Von Jahrestagen geht offensichtlich ein unwiderstehlicher Zwang aus, Publikationen auf den Markt zu bringen, die meist Altbekanntes für ein breiteres Publikum aufbereiten, jedenfalls nicht mit neuen Erkenntnissen aufwarten. Der 40. Todestag John F. Kennedys bildet keine Ausnahme von diesem Gesetz des Buchmarktes, sondern hat dazu geführt, daß die Flut der ohnehin kaum mehr überschaubaren Kennedy-Literatur weiter angestiegen ist. Mag man den größten Teil davon dem eben skizzierten Genre der Jubiläumsschrift zurechnen, so finden sich unter den Neuerscheinungen doch auch Studien, die in der Tat unser Wissen erweitern und unser historisches Bild von Kennedy und seiner Präsidentschaft in wesentlichen Punkten präzisieren oder sogar verändern können. So hat der amerikanische Historiker Robert Dallek eine Biographie vorgelegt, die, akribisch aus den Archiven gearbeitet und souverän geschrieben, Maßstäbe setzt. Indem erstmals Kennedys Krankenakten umfassend ausgewertet werden konnten, wird das zeitgenössisch vermittelte Image des sportlich-gesunden, strahlend-männlichen, jugendlich-dynamischen Präsidenten erheblich erschüttert. Von Jugend an hatte Kennedy mit wiederkehrenden Erkrankungen zu kämpfen, bestimmten aufwendige medizinische Behandlungen und Klinikaufenthalte seinen Alltag. Im Amt stand er oft unter dem Einfluß starker Medikamente. Der Öffentlichkeit blieben sein körperlicher Zustand ebenso wie seine sexuellen Eskapaden weithin verborgen, die mit dem öffentlich vermittelten Bild des glücklichen Ehemannes und treusorgenden Familienvaters auch kaum in Einklang zu bringen waren. Wenn man in diese tiefe Kluft zwischen privater Realität und öffentlicher Inszenierung blickt, sieht man ein Lehrstück, wie sich die Form von Politik in den 1950er und 1960er Jahren veränderte. Kennedy beherrschte wie keiner seiner Vorgänger das Spiel mit den Medien, er inszenierte sich in Bildern, Gesten und Worten vor der Öffentlichkeit. Die realpolitische Bilanz seiner nur knapp 1000 Tage währenden Präsidentschaft jedenfalls fällt im Urteil Dalleks und auch in dem Band von Andraes Etges nüchtern aus: Außenpolitisch hatte er das Fiasko der gescheiterten Invasion auf Kuba ebenso zu verantworten wie die Zuspitzung der russisch-amerikanischen Konfrontation, die er freilich dann mit entschärfen konnte; und einen Rückzug aus Vietnam mochte er erst nach seiner 1964 anstehenden Wiederwahl erwägen, wozu es nicht mehr kam. Auch innenpolitisch enttäuschte Kennedy vielfach die Erwartungen; in der wichtigen Bürgerrechtsfrage etwa agierte er aus Rücksicht auf die Südstaaten-Demokraten nur zögerlich. Etges deutet in seiner kleinen, gleichwohl differenzierten biographischen Studie auf eine Ironie der Geschichte, wenn er darauf verweist, daß erst Kennedys Ermordung die Kräfte für umfassendere gesellschaftspolitische Reformen unter seinem Nachfolger freigesetzt habe. Doch nicht nur Realpolitik, sondern auch symbolische Politik entfaltet bedeutsame Wirkungen, und in ihr war Kennedy fraglos ein Meister. Schon die Inszenierung seiner eigenen Person in ihrer – vorgetäuschten – strahlenden Jugendlichkeit wirkte gleichsam als programmatischer Gegenentwurf zu den “Alten”, den Eisenhowers und Adenauers, und allem, wofür diese standen. Im Aufstieg des Sohnes aus irisch-katholischer Familie ins höchste politische Amt schien sich der amerikanische Traum aufs Neue zu erfüllen, ein Aufstieg freilich, wie Dallek und Etges zeigen, der von den gesellschaftlichen Kontakten und der finanziellen Potenz des Vaters maßgeblich abhing. Der Gestus des politischen Visionärs, der bravourös mit dem zentralen amerikanischen Mythos zu spielen wußte und von der Eroberung einer “new frontier” kündete, beeindruckte nicht nur die amerikanische Öffentlichkeit. Auch seine Außenpolitik wies theatralische Züge auf, wie sein Besuch in Westberlin 1963 besonders deutlich zeigte. Andreas Daum hat diesem Ereignis eine akribisch recherchierte, methodisch innovative und höchst aufschlußreiche Studie gewidmet und belegt an diesem Beispiel die große politische Bedeutung von Symbolen und Emotionen im Kalten Krieg. Jede Minute des Kennedy-Besuchs war auf das sorgfältigste vorbereitet, jede Geste, jedes Wort kalkuliert, einer Dramaturgie folgend, die um die öffentliche Wirkung von Bildern wußte. Nur einmal wurde das Drehbuch gesprengt: Als der Präsident vor dem Schöneberger Rathaus vom vorgesehenen Redetext abwich und einen der “gelungensten Sätze politischer Rhetorik” sprach (“Ich bin ein Berliner”), was die emotionale Wirkung des Besuchs weiter verstärkte und perpetuierte. Daums Buch zeigt ebenso wie die Biographien von Dallek und Etges: Kennedy war stets mehr als ein politischer Akteur, er war, zu Lebzeiten schon und erst recht nach seiner Ermordung, ein Mythos und eine Chiffre für neue Formen von Politik, die uns bis in unsere Gegenwart vertraut geblieben sind. Wenn solche Einsichten zu gewinnen sind, hat die Jubiläumsproduktion doch ihr Gutes.





