Tiberius hilft mit Geschenken und einem Steuererlass
Tiberius, der damals herrschte, ließ es sich nicht nehmen, den besonders betroffenen Gemeinden Sardeis und Magnesia am Sipylos (in der heutigen Türkei) mit großzügigen Geldgeschenken zu helfen und darüber hinaus alle zwölf Orte mit einem fünfjährigen Steuererlass zu unterstützen. Daneben schickte er einen Senator in die Provinz, der die Wiederaufbauarbeiten beaufsichtigen sollte und vermutlich auch Fachpersonal mitführte. Sicher stand hinter dieser Maßnahme nicht nur pure Fürsorge: Tiberius wollte Verschwendung vorbeugen.
Mediterrane Naturkatastrophen, insbesondere Erdbeben, waren in der Antike fast an der Tagesordnung. Entsprechend liegen zahlreiche, wenn auch häufig nur knappe antike Quellenbelege dazu vor. Betrachtet man die literarischen Quellen zur römischen Kaiserzeit, fällt auf, dass das Muster des Tacitus vorherrscht: Ein Katastrophenereignis wird nicht aus Mitleid geschildert, sondern insbesondere in biographischen und historiographischen Texten fast ausschließlich im Zusammenhang mit einer Bewertung des Kaisers und dessen Hilfsbereitschaft.
Das wirft die Frage nach der politischen Relevanz der kaiserlichen Katastrophenhilfe auf. Erstaunlicherweise wurde diese Frage nur selten systematisch, geschweige denn unter möglichst umfassender Quellennutzung, untersucht. Darum widmet sich die Dissertation des Verfassers diesem Problem mit der zentralen Frage, ob der Kaiser helfen musste.
Der Prinzipat war ein politisches System, in dem der Herrscher, wie Egon Flaig herausgearbeitet hat, weder rechtlich noch dynastisch legitimiert war, sondern von der Akzeptanz der Menschen abhing. Daher müsste der Kaiser bemüht gewesen sein, die Erwartungen, die die sozialen Gruppen an ihn stellten, zu erfüllen. Zudem stellt sich die Frage, ob und warum Katastrophenhilfe Teil dieser Erwartungshaltung war. So wird auch klar, warum viele antike Autoren kaiserliche Maßnahmen dieser Art zur Beurteilung des Herrschers nutzten.
Der betrachtete Zeitraum reicht von der Herrschaft des Augustus bis zu der des Commodus, also von 31 v. Chr. bis 192 n. Chr. Zur Analyse herangezogen wurden neben literarischen Quellen und archäologischen Zeugnissen auch Münzen und Inschriften, denn mitunter wissen wir über ein Desaster nur aus diesen Quellen Bescheid.
Bereits der erste Kaiser, Augustus, betätigte sich nachweisbar als Katastrophenhelfer. Etliche Städte müssen bei einem oder mehreren Erdbeben um das Jahr 27 v. Chr. in Kleinasien zu Schaden gekommen sein. Besonders gut wissen wir über Tralleis (nahe des heutigen Taydın, Türkei) Bescheid – abermals nicht über den Hergang des Unglücks, sondern über dessen Nachgang. Der spätantike Historiograph Agathias sowie einige Inschriften überliefern: Der eifrige – und man muss hinzufügen: wohlhabende – Bürger Chairemon reiste nach Rom, um Augustus persönlich um Hilfe zu bitten.





