Die Antwort ergibt sich aus Josephs rationaler Herrschaftsidee, seinem Bemühen um politisch-gesellschaftliche Reformen, seiner Orientierung an den Idealen der Aufklärung. Das „allgemeine Wohl“ aller Untertanen müsse, wie der Kaiser später schrieb, das oberste Ziel sein, auf das ein jeder Herrscher hinzuarbeiten habe. Dazu aber müsse man das behagliche Hofleben aufgeben, das Land kennenlernen, sich ein eigenes Bild der Lebensverhältnisse seiner Bevölkerung machen und mit den Menschen sprechen.
Hier und da folgten aufgeklärte Landesherren auch andernorts dieser Maxime, doch kein Herrscher nutzte persönliche Reiseunternehmungen so konsequent, unermüdlich und nachhaltig für das eigene Reformwerk wie Joseph II. Seine lange Regierungszeit von 1765 bis 1790 verbrachte der arbeitssüchtige Habsburger zu etwa einem Viertel mit Reisen in die österreichischen Provinzen, in die neu erworbenen polnisch-litauischen Gebiete, nach Frankreich, Italien und Russland. Manches Jahr war er 130, 140 Tage unterwegs, meist als Privatmann gekleidet, ohne Pomp und großes Gefolge, um nicht aufzufallen.
„Der Kaiser reist inkognito“ – so der ebenso treffende wie aussagekräftige Titel des neuesten Buches von Monika Czernin, die sich als Autorin und Filmemacherin bereits mehrfach der Geschichte der Habsburgermonarchie gewidmet hat. Das Buch will keinen Überblick über sämtliche Reisen vermitteln, sondern konzentriert sich auf mehrere gut ausgewählte Unternehmungen. Es ist ein historisches Lesebuch im eigentlichen Wortsinn: zuverlässig und fachlich abgesichert, aber um Anschaulichkeit und Lesbarkeit bemüht.
Manchem wird der lebendige Erzählstil vielleicht zu weit gehen, denn was Joseph in bestimmten Situationen empfand, welche Sehnsüchte ihn beflügelten und wie er seine Umgebung tatsächlich wahrnahm, erschließt sich weder aus seinen eigenen Aufzeichnungen noch aus Verwaltungsakten. Es wäre jedoch verfehlt, die Darstellung am Maßstab eines wissenschaftlichen Fachbuchs zu messen. Ihre „Erzählung“, so Czernin, habe „nahezu automatisch romanhafte Züge“ angenommen. Das allerdings ist eindeutig zu bescheiden formuliert, denn die versierte Autorin vermag ihre Leser nicht nur durch ihre Sprachkraft zu fesseln, sondern auch durch ihr Wissen über das 18. Jahrhundert einzunehmen.
Rezension: Prof. Dr. Joachim Bahlcke
Monika Czernin
Der Kaiser reist inkognito
Joseph II. und das Europa der Aufklärung
Penguin Verlag, München 2021, 383 Seiten, € 22,–





