Die häufigsten Attribute, die mit Friedrich II. in Verbindung gebracht werden, sind „alt“ und „groß“. Vielleicht denken cineastisch Inter‧essierte in diesem Zusammenhang an den Schauspieler Otto Gebühr, der den „Alten Fritz“ geradezu idealtypisch in den NS-Propaganda-filmen verkörperte. Oder an den ernsten, aber gütigen Ausdruck des Landesvaters auf dem Gemälde von Anton Graff (1781) – ein Bild, für das Friedrich II. nie Porträt gesessen hat, das aber bekannter sein dürfte als das einzige Bild, für das er tatsächlich Porträt saß, jenes von Johann Georg Ziesenis (1763).
Einen ganzen Strauß normativer Attribute nimmt Friedrich II. in sich auf, wenn man an die in den letzten Jahren wieder häufiger zitierten „preußischen Tugenden“ denkt. Der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck rief 2006 nach „mehr preußischen Tugenden“, und der Modemacher Wolfgang Joop fühlte sich Friedrich II. „seelenverwandt“. Diese in den Medien weidlich ausgeschlachteten Aussagen scheinen anzudeuten, dass preußische Tugenden mittlerweile als nicht mehr ganz „out“ angesehen werden. Ihnen stehen jene negativen „Erbschaften“ gegenüber, für die Preußen ebenfalls verantwortlich gemacht wird. Führten „typisch“ preußische Tugenden nicht direkt in die nationalsozialistische Welt eines Adolf Hitler?
Preußen, so die langjährige „Zeit“-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff 1987 in ihrem Buch „Preußen. Maß und Maßlosigkeit“, sei am 18. Januar 1871, als das deutsche Kaiserreich proklamiert wurde, gestorben. Das Preußen, wie es sich nach diesem Datum präsentierte, sei geprägt gewesen von Militarismus und Unter-tanengeist. Das ideale Preußen sieht Dönhoff dagegen im 18. Jahrhundert, als Maßhalten, Vernunft, Toleranz, Loyalität und die Freiheit von politischer Willkür auf dessen Programm gestanden seien. Ein Idealbild, das Marion Gräfin Dönhoff hier entwirft und das typisch ist für viele Tugendkataloge, die man gerade dem Preußen Friedrichs II. zuschrieb.
Dass das Bild Friedrichs II. durch viele verschiedene Brillen betrachtet werden kann, ist letztendlich wenig hilfreich, um die Person und den Charakter des Monarchen zu ergründen. Es ist vielmehr ein Zeugnis für die jeweilige zeit-genössische Politik und die entsprechenden Normen, die der Betrachter in die Öffentlichkeit bringen will. Der österreichische Historiker Alfred von Arneth kritisierte die in seinen Augen zu idealisierende Friedrich-Rezeption des 19. Jahrhunderts 1864 mit den Worten: „Wer lang durch stark gefärbtes Glas gesehen, wird von der natürlichen Beleuchtung der Dinge unangenehm berührt.“




