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Kampf um das Herz des Imperiums
Schon bald nach dem Tod Theoderichs des Großen 526 gelang es nicht mehr, Italien zu einen. Auch die Versuche Ostroms, die Halbinsel wieder für „Rom“ zu gewinnen, scheiterten letztlich. Nach dem Einfall der Langobarden 568 etablierten sich regionale Teilreiche.
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Auch wenn es paradox klingen mag: Das Ende der antiken Ordnung in Italien war nicht die Folge eines Barbareneinfalls, sondern einer römischen Invasion. Der Versuch Ostroms, das Ostgotenreich zu erobern, führte zum Gotenkrieg (535–554), der Bevölkerung, Infrastruktur und sozialen Zusammenhalt nachhaltig schädigte. Viele Städte wurden verwüstet, ihre Bewohner niedergemetzelt oder verschleppt und etwa Wasserleitungen zerstört. Der Senat in Rom löste sich auf, die jahrtausendalte Liste der Konsuln brach ab. Die sogenannte justinianische Pest, die 542/43 auch Italien heimsuchte und virulent blieb, hatte ebenfalls Bevölkerungsverluste zur Folge.
Der Putsch Odoakers im Jahr 476 stellte hingegen keine entscheidende Zäsur für den „Fall Roms“ dar. Nach den fast ständigen Thronkämpfen in den letzten Jahrzehnten des Weströmischen Reiches brachte das halbe Jahrhundert der Herrschaft Odoakers (476 – 493) und des Ostgotenkönigs Theoderich (493 – 526) Italien eine Periode des Friedens und der Stabilität, unterbrochen nur vom Krieg zwischen beiden.
Die Administration erledigten wie seit Jahrhunderten römische Bürokraten und Senatoren. Cassiodor, ein führender Amtsträger im Gotenreich, schrieb seine Staatsbriefe in der traditionellen lateinischen Rhetorik einer dem Gemeinwesen verpflichteten Regierung. Theoderich ließ seine Residenzstadt Ravenna mit erlesenen Bauten schmücken, die heute noch einen lebendigen Eindruck von der Epoche vermitteln.
Theoderich hatte es lange verstanden, die Loyalität von Goten wie Römern zu bewahren. Doch er hatte keinen Erben, so dass gegen Ende seiner langen Herrschaft die Frage der Nachfolge drängte. Senatoren, die er als Gesandte zum Kaiser nach Konstantinopel geschickt hatte, verdächtigte er, mit den Oströmern darüber heimlich verhandelt zu haben. Das – und dass andere die Gesandten in Schutz nahmen – betrachtete er als Hochverrat, einige prominente Senatoren wurden hingerichtet. Darunter war Boethius (geb. um 480/485), dessen im Gefängnis verfasstes Werk „Vom Trost der Philosophie“ bis heute gelesen wird. Die Bruchlinien im Reich der Ostgoten waren nun vorgezeichnet.
Kaiser Justinian will den Westen wiederin sein Reich eingliedern
Nach Theoderichs Tod übernahm seine Tochter Amalaswintha als Vormund des Enkels Athalarich die Herrschaft. Bald brach Streit über die Erziehung des königlichen Knaben aus. Amalaswintha ließ ihm römische Bildung vermitteln; doch die gotischen Großen verlangten mit Erfolg eine Ausbildung in ihrer traditionellen Kriegskunst. Athalarich starb jedoch bereits 534. Amalaswintha suchte sich zur Absicherung ihrer Stellung einen Mann an ihrer Seite und wählte schließlich ihren Verwandten Theodahad, der ebenfalls Bücher den Waffen vorzog. Doch Theodahad ließ Amalaswintha ermorden und bot damit Kaiser Justinian einen Anlass, in Italien einzugreifen.
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Die Politik Justinians (527–565) zielte darauf ab, die nur mehr nominell dem Imperium unterstellten Königreiche des Westens wieder unter direkte römische Herrschaft zu bringen. Wie im Vandalenreich, das Justinians Feldherr Belisar 533/34 unterworfen hatte, wollte er sich die inneren Konflikte im Gotenreich zunutze machen.
535 landete Belisar mit seiner Armee in Sizilien und stieß rasch gegen Norden vor. Erst nach dem Sturz des überforderten Theodahad verfestigte sich der gotische Widerstand, und der Krieg wurde zunehmend erbittert geführt. Als das von den Goten abgefallene Mailand nach langer Belagerung fiel, fand ein Massaker unter der Zivilbevölkerung statt. Der von den Römern eingesetzte Präfekt Italiens, der höchste Beamte der Zivilverwaltung, wurde angeblich in Stücke gehackt und den Hunden vorgeworfen.
Der Präfekt auf gotischer Seite, Cassiodor, rechtfertigte das gotische Vorgehen gegen Mailand in gewundener Argumentation; die Bruchlinien verliefen nun mitten durch die Senatsaristokratie. Selten in der Völkerwanderungszeit standen einfach Römer gegen Barbaren, und auch hier waren die Gegner einander ähnlicher als oft angenommen. Die „römischen“ Armeen bestanden ganz überwiegend aus Barbaren verschiedenster Ethnien; selbst Slawen und Bulgaren, die kurz zuvor überhaupt erst wahrgenommen worden waren, stellten Kontingente.
540 schien der Krieg vorbei, Ravenna war gefallen, die gotische Königsfamilie und der Königsschatz wurden nach Konstantinopel geschafft, dafür kamen die oströmischen Steuereinnehmer ins Land. Die neuen Herren wurden vielfach als Fremde empfunden. Für die in Italien lebende Bevölkerung waren es Griechen, auch wenn sie sich selbst „Römer“ nannten.
Bald erhoben sich die Goten unter der Führung von König Totila wieder, und nun wurde der Krieg zum Abnutzungskampf. Erst ein großes Heer unter Narses brachte 552 die Entscheidung. Bis 554 war der gotische Widerstand gebrochen. Doch allerlei Kriegergruppen, die nun auf eigene Rechnung das Land ausbeuteten, waren nur schwer unter Kontrolle zu bekommen. Auch unter der Zivilbevölkerung war die Loyalität mit dem neuen „römischen“ Regime vielerorts begrenzt.
Die Bevölkerung in Italien fremdelt mit Ostrom
Waren die Oströmer als Feinde oder als Befreier gekommen? Vom Statthalter Narses und seiner Bürokratie fühlten sich viele in Italien unterdrückt. Die Religionspolitik in Konstantinopel stieß ebenfalls auf Skepsis, und es begann eine Kontroverse um die sogenannten Drei Kapitel des Konzils von Chalkedon (451). Auch wenn nur wenige die theologischen Feinheiten der Auseinandersetzung verstanden, gingen die Emotionen hoch, selbst der Papst wurde vom Kaiser unter Druck gesetzt. Die Bereitschaft zur Loyalität mit dem von Konstantinopel gelenkten Imperium war letztlich nur in den Zentren Rom und Ravenna, in den Küstenregionen und im Süden stark genug.
Das wurde sichtbar, als 568 eine neue Macht in Italien auftrat: die Langobarden. Sie hatten gegen Ende des 5. Jahrhunderts die Donau überquert und schrittweise die vielerorts entvölkerten Provinzen Noricum und Pannonien (das heutige Ostösterreich und Westungarn) besetzt. Als die Ostgoten sich 535 aus dem Süden der beiden Provinzen zurückzogen, gerieten die Langobarden in Konflikt mit dem Königreich der Gepiden, das östlich der Donau herrschte. 567 zerstörte König Alboin schließlich das Gepidenreich, tötete König Kunimund und heiratete dessen Tochter Rosamunde.
Dabei ging es jedoch nicht um die Eroberung des gesamten Karpatenbeckens; das überließ Alboin den verbündeten Awaren. Wie zuvor die Goten suchten auch die Langobarden die Integration in die spätrömische Gesellschaft als privilegierte militärische Elite. Zu Ostern 568 brach das Langobardenheer nach Italien auf. Gepiden und andere Barbarengruppen schlossen sich dem Marsch Alboins ebenso an wie Überreste der Provinzialbevölkerung.
Im Unterschied zu den Goten Theoderichs 80 Jahre zuvor stieß Alboins Heer kaum auf militärischen Widerstand; keine offene Feldschlacht entschied über den Erfolg des Langobardenzugs. Viele Städte öffneten die Tore, nur Ticinum (das heutige Pavia) musste länger belagert werden. Man vermutete bald, dass Narses selbst die Langobarden zu Hilfe gerufen hatte, nachdem die Bürger Italiens beim Kaiser seine Ablösung gefordert hatten.
In kurzer Zeit hatten die Langobarden den nördlichen und westlichen Teil Oberitaliens besetzt, während die näher an Ravenna gelegenen Gebiete byzantinisch blieben. Die Küstengebiete, das Gebiet von Rom und dessen Landverbindung nach Ravenna waren ebenfalls weiterhin Teil des Imperiums.
Die Langobarden hatten nicht die Kraft, ganz Italien zu erobern. Vermutlich führte gerade der Mangel an bedrohlichem Widerstand dazu, dass ihr Heer sich nach und nach auflöste und einzelne Gruppen auf eigene Faust zu handeln begannen. Ein Teil fiel plündernd ins Reich der Franken ein, vielleicht auf Initiative der Byzantiner. Andere Gruppen zogen südwärts und gründeten dort im Lauf der Jahre die recht eigenständigen Herzogtümer von Spoleto und Benevent.
In vielen Städten Oberitaliens richteten duces (Herzöge) Herrschaften ein, die im Konfliktfall sogar der Macht des Königs standhalten konnten. Diese Zerfallstendenzen wurden dadurch beschleunigt, dass der Gründerkönig Alboin seinen Erfolg nicht lange überlebte. Seine Frau Rosamunde selbst war die Urheberin des Mordkomplotts; wieder wurden die Ereignisse bald von Legenden ausgeschmückt.
Alboin, so hieß es, habe aus dem Schädel des Gepidenkönigs eine Trinkschale fertigen lassen. Eines Tages habe er diese bei einem Gelage hervorgeholt und seine Gemahlin aufgefordert, daraus zu trinken; daraufhin habe sie beschlossen, den Vater zu rächen.
Als auch Alboins Nachfolger wenig später ermordet wurde, erhoben die Duces zehn Jahre gar keinen König mehr. Manche von ihnen traten gegen Geld zeitweise auf byzantinische Seite über, und die Verhältnisse der 570er Jahre wurden zunehmend unübersichtlich. Auch die Franken versuchten wiederholt, Oberitalien unter ihre Kontrolle zu bringen.
Regionale Machtzentren etablieren sich – und gewinnen an Gewicht
Der Einzug der Langobarden beendete eine Epoche von vielen Jahrhunderten, in denen Italien im römischen Imperium und seinen kurzlebigen Nachfolgestaaten vereint war. Es war der Beginn einer Zeit politischer Vielfalt, die bis 1870 dauern sollte. Das hatte wohl auch strukturelle Gründe. Theoderich hatte 493 mit einer funktionierenden Zentralverwaltung und einflussreichen Senatoren über die Ansiedlung seiner Goten verhandelt und damit für einen glatten Übergang von der Herrschaft Odoakers zu der seinen gesorgt.
Solche Verhandlungspartner fand Alboin nicht mehr; die byzantinischen Bürokraten hatten sich ins sichere Ravenna zurückgezogen, und es lag an den Duces, die verbleibende Infrastruktur der Städte und ihres Umlandes mit Gewalt oder in Verhandlungen an sich zu ziehen. Letztlich waren sie auf die Bischöfe und lokale Bürger als Partner angewiesen, um die Versorgung ihres Heeres und zumindest die passive Loyalität der Mehrheitsbevölkerung zu sichern.
Die bestehende Infrastruktur von Landbesitz mit abhängigen und abgabenpflichtigen Bauern zu erhalten, ebenso wie die ummauerten Städte mit ihren Händlern und Handwerkern, lag im ureigensten Interesse der langobardischen Krieger. Die imposanten spätrömischen Stadtmauern bewährten sich weiterhin in vielen Konflikten, auch wenn innerhalb der Mauern nur mehr ein Teil besiedelt war und der Rest für Gärten genutzt wurde.
Was noch im Ostgotenreich leidlich funktioniert hatte – eine zentrale Bürokratie, ein funktionierendes Steuersystem und ein dadurch finanziertes stehendes Heer –, stand den Langobardenkönigen nicht mehr zur Verfügung. Das schränkte ihre politischen Möglichkeiten ein und erhöhte das Gewicht regionaler Einheiten, in denen die Langobardenkrieger dezentral angesiedelt waren und aus den Erträgen ihrer eigenen Güter versorgt wurden. Die Restauration einer römischen Ordnung nach spätantikem Muster war nach den Verheerungen des Gotenkrieges weitgehend misslungen. Im Langobardenreich entstand auf regionaler Grundlage eine neue, eine mittelalterliche Gesellschaft.
So gelang schließlich auch die Konsolidierung des langobardischen Königreiches. 584 setzten die Magnaten wieder einen König, Authari, ein, um sich gegen die doppelte Bedrohung durch die miteinander verbündeten Franken und Byzantiner besser behaupten zu können. Authari heiratete eine bayerische Prinzessin, Theodelinde, die mütterlicherseits von der Lethinger-Dynastie aus der Wanderungszeit abstammte, eine Legitimierung des prekären Königtums. Nach dem Tod Autharis soll Theodelinde eine wichtige Rolle bei der Wahl des Nachfolgers Agilulf (590 – 615) gespielt haben.
Theodelinde (um 570 – 627) war wohl die bedeutendste Königin der Langobarden und gestaltete fast 40 Jahre lang die Politik Italiens mit, zuletzt als Vormund ihres Sohnes. Anders als zu den etwa gleichzeitig herrschenden Frankenköniginnen Fredegunde und Brunhilde wird ein positives Bild von ihr überliefert. Dies hat sie vor allem der „Geschichte der Langobarden“ ihres Hofkaplans und Beraters, Secundus von Trient, zu verdanken.
Im Unterschied zur wenn auch kleinteiligen Expansionspolitik ihrer Ehemänner baute Theolinde auf Versöhnung. Ihr zum Teil erhaltener Briefwechsel mit Papst Gregor dem Großen (590 – 604) hat dazu beigetragen, dass um 600 der immer wieder aufflackernde Kampf gegen die Byzantiner schrittweise eingedämmt werden konnte.
Überhaupt geben die Briefsammlung Papst Gregors und andere seiner Werke (etwa die „Dialoge“) ein lebendiges Bild von der schwierigen Lage Italiens um 600. Die politischen Umstände machten ihm große Sorgen. In den „Dialogen“ erzählt er von apokalyptischen Visionen, in denen sich die Ankunft der Langobarden angekündigt habe: „Es kommt das Ende allen Fleisches“, so soll ein Himmelsbote verkündet haben.
Auch in Fragen der Religionist die Halbinsel zerstritten
Zunehmend trat Papst Gregor aber gegen die Rückeroberungspläne der kaiserlichen Amtsträger auf, die doch nur zur Folge hatten, dass vor Rom langobardische Heere aufzogen. Zudem hatte er innerkirchliche Konflikte zubestehen. Im obskuren Streit um die „Drei Kapitel“ erzwangen die byzantinischen Autoritäten eine Linie, die die Kirche Italiens zunächst abgelehnt hatte.
Anders als der Papst blieben die katholischen Bischöfe des Langobardenreichs, ebenso wie ihre Königin, bei ihrer Ablehnung. Eine gemeinsame Linie vertraten sie dagegen beim Kampf gegen das arianische Bekenntnis vieler christlicher Langobarden. Nicht nur die politische, auch die religiöse Einheit Italiens war also ein Problem.
Dazu kam die Kritik an der autoritären byzantinischen Verwaltung, von der Papst Gregor mehrfach schrieb, sie sei schlimmer als die „Schwerter der Langobarden“. Aus dieser bedrängten Lage heraus machte der Papst seinen Einfluss in vielen Ländern geltend, bis hin zur Mission in England.
Insgesamt konnte man um 600 nach Jahrzehnten aufreibender Kämpfe den Eindruck haben, dass die Lage sich langsam konsolidierte. Die bestehenden Grenzen verfestigten sich bis auf kleine Verschiebungen. Die lange Herrschaft Agilulfs und Theodelindes stabilisierte das Königtum und ermöglichte die Integration der Langobarden in die christliche Gesellschaft Italiens. Der Sohn Agilulfs wurde schon als Kleinkind nach oströmischem Vorbild im Zirkus von Mailand zum Mitkönig erhoben.
Theodelinde holte den irischen Missionar Columban nach Italien und stiftete das Kloster Bobbio. Das langobardische Königtum stand nicht mehr in Frage, auch wenn der Thron umkämpft blieb. Die Langobardenkönige legitimierten sich als Könige der von ihnen geführten Verbände (rex gentis Langobardorum) durch die Gnade Gottes und durch den römischen Titel flavius.
Die Herrschaft über Italien wurde als Privileg des ganzen Volkes angesehen, das sich als militärische Führungsschicht etabliert hatte. Wie in ganz Westeuropa setzte sich um 600 die ethnische Selbstbezeichnung des Langobardenreiches durch.
In Rom hofften Zeitgenossen immer noch, dass die Langobarden „wie Rauch“ wieder verschwinden (wie Papst Gregor schrieb) oder zumindest Teil einer vertrauten christlich-römischen Welt werden würden. Doch der Weg führte nicht mehr zurück in die Vergangenheit. Das ehemalige weströmische Imperium hatte sich in eine Landschaft von Königreichen diverser Ethnien verwandelt, die neue Identitäten auch bei der ehemals römischen Bevölkerungsmehrheit zu prägen begannen.
Aus der ethnischen Gruppenidentität der langobardischen Führungsschicht wurde schließlich die territoriale der Lombardei, ebenso wie aus der imperialen Identität des Landes um Ravenna die Region Romagna hervorging. Auch wenn mit der Kaiserkrönung Karls des Großen das Imperium Romanum des Westes wiedererrichtet wurde: Italien, wie der christliche Westen insgesamt, war eine vielgestaltige Welt mit zahlreichen Völkern und Staaten geworden, in der Imperien sich nur mehr schwer entfalten konnten.
Autor: Prof. Dr. Walter Pohl
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