Sebastian Dobson und Sabine Arqué haben in ihrem Bildband „Japan 1900“ über 700 Fotos zusammengestellt, die Einblicke in ein für damalige westliche Augen völlig neuartig anmutendes Land gewähren. Ergänzt werden sie durch Landkarten, Holzschnitte oder Postkarten.
Einerseits strotzen die inszenierten Fotografien vor Exotismus, der (Über-)Betonung des Exotischen. In deren Zentrum stehen zum einen die Landesbewohner – besonders japanische Frauen, wie etwa Geishas, aber auch männliche „Exoten“ wie etwa Sumoringer, Musiker oder Theaterkünstler – zum anderen aber auch imposante Städte- und Landschaftsaufnahmen.
So handelt es sich hier um Fotos, die nicht das reale Leben in Japan um 1900 zeigen wollen, sondern bewusst ein überzeichnetes Japan-Bild präsentieren. Um vor allem westliche Touristen ins Land zu locken, stellen die Aufnahmen, die Träume, Neugier und Sehnsüchte erwecken sollen, Japans Attraktivität und Schönheit zur Schau.
Zugleich zeigen die kolorierten Fotos, die fast ausschließlich von einheimischen japanischen Fotografen stammen, Japan als fernöstliche Hochkultur und höchst zivilisiertes Land. Viele Bilder entstanden im berühmten Studio von Kusakabe Kimbei in Yokohama, der sich Ende des 19. Jahrhunderts auf Souvenirfotografie spezialisiert hatte.
Die einen Fotografien zeigen das traditionelle Japan stereotypisierend etwa mit Samurai, Geisha und Sumo, die anderen aber betonen Japans Modernität durch die Präsentation neuer
infrastruktureller Errungenschaften wie etwa Bahnhöfe oder Dampfschiffe. Diese Mischung macht deutlich, dass sich das japanische Kaiserreich um 1900 inmitten eines rapiden Modernisierungsprozesses hin zu einer aufstrebenden Großmacht befand.
Zwar finden sich in diesem Band Ansichten zentraler japanischer Sehenswürdigkeiten wie etwa des Großen Buddha (Daibutsu) von Kamakura oder des Fuji, die sich heute ähnlich fotografisch festhalten ließen. Trotzdem legen die hier gesammelten Bilder ein besonderes Zeugnis von einem Land um 1900 im Wandel ab, das es so heute nicht mehr gibt: Wie auch andere Länder haben enorme Modernisierungsschübe, Industrialisierung, Urbanisierung und Technologisierung Japan völlig verändert.
Aber wie in kaum einem anderen Land der Welt radierten vor allem Katastrophen japanische Städte und Landschaften geradezu aus. Erinnert sei nur an das Große Kanto-Erdbeben (1923), die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki (1945) oder an die Erdbeben-, Tsunami- und Reaktorkatastrophe in der Region Tohoku/Fukushima (2011). Teilansichten der betroffenen Gebiete um 1900 wurden hier einzigartig für die Nachwelt konserviert.





