angelegenheit, war es doch äußerst schwierig, innerhalb der Partei einen Konsens zu erreichen. Doch es gab keine Alternative.
Die einzige andere Partei, die einen nennenswerten Teil der Wählerstimmen auf sich vereinen konnte, war die Partito Comunista Italiano (PCI). Diese hatte nur wenig mit den kommunistischen Parteien anderer Länder gemein. Fast unmittelbar nach ihrer Gründung 1921 hatte Benito Mussolini die Macht übernommen. Die PCI wurde verboten, die Mitglieder erlitten Verfolgung; viele engagierten sich im Widerstand gegen den Faschismus.
Nach dem Krieg gab sich die PCI pragmatisch, präsentierte sich weniger als Partei der Arbeiter, die eine „Diktatur des Proletariats“ anstrebte, sondern versuchte, auch Bauern, die Mittelschicht und die katholische Wählerschaft zu erreichen. In Abgrenzung zum Sowjetkommunismus entwickelte sie den „Eurokommunismus“, der sie schließlich zum compromesso storico, dem „historischen Kompromiss“ der Zusammenarbeit mit der DC, führte – welcher von Teilen der Linken als Verrat angesehen wurde.





