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Jedem Reichsteil seinen Imperator
Normalerweise war das Amt des römischen Kaisers eine Stellung auf Lebenszeit. Diese Lebenszeit fand in der Ära der Soldatenkaiser bei vielen Herrschern ein sehr frühes Ende. Mit Diokletian betrat ein Kaiser die historische Bühne, der die Geschichte der römischen Imperatoren durch die Novität eines freiwilligen…
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Diokletians Konzept mit Weitblick: Machtteilung als Programm
Diokletian stammte wie viele seine Kaiserkollegen des 3. Jahrhunderts vom Balkan. Um 244 in Dalmatien geboren, absolvierte er eine erfolgreiche Laufbahn beim Militär. 284 wurde er, nach bekanntem Muster, von seinen Soldaten in Nikomedia, dem heutigen Izmit in der Türkei, zum Kaiser erhoben. Und wie viele seiner Vorgänger hatte er sich zunächst mit Konkurrenz aus dem eigenen römischen Haus auseinanderzusetzen. So marschierte er mit seiner Armee Richtung Westen, um den dort herrschenden Rivalen Carinus auszuschalten. Dies gelang allerdings erst, als dieser einer Verschwörung in den eigenen Reihen zum Opfer gefallen war. Nun war der Weg frei für Diokletian. Die Lebensversicherung eines neuen Soldatenkaisers, so hatte er gelernt, war das Kriegführen, denn die Soldaten wollten beschäftigt werden und Beute machen. Also zog er an die Donau und kämpfte dort gegen Germanen und Sarmaten.
Doch schon früh zeigte sich bei ihm jener perspektivische Weitblick, der ihn später zu einem Kaiser werden ließ, der in der Lage war, nicht nur die Tagesaktualität zu sehen. Bereits 286 ernannte er seinen Mitstreiter Maximianus, einen Offizier, der ebenfalls vom Balkan stammte, zum Augustus, und verschaffte ihm damit den Rang eines gleichberechtigten Kollegen im Amt des Kaisers. Die Herrschaft zu teilen war an sich nicht neu. Zu diesem Mittel hatten bereits im 2. Jahrhundert Herrscher wie Mark Aurel gegriffen, um die vielfältigen Probleme des Imperiums, auf mehrere Schultern verteilt, besser in den Griff zu bekommen.
Diokletian aber ging noch einen Schritt weiter. Denn bald musste er mehr und häufiger Kriege führen, als er es wollte. Die Sicherheitslage des Imperiums verschlechterte sich zusehends. So war er in den folgenden Jahren mit Kämpfen im Osten und im Westen beschäftigt. Diese Dauerbelastung veranlasste ihn am1. März 293 zu einer radikalen Neuerung. Aus dem kaiserlichen Duo machte er ein Quartett: Zwei bewährte Militärs, Galerius und Constantius Chlorus, wurden von den beiden bereits regierenden „Augusti“ zu „Caesares“, zu Juniorkaisern, befördert. Um die Allianz noch enger zu schmieden, griffen die Architekten des tetrarchischen Systems zum bewährten Mittel der Adoption, das dem Römischen Reich in der Glanzzeit des 2. Jahrhunderts eine Reihe von fähigen Herrschern beschert hatte.
Um ganz sicher zu gehen, kam auch das seit den Tagen der alten Republik bewährte Instrument der Heiratspolitik zum Einsatz. Galerius heiratete Valeria, die Tochter Diokletians, Constantius Theodora, die Stieftochter des Maximianus. In dieser Konstruktion der Tetrarchie stellte Diokletian sein besonderes Talent unter Beweis, zur Bewältigung der Krisen Bewährtes und Neues zu einem wirkungsvollen Ganzen zu verbinden.
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Das Reich wurde jetzt ganz offiziell von vier Kaisern regiert. Jeder dieser Kaiser erhielt einen bestimmten territorialen Zuständigkeitsbereich. So entstand eine Reihe von neuen Residenzstädten als Zentren der Verwaltung: Augusta Treverorum (das heutige Trier, dessen Aufstieg damals begann), Mediolanum (das heutige Mailand), Sirmium (heute die serbische Stadt Sremska Mitrovica), Thessaloniki und Nikomedia. Die altehrwürdige Stadt Rom hatte damit als Regierungszentrum ausgedient. Die Kaiser residierten nun näher an den Brennpunkten des militärischen Geschehens. Der Senat, offiziell immer noch wichtigster politischer Partner der Kaiser, geriet durch die räumliche Distanz zunehmend ins Abseits.
Die Tetrarchie („Viererherrschaft“), wie das von Diokletian geschaffene Herrschaftssystem allgemein genannt wird, hatte nicht nur den Zweck der praktischen Arbeitsteilung. Der Soldatenkaiser Diokletian zog aus den Erfahrungen der Soldatenkaiserzeit den Schluss, dass die Reichsspitze insgesamt auf eine stabilere Grundlage gestellt werden müsse. Insbesondere ging es darum, potentielle Usurpatoren und Machtkonkurrenten mit der Aussicht in die Schranken zu weisen, dass sie es, wenn sie nach der Herrschaft strebten, mit gleich vier Kaisern zu tun haben würden.
Und vor allem: Das Modell der Tetrarchie war keine improvisierte Maßnahme zur akuten Krisenbekämpfung. Dahinter stand vielmehr ein ausgetüftelter Plan, der nach dem Willen des Architekten dieser Ordnung die Zukunft des neuen politischen Systems auf Jahrzehnte hinaus sichern sollte. Nach 20 Jahren Dienstzeit sollten die beiden Augusti Diokletian und Maximianus in den Ruhestand treten. Dafür stiegen die bisherigen Caesares zu Augusti auf und ernannten in ihrer Eigenschaft als nunmehrige Seniorchefs zwei neue Juniorchefs. Damit war die Zukunft geregelt, und chaotische Verhältnisse wie in der Zeit der Soldatenkaiser sollten der Vergangenheit angehören.
Da das Dasein eines römischen Kaisers in der Soldatenkaiserzeit einem Himmelfahrtskommando glich, bauten die Architekten des Systems gleich zu Beginn ihrer Herrschaft eine weitere Sicherungsmaßnahme ein, indem sie sich göttliche Beinamen gaben. Diokletian wählte Jovius, Maximianus Herculius. Damit rückten sie sich für alle erkennbar in die Nähe des Gottes Jupiter und des Halbgottes Hercules.
Gottgleiche Monarchen gebieten Respekt – und gehen Reformen an
Gleichzeitig änderten sich die Formen kaiserlicher Repräsentation. Hatte Augustus, der Gründer des römischen Prinzipats, noch Wert darauf gelegt, den Kaiser wenigstens in der Theorie zum Ersten unter Gleichen zu stilisieren, so ließ Diokletian keinen Zweifel daran, dass der Kaiser über allen anderen stand. Ablesbar war dieser Anspruch an einem ausgefeilten Hofzeremoniell, dem sich alle zu unterwerfen hatten, die vom Kaiser empfangen werden wollten. Während unter Augustus die comitas, also Umgänglichkeit oder Leutseligkeit, zu den kaiserlichen Primärtugenden gezählt hatte, setzte Diokletian auf Distanz und Abstand – der Kaiser als entrücktes Wesen, an das der Normalmensch nicht mehr herankam.
Diese Haltung war jedoch nicht Ausdruck von Überheblichkeit, Arroganz oder gar Caesarenwahn, sondern eine kluge Vorsichtsmaßnahme mit doppelter Absicht. In der Zeit der Soldatenkaiser war die Hemmschwelle, den Herrscher gewaltsam zu beseitigen, auf ein Minimum gesunken. Vor einem gottgleichen Monarchen aber, so Diokletians Kalkül, würde man mehr Respekt haben. Und außerdem galt es, die Stellung des Kaisers und seine Autorität, die durch die Dominanz des Militärs erheblich gelitten hatte, überhaupt wieder zu stabilisieren. Die Maßnahmen waren von Erfolg gekrönt: Die Fäden der Macht wurden jetzt nicht mehr in den Legionslagern, sondern wieder in den Palästen der Kaiser gezogen.
Flankiert wurden die Maßnahmen zur Sicherung der staatlichen Macht von einem umfangreichen Reformpaket, das weite Bereiche von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft betraf. Offiziell waren sie das Werk aller vier Herrscher, doch die treibende Kraft war Diokletian, der hier einmal mehr sein besonderes Talent als Organisator unter Beweis stellte. Auch wenn nicht alles funktionierte, was er in Angriff nahm: Es gab in der römischen Geschichte nur wenige Kaiser, die es in Sachen Aktivität mit dem Kaiser vom Balkan aufnehmen konnten.
Bei seiner sorgfältigen Analyse der Defizite der Soldatenkaiserzeit stießen Diokletian und sein Beraterstab auf einen weiteren kritischen Punkt. Viel zu leicht hatten die „Barbaren“, wie man die Germanen und Perser in der römischen Zentrale nannte, die Grenzen gestürmt. Das Reich hatte seinen Bollwerk-Charakter verloren, weil die Verteidigung des Imperiums nicht umsichtig genug organisiert war. Den Angriffen der Gegner begegnete Rom im Prinzip mit denselben Strukturen wie im 2. Jahrhundert, als an den Grenzen weitgehend Ruhe geherrscht hatte.
Die Lösung, die Diokletian fand, lautete: Teilung der administrativen Zuständigkeitsbereiche und Herstellung von kleineren, hochwirksamen Organisationseinheiten. Diese sollten nicht nur optimierten Abläufen im Militärwesen, sondern auch auf dem Sektor von Finanzen und Rechtsprechung dienen. Die bisherigen, großen Provinzen des Reichs wurden nun in 100 Kleinprovinzen aufgegliedert, und zugleich wurden als neue Verwaltungseinheiten zwölf Diözesen gebildet – ein Begriff, den später die Kirche für ihre bischöflichen Sprengel adaptierte.
Der Versuch, die Inflation zu stoppen, scheitert grandios
Die Maßnahmen verfehlten ihre Wirkung nicht: Als sich Diokletian in den Ruhestand verabschiedete, konnte er zufrieden konstatieren, Rom auch in dieser Beziehung wieder auf Kurs gebracht zu haben.
Doch war nicht einmal die in vielerlei Hinsicht so effiziente Herrschaft der Tetrarchen eine einzige Erfolgs-geschichte. Getrübt wurde die Bilanz durch einen grandiosen Fehlschlag bei dem Versuch, die Inflation im Römischen Reich zu stoppen. Diese war unter anderem deswegen eingetreten, weil es in der Zeit der Soldatenkaiser üblich gewesen war, massenhaft Münzen zu prägen, um frisches Geld in die chronisch leeren Staatskassen zu spülen. Römische Kaiser, nicht einmal die besten, waren grundsätzlich keine Finanzgenies und Wirtschaftsexperten. Das traf auch auf Diokletian zu. Selbst bei ihm stand Sparsamkeit nicht an oberster Stelle staatlicher Agenda. Mehr, um seine Popularität zu steigern, als um damit wirklich Gutes zu tun, steckte er Unsummen in Prestigeprojekte wie die nach ihm benannten Thermen in Rom oder Prachtbauten in seiner Residenzstadt Nikomedia.
Die Erhebung einer neuen Grundsteuer und einer Arbeitsertragssteuer linderten die Not nicht und steigerte nur den Zorn der grundbesitzenden Steuerzahler. Auch eine Münzreform mit der Abwertung von Gold- und Silbermünzen zeitigte nicht den gewünschten Effekt. 301 zog Diokletian die Notbremse und erließ eine Verordnung, die als „Höchstpreisedikt“ oder auch „Maximaltarif“ in die Geschichte eingegangen ist. Alle im Römischen Reich produzierten Waren und alle erbrachten Dienstleistungen wurden, was Preis und Entlohnung anging, mit einer gesetzlichen Obergrenze versehen. Bewundernswert ist die Bürokratenarbeit, die bei der Erstellung des Gesetzes geleistet wurde. Keine Ware wurde vergessen, bei Zwiebeln etwa akribisch unterschieden zwischen „getrockneten Zwiebeln, frischen Zwiebeln bester Qualität und frischen Zwiebeln zweiter Qualität“.
Angehörige von Berufsgruppen hatten nun eine klare Grundlage für die Bemessung ihrer sozialen Wertschätzung. So durfte sich ein „Lehrer für Lesen und Schreiben“ pro Schüler monatlich maximal über 50 Denare freuen, während ein Rechenlehrer immerhin bis zu 75 Denare verlangen konnte. Aber die Mühe war umsonst. Der Versuch eines Wirtschaftsdirigismus scheiterte grandios, denn es fehlte an Möglichkeiten der Kontrolle, und außerdem blühte, wie so oft in der Geschichte, wenn staatlicher Dirigismus am Werk war, nur der Schwarzmarkt.
Getrübt wurde die Bilanz der tetrarchischen Reformkaiser auch durch den Umgang mit den Christen. Wenn Diokletian und Maximianus sich mit ihren Beinamen Jovius und Herculius auf Jupiter und Hercules beriefen, so war dies nicht nur eine politische Lebensversicherung. Sie wollten der Gesellschaft auch eine auf traditionellen Werten beruhende Identität zurückgeben. Die Stärkung der alten römischen Religion erschien ihnen dafür als geeignetes Mittel.
Die Christen fielen mit ihren besonderen, nicht systemkonformen religiösen Gebräuchen aus dem erwünschten Raster. Bis 304 sahen sie sich, nachdem sie bereits in der Zeit der Soldatenkaiser als Sündenböcke für alle Missstände hatten herhalten müssen, massiven kaiserlichen Verfolgungen ausgesetzt. Es waren die schwersten Verfolgungen überhaupt. Die meisten Märtyrer der frühen Kirche stammen aus der Zeit Diokletians. Auch hier blieb der erhoffte Erfolg aus: Die Christen rückten nur noch enger zusammen, und in der nicht-christlichen Bevölkerung hielt sich das Verständnis für die gewalttätigen Maßnahmen des Staates gegen eine doch friedliche Gruppe der Bevölkerung in engen Grenzen.
Das neue System überdauert seinen Schöpfer nur kurze Zeit
Am 1. Mai 305 erklärte Diokletian vor dem versammelten Heer in Nikomedia seinen Rückzug aus der Politik. Kurz zuvor hatte sein Kollege Maximianus denselben Schritt vollzogen. Wie geplant ernannten die neuen Augusti, die bisherigen Caesares Galerius und Constantius, ihrerseits zwei neue Caesares. Diokletian zog sich in seinen Palast in Salona, dem heutigen Split, zurück. Nur einmal noch verließ er seinen Alterssitz, als es zu Streitigkeiten unter den Nachfolgern kam und er 308 auf einer Konferenz in Carnuntum zu schlichten versuchte. Doch vergeblich: Das Projekt Tetrarchie war nach dem Abgang der allseits respektierten Protagonisten zu einem Auslaufmodell geworden.
Das ausgetüftelte System wurde durch den plötzlichen Tod des Constantius Chlorus 306 aus den Angeln gehoben. Es war dessen ambitionierter Sohn Konstantin, später mit dem Beinamen „der Große“ versehen, der nach langwierigen Auseinandersetzungen mit seinen Konkurrenten 324 zum Alleinherrscher avancierte und wieder zum alten dynastischen Prinzip zurückkehrte, indem er seine drei Söhne als seine Nachfolger aufbaute. Gleichwohl starb Diokletian – im Dezember 313 – in der berechtigten Gewissheit, zusammen mit seinen drei Kollegen dem Römischen Reich aus einer besonders kritischen Phase seiner Geschichte herausgeholfen zu haben.
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