Kaiser Rotbart im Kyffhäuser - wissenschaft.de | DAMALS
DAMALS PlusGeschichte & Archäologie
Kaiser Rotbart im Kyffhäuser
Das rätselhafte Ende Barbarossas erleichterte seinen Eingang in den Mythos. Er wurde zum Kaiser, der in einem Berg schlafend auf seine Wiederkehr wartet – dabei verdrängte er seinen Enkel, dem diese Legende ursprünglich zugedacht gewesen war.
Sie haben noch 2 von 3 kostenlosen Artikeln übrig1/3
Zwischen der historischen Person und dem mit ihr verbundenen Mythos zu trennen ist im Fall Barbarossas wohl so geboten wie bei keinem anderen Kaiser des Mittelalters – ausgenommen vielleicht bei Karl dem Großen. Denn der Erinnerung der Deutschen haben sich weniger Leben und Taten des staufischen Kaisers eingeprägt als vielmehr die Vorstellung, er sei nach seinem Tod in einen Berg entrückt worden und warte dort schlafend auf seine Wiederkehr.
Dass dies ein Phänomen von Barbarossas Nachleben ist, liegt auf der Hand. Und diese Legende, die sich im 19. Jahrhundert zum deutschen Nationalmythos mausern sollte, hat mit der historischen Person nur insoweit zu tun, als sie ohne Barbarossas Tod nicht hätte entstehen können – genauer gesagt: ohne das Schicksal seiner Gebeine. Denn das Wissen um deren Verbleib ging mit dem Untergang der Kreuzfahrerstaaten am Ende des 13. Jahrhunderts endgültig verloren.
Barbarossa ist damit der einzige Kaiser des Mittelalters, dessen Grab unbekannt ist. Läge der Staufer wie seine salischen Amtsvorgänger und Verwandten im Kaiserdom zu Speyer begraben, hätte die Legende nicht entstehen können. So aber kehrte er als Kaiser, der nicht gestorben ist, sondern entrückt wurde, in das kulturelle Gedächtnis der Deutschen zurück und wurde zu ihrem Nationalmythos. Als solcher ist er aber nicht nur ein historisches Erbe, sondern auch eine Erblast.
„Unternehmen Barbarossa“: eine Anspielung auf den Mythos
Am 18. Dezember 1940 erteilte Adolf Hitler als „Führer“ und oberster Befehlshaber der Wehrmacht die Weisung Nr. 21: „Die deutsche Wehrmacht muss darauf vorbereitet sein, auch vor Beendigung des Krieges gegen England Sowjetrussland in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen (Fall Barbarossa).“ Einen Monat später wurde der geplante Angriff erstmals auch als „Unternehmen Barbarossa“ bezeichnet.
Über Sinn und Bedeutung dieses Decknamens ist viel gerätselt worden. Sah Hitler die Wehrmacht in der Nachfolge des Deutschen Ordens, jenes geistlichen Ritterordens, der in der deutschen Geschichte immer mit dem vermeintlichen deutschen „Drang nach Osten“ in Verbindung gebracht wurde? Oder dachte er an den Kreuzzug Barbarossas und fand darin das Vorbild für seinen ideologisch motivierten „Kreuzzug“ gegen den Bolschewismus?
Vielleicht war der Deckname „Barbarossa“ aber auch eine Art geschichtssymbolische Wiedergutmachung des Fehlers, den die nationale Geschichtsschreibung seit dem 19. Jahrhundert dem Stauferkaiser immer wieder vorgeworfen hat. Anstatt sich in aussichtslose Kämpfe mit oberitalienischen Städten und dem Papsttum zu verstricken, hätte er nach Ansicht bedeutender Historiker die Kräfte des Reichs besser nach Osten lenken sollen – wie Heinrich der Löwe mit seinen Heerzügen gegen die Slawen.
Mehr aus Geschichte & Archäologie
Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Geschichte & Archäologie.
Aber vielleicht sollte der Name des Stauferkaisers einfach verhindern, dass bereits im Planungsstadium Mutmaßungen über die geographische Stoßrichtung des Angriffs durchsickerten. Denn zunächst hatte der Wehrmachtsführungsstab unter dem Decknamen „Fritz“ geplant. Erschien das als allzu durchsichtige Anspielung auf Friedrich den Großen und seinen Kampf gegen Russland im Siebenjährigen Krieg?
Wie dem auch sei: Ohne die historischen Assoziationen, die mit dem Staufer einen politischen Anspruch auf europäische Hegemonialstellung – oder gar auf Weltgeltung – des Deutschen Reichs verbanden, hätte es die Bezeichnung „Unternehmen Barbarossa“ wohl nicht gegeben. Die nationalpatriotische Geschichtsschreibung hatte den Kaiser seit dem 19. Jahrhundert zum letzten großen Vertreter des deutschen Machtgedankens stilisiert.
Die nationalsozialistische Geschichtspolitik konnte daran bruchlos anknüpfen, ohne dem überkommenen Barbarossa-Bild – mit Ausnahme der Akzentuierung angeblich germanischer Denk- und Lebensweise – noch etwas Neues hinzuzufügen. So schrieb beispielsweise die „Göppinger Zeitung“ anlässlich des ersten Treffens der Hitlerjugend auf dem Berg Hohenstaufen, wo einst die Stammburg der Staufer stand: „Barbarossas Geist lebt wieder, hat Millionen deutscher Volksgenossen ergriffen.“ Der Märchenkaiser, der schlafend in einem Berg auf seine Wiederkehr wartete, war zu einer Projektionsfläche politischer Machtambitionen der Gegenwart geworden. Wie konnte es dazu kommen?
Die Hauptursache dafür war eine Verwandlung des Personals in der deutschen Kaisersage des Mittelalters. In ihr vermischten sich zwei verschiedene Motive. Erstens die eschatologische Vorstellung vom Endkaiser. Sie reicht zurück in das 4. Jahrhundert. Damals entstand mit dem Sieg des Christentums eine Weissagung, die von einem kurz vor dem Weltende regierenden idealen Herrscher handelt, der die Feinde der Christen vernichtet und am Ende seiner Regierung alle Macht an Gott zurückgibt, indem er in Jerusalem seine Krone niederlegt.
Der zweite Motivstrang folgt der im 13. Jahrhundert entstandenen Prophezeiung, dass der Stauferkaiser Friedrich II. (römisch-deutscher König 1196 –1250, Kaiser seit 1220), ein Enkel Barbarossas, nicht sterben werde. Sein Tod werde „verborgen und unerkannt sein, und es wird im Volk erschallen: er lebt, er lebt nicht“.
Die Vorstellung von der Wiederkehr Friedrichs II. oder eines dritten Friedrich lud sich im Spätmittelalter angesichts sozialer Spannungen und Kritik an der Amtskirche sozialutopisch und kirchenreformerisch auf, das Motiv des Endkaisers verband sich mit der Hoffnung auf einen dritten Friedrich, einen Friedenskaiser. In Thüringen gingen um 1420 Vorstellungen von einem Kaiser Friedrich um, der noch lebe, bis zum Jüngsten Tag lebendig bleibe und in den Ruinen auf dem Kyffhäuser umherwandere, sich zuweilen sehen lasse und mit den Leuten rede.
Während des Bauernkriegs 1524/25 wollten sich Bauern am Kyffhäuser versammeln, wo der Kaiser Friedrich auferstehen und das unschuldig vergossene Blut rächen werde. 20 Jahre später gab sich ein alter Mann auf dem Kyffhäuser als der wiedererstandene Kaiser Friedrich aus, der Frieden in die Welt bringen wolle.
Plötzlich wird Friedrich I. zur zentralen Figur der Legende
Damals war aus Friedrich II. aber bereits sein Großvater Friedrich Barbarossa geworden. 1519 war das „Volksbuch von Kaiser Friedrich Barbarossa“ gedruckt worden. Dort heißt es, der auf dem Kreuzzug ertrunkene Kaiser sei nicht gestorben, sondern warte lebendig „in ainem holen Perg“ auf seine Wiederkunft, um die Geistlichen zu strafen und dann seine Herrschaft niederzulegen.
Dass es nun plötzlich Friedrich Barbarossa war, auf dessen Wiederkehr man hoffte, hatte wohl damit zu tun, dass Palermo als Beisetzungsort Friedrichs II. bekannt war und im Wettlauf der deutschen und italienischen Humanisten um die Inanspruchnahme großer Männer für den Ruhm des eigenen Volkes die Bezugnahme auf Barbarossa näherlag als die auf dessen Enkel, der den größten Teil seiner Regierungszeit in Italien verbracht hatte.
Das Motiv der Hoffnung auf Erneuerung der Kirche verlor dann durch die Reformation seinen unmittelbaren Gegenwartsbezug. Aber die alte Kaisersage überlebte in Gestalt einer thüringischen Lokalsage, die den im Berg schlafenden Barbarossa im Kyffhäuser verortete und im Lauf des 17. und 18. Jahrhunderts einige neue Motive aufnahm: der runde Tisch, an dem der Kaiser sitzt, sein langer Bart und die Raben, die um den Berg fliegen. Auch in der Gegend zwischen Berchtesgaden und Salzburg oder in Kaiserlautern und Hagenau, wo Ruinen staufischer Pfalzen standen, erzählte man sich von einem verborgenen Kaiser.
Dass aus der thüringischen Ortssage eine deutsche Nationalsage und aus Barbarossa ein deutscher Nationalmythos wurde, ist aber erst eine Entwicklung des 19. Jahrhunderts. Die Auflösung des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation 1806, die Niederlagen gegen Napoleon, die beklagte politische Zersplitterung Deutschlands und die Hoffnung auf künftige nationale Einheit – das war der zeitgeschichtliche Hintergrund, vor dem der schlafende, aber wiederkehrende Kaiser zum Symbol nationaler Einheit werden konnte.
1816 publizierten die Brüder Grimm die in Thüringen verbreitete Sage in ihrer vielgelesenen Märchen- und Sagensammlung unter dem Titel „Friedrich Rotbart im Kyffhäuser“ und machten sie damit erstmals einem breiten Publikum in ganz Deutschland zugänglich. Ein Jahr später popularisierte Friedrich Rückert den Stoff in seinem Gedicht „Barbarossa“, das dann über Generationen hinweg in der Schule auswendig gelernt wurde: „Der alte Barbarossa, / Der Kaiser Friederich, / Im unterirdschen Schlosse / Hält er verzaubert sich. / Er ist niemals gestorben, / Er lebt darin noch jetzt; / Er hat im Schloss verborgen / Zum Schlaf sich hingesetzt. / Er hat hinab genommen / Des Reiches Herrlichkeit, / Und wird einst wiederkommen, / Mit ihr, zu seiner Zeit …“
Staufer werden zum Bezugspunkt des deutschen Reichsgedankens
Rückerts Gedicht wurde allgemeines Bildungsgut und trug seinen Teil dazu bei, den Staufer zu einem ganz selbstverständlichen Bezugspunkt des nationalen Reichs- und Einheitsgedankens zu machen. Die Geschichte vom schlafenden Kaiser im Berg erzählte von der politischen Herkunft der Deutschen im Mittelalter, verband so die Vergangenheit mit der Gegenwart und vermittelte gleichzeitig ein Zukunftsversprechen. Für die gedemütigten Deutschen wurde der schlafende Kaiser zum selbstverständlichen Bezugspunkt der nationalen Einheitshoffnung – und auf diesem Weg zum Nationalmythos.
Dessen Entstehung und Verbreitung verliefen dann aber keineswegs geradlinig. Entscheidend waren dabei Konjunkturen, denen das Projekt der nationalen Einigung in der Zeit von den „Befreiungskriegen“ und der Restauration über die Zeit des Vormärz und der Revolutionsjahre bis zur Reichsgründung 1870/71 unterworfen war. Damals bedienten sich ganz unterschiedliche Gruppen und Schichten des Kaisers zu ihren jeweiligen Zwecken.
Gerade dadurch sicherten sie ihm eine Omnipräsenz in den Medien der damaligen Zeit: Immer wieder fand Barbarossa auf Flugschriften, Gedenkblättern, Einblattdrucken, kleinen Heften mit Titelbildern und Illustrationen von Texten und Gedichten seinen Platz. Die nationale Festkultur der Sänger-, Turner- und Schützenvereine bildete dafür den Rahmen.
Zur Heimkehr des siegreichen Heeres nach dem „Einigungskrieg“ gegen Frankreich 1870/71 standen Stauferdramen auf den Spielplänen der deutschen Hoftheater. Barbarossa vermittelte dem neuen Reich die Aura historischer Notwendigkeit und geschichtliche Kontinuität, gleichsam als Vorgänger der Hohenzollernkaiser. Dem ersten Hohenzollernkaiser Wilhelm I. gab man nach staufischem Vorbild den Beinamen „Barbablanca“ (Weißbart).
Im Auftrag des Reichskanzlers Otto von Bismarck unternahm der Münchner Professor Johann Nepomuk Sepp 1874 sogar eine Expedition nach Tyrus, wo man in den Ruinen der Kathedrale Barbarossas Grab vermutete. Nur weil Sepp mit leeren Händen zurückkehrte, wurde der Kölner Dom nicht zum Nationaldenkmal mit Kaisergrab – denn dort sollten die Gebeine des Staufers, hätte man sie gefunden, beigesetzt werden. Aber immerhin versah Sepp das Gedicht von Rückert mit einer neuen Schlussstrophe: „Erfüllt ist jetzt die Sage / Gekommen ist zugleich / Gott segne diese Tage / der Kaiser und das Reich.“
Darstellungen des Staufers in Wort und Bild waren in nahezu allen Lebensbereichen präsent, in Schule und Studentenschaft, Verein und Fest, Roman und Gedicht, Geschichtsbuch und illustrierten Zeitschriften, aber auch in öffentlichen Gebäuden oder Kirchen – und nicht zuletzt als Denkmäler. Nach dem Tod Wilhelms I. und Friedrichs III. im „Dreikaiserjahr 1888“ unterlag der Barbarossa-Mythos vollends der nationalistischen Politisierung.
Gegenüberstellungen von Wilhelm I. und Barbarossa – wie etwa in den beiden Reiterstandbildern vor der Goslarer Kaiserpfalz – erweckten den Eindruck von Vorgänger und Nachfolger, von Vorgeschichte und Vollendung und überdeckten die Kluft, welche die Gegenwart von dem fernen 12. Jahrhundert trennte, mit dem Bild ungebrochen weiterwirkender Reichstradition.
Das Denkmal im Kyffhäuser wird 1896 von Wilhelm II. eingeweiht
Das eindrucksvollste Beispiel für diese staatliche Mythenaneignung und das damit verbundene Geschichtsbild ist bis heute das riesenhafte Denkmal auf dem Kyffhäuser. Einem 81 Meter hohen Turm ist das elf Meter hohe Reiterstandbild Wilhelms I. vorgelagert. Der schlafende Barbarossa thront in Gestalt einer sechs Meter hohen Steinfigur am Sockel des Denkmalturms und erscheint so als Vorgänger des Hohenzollernkaisers, der wiederum das mittelalterliche Reich seines staufischen Amtsvorgängers zu vollenden scheint. In diesem Geschichtsbild war der Staufer allerdings alles andere als ein harmloser Märchenkaiser, der im Berg schläft.
Das Denkmal wurde von den Kriegervereinen der Veteranen von 1871 gestiftet und von Kaiser Wilhelm II. am 18. Juni 1896 eingeweiht, im 25. Jahr der Reichsgründung. Der Tag war mit Bedacht gewählt worden, denn am 18. Juni 1815 war Napoleon in der Schlacht von Waterloo besiegt worden, und am 18. Juni 1871 war Wilhelm I. nach dem Sieg über Frankreich in Berlin eingezogen. Die Datumssymbolik lässt erkennen, dass man die Geschichte Barbarossas in machtpolitische Kontinuitäten stellte und sie gleichzeitig als einen politischen Auftrag an die eigene Gegenwart verstand.
Das national verklärte Mittelalter und der erhoffte Triumph der verspäteten deutschen Nation in Europa gingen eine politisch aggressive Verbindung ein, für die der Name des Stauferkaisers geradezu Symbolcharakter gewann. Der Deckname „Unternehmen Barbarossa“ für den Angriffskrieg auf die Sowjetunion 1941 war die Folge einer Rezeption, in der die Erinnerung an den Kaiser zu einer Funktion politischer und historischer Sinnstiftung des neugegründeten deutschen Nationalstaats wurde.
Diese Erfahrung immunisiert heute gegen jede heroisierende Erinnerung an den Staufer. In der „mythenfreien Zone“ (Herfried Münkler) der nüchternen Nachkriegsbundesrepublik verlor der Nationalmythos Barbarossa seinen politischen Resonanzboden vollständig. Und im wissenschaftlichen Diskurs büßte das Deutungsparadigma der Machtpolitik seinen früher dominanten Stellenwert so gut wie restlos ein. Die moderne Barbarossa-Forschung hat mit der traditionellen Sicht auf den Staufer als „Staatsmann“ und Machtpolitiker gebrochen und wählt einen kulturgeschichtlichen Zugang, der es erlaubt, den Kaiser aus seiner Zeit heraus zu verstehen.
Erinnerung, verstanden als aktiv gestaltete Aneignung des Vergangenen, muss gerade im Fall Barbarossas heute das Wissen um die eingetretenen Umdeutungen und Deutungsverschiebungen einschließen, denn seine fragwürdige Karriere als Nationalmythos und seine bedenkenlose Instrumentalisierung im Dienst eines ganz dem Machtgedanken verpflichteten Geschichtsbildes trugen ihren Teil zu den deutschen Katastrophen des 20. Jahrhunderts bei.
Autor: Prof. Dr. Knut Görich
11. Juni 2026
Die erste Fußballweltmeisterschaft fand 1930 in Uruguay statt. Aber warum eigentlich gerade dort? Bis dahin hatten die großen europäischen…
Geschichte & Archäologie
Rätsel um kopflose Skelette geht weiter
9. Juni 2026
Kopflose Skelette aus einem jungsteinzeitlichen Siedlungsgraben in der Slowakei geben Archäologen weiterhin Rätsel auf. Denn warum Menschen…
Geschichte & Archäologie
Mammutfund erweist sich als steinzeitliches Cold Case
8. Juni 2026
Cold Case: Ein bei Regensburg entdecktes Mammutskelett hat sich als wichtiges Zeugnis der menschlichen Frühgeschichte entpuppt. Denn…