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Geschichte & Archäologie
Kampf um jede Brücke, um jede Stadt...
Obwohl viele Generäle die hoffnungslose militärische Lage in den letzten Kriegsmonaten erkannten, waren sie nicht bereit, daraus Konsequenzen zu ziehen.Die Loyalität gegenüber dem „Führer“ zählte den allermeisten Generälen mehr als die Loyalität gegenüberdem eigenen Volk.
Es ist der 21. April 1945. In Europa neigt sich der Zweite Weltkrieg seinem Ende zu: Sowjetische Truppen kämpfen in den Vororten von Berlin, die Briten stehen vor Hamburg, die Amerikaner haben Magdeburg und Nürnberg erobert. An diesem Tag erschießt sich in einem Waldstück bei Duisburg ein Mann, den Hitler seinen „besten Feldmarschall“ nannte: Walter Model. Er galt als treuer Gefolgsmann des Diktators, war ein „Meister“ der Defensive, der mit seiner unermüdlichen Energie und großem operativem Geschick zusammengebrochene Fronten immer wieder stabilisiert hatte.
Doch auch Model konnte das Unvermeidliche nur verzögern, nicht aufhalten. Ende März 1945 hatten die Alliierten auf breiter Front den Rhein überschritten, die kampfkräftigsten Einheiten im Westen im Ruhrgebiet eingeschlossen. Selbst Models Hoffnungen, daß sich das Blatt noch einmal wenden könnte, verflogen nun. Alle Aufforderungen der Amerikaner zu kapitulieren lehnte er ab. Als die letzten Widerstandsnester im Ruhrkessel überwältigt waren, nahm er sich das Leben: „Lieber tapfer gestorben als die Freiheit verloren“, hatte er einen Tag zuvor seiner Frau geschrieben. Ein Feldmarschall durfte nach seiner Vorstellung nicht in Gefangenschaft gehen. Getreu und folgsam bis in den Tod – war dies der Grundsatz der Generalität in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges? Model handelte so, aber war sein Verhalten repräsentativ? Folgte die Elite der Armee Hitler in den Untergang?
Spätestens 1938 als eigener Machtfaktor im Staat ausgeschaltet, war die Spitze der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg nur noch eine Funktionselite, die mehr oder minder bereitwillig Befehle ausführte. Mit Geldzuwendungen band der Diktator insbesondere Generaloberste und Feldmarschälle an sich. Viele waren tief in abscheuliche Kriegsverbrechen verstrickt und dem Genius ihres „Führers“, dem sie 1934 einen Eid geschworen hatten, verfallen. Wer allzu offen zweifelte, an der Front vermeintlich versagte oder gar ungehorsam war, wurde abgesetzt, unehrenhaft entlassen oder auch umgebracht.
Über die Jahre hinweg formte Hitler aus der Generalität ein willfähriges Instrument. Das Maß ihrer Lähmung zeigt der Vergleich mit dem Ende des Ersten Weltkrieges: 1918 hatte die militärische Führung die Aussichtslosigkeit der Lage erkannt. Nachdem die letzten Offensiven gescheitert waren, die großen Verteidigungslinien nicht mehr gehalten werden konnten, das Heer auseinanderzubrechen drohte, gab sie auf, forderte von der Politik hektisch, einen Waffenstillstand abzuschließen. Im Zweiten Weltkrieg waren die Spitzenmilitärs zu einem solchen Schritt nicht mehr fähig. Der Primat der Politik ist in Deutschland wohl nie wieder so konsequent umgesetzt worden wie im Dritten Reich.
1945 konnte offiziell nur Hitler als Staatsoberhaupt den Weg zum Frieden ebnen. Die Wehrmachtführung konnte diesen Schritt – wie 1918 – Hitler nur empfehlen, doch dieser hatte derartige Überlegungen immer weit von sich gewiesen. Man kann nur darüber spekulieren, wann der Diktator erkannte, daß der Krieg endgültig verloren war. Doch unabhängig vom Zeitpunkt dieser Erkenntnis war eine Kapitulation für ihn stets undenkbar. Es war ihm immer um alles oder nichts gegangen, und er war bereit, die Konsequenzen des Vabanque-Spieles zu tragen. Sein Versuch, Deutschland mit in den Untergang zu reißen, war die konsequente Umsetzung seiner Weltanschauung.
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Nach militärisch-operativem Ermessen gab es 1944/45 drei Zeitpunkte, an denen eine Kapitulation der Wehrmacht nahegelegen hätte: nach der geglückten Landung in der Normandie, nach der gescheiterten Ardennen-Offensive oder nach dem Rhein-Übergang der Alliierten: Im November 1943 hatte Hitler selbst deutlich herausgestellt, daß eine erfolgreiche Invasion der Amerikaner und Briten im Westen unabsehbare Folgen nach sich ziehen würde. Als nach zweieinhalb Monaten schwerer Kämpfe das deutsche Westheer im August 1944 vernichtend geschlagen und demoralisiert auf die Reichsgrenzen zurück?strömte, kapitulierte Hitler gleichwohl nicht.
Als es ihm im September 1944 überraschenderweise gelungen war, die Front zu stabilisieren, setzte der Diktator alle Hoffnungen in die Ardennen-Offensive. Er sprach gegenüber seinen Generälen vom verzweifelten Fechten Friedrichs des Großen im Siebenjährigen Krieg, vom Auseinanderbrechen der unnatürlichen Gegnerkoalition, wenn diese nur schwere Rückschläge an der Front erleide. Doch bereits nach wenigen Tagen, etwa um die Weihnachtstage 1944 herum, war klar, daß die Operation „Wacht am Rhein“ gescheitert war. Nicht die Alliierten hatten einen schweren Schlag erlitten, sondern die Deutschen.
Doch auch diesmal zog Hitler keine Konsequenzen, setzte alles daran, den Vormarsch der feindlichen Armeen am Rhein doch noch zu stoppen. Die Verteidigung brach zusammen, noch bevor sie richtig aufgebaut war: Am 7. März 1945 eroberten die Amerikaner bei Remagen eine intakte Brücke, gut zwei Wochen später wurde der Rhein bei Wesel und Oppenheim überschritten. Die Front im Westen löste sich auf. Eine Kapitulation kam für Hitler auch jetzt nicht in Frage.
Es hatte unabsehbare Folgen für Deutschland, daß es dem Diktator trotz seines fortschreitenden körperlichen Verfalls gelang, bis zum Schluß seine Autorität als Führer von Staat und Wehrmacht zu wahren und ein rechtzeitiges Einlenken zu verhindern: In der Endphase des Zweiten Weltkrieges entfaltete der totale Krieg seine volle Wucht. Tod und Zerstörung überzogen das Land, als die Wehrmacht im Kampf gegen die überlegenen Gegner verblutete, die Städte im Bombenhagel versanken und der Terror des Regimes unaufhörlich wütete. Von Juni 1944 bis Mai 1945 kamen mehr als 2,7 Millionen deutsche Soldaten ums Leben, mehr als in den knapp fünf Jahren Krieg zuvor. Bei den Kämpfen im Jahr 1945 fielen 1,2 Millionen Soldaten, mehr als in den Jahren 1942 und 1943 zusammen.
Neue Literatur: 1945. Militärische Logik oder blanker Terror? C. Bertelsmann Verlag, München 2004. Rolf-Dieter Müller, Der Bombenkrieg 1939–1945. Ch. Links Verlag, Berlin 2004. Guido Knopp, Der Sturm. Kriegsende im Osten. Econ Verlag, Berlin 2004. Guido Knopp, Die Befreiung. Kriegsende im Westen. Econ Verlag, Berlin 2004. Günter Böddeker, Der Untergang des Dritten Reiches. Eine Bilddokumentation. Herbig Verlag, Sonderausgabe. München 2005. Stefan Doernberg (Hrsg.), Hitlers Ende ohne Mythos. Verlag Neues Leben, Berlin 2005. Guido Knopp u. a., Die letzte Schlacht. Hitlers Ende. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2005. Christian Hartmann/Johannes Hürter, Die letzten 100 Tage des Zweiten Weltkriegs. Verlag Droemer/Knaur, München 2004. Gerd R. Ueberschär/Rolf-Dieter Müller, 1945. Das Ende des Krieges. Primus Verlag, Darmstadt 2004. Bernd-A. Rusinek (Hrsg.), Kriegsende 1945. Verbrechen, Katastrophe, Befreiungen in nationaler und internationaler Perspektive. Wallstein Verlag, Göttingen 2004. Peter Süß (Hrsg.), 1945. Befreiung und Zusammenbruch. Erinnerungen aus sechs Jahrzehnten. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2005. Renate Meinhof, Das Tagebuch der Maria Meinhof. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2005. Jürgen Bertram, Das Drama von Brettheim. Eine Dorfgeschichte am Ende des Zweiten Weltkriegs. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2005. Gerhard Hirschfeld/Irina Renz (Hrsg.), „Vormittags die ersten Amerikaner“. Stimmen und Bilder vom Kriegsende 1945. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2005. Peter Kruse (Hrsg.), Bomben, Trümmer, Lucky Strikes. Die Stunde Null in bisher unbekannten Manuskripten. Verlag Wolf Jobst Siedler jr. James Stern, Die unsichtbaren Trümmer. Eine Reise im besetzten Deutschland 1945. Eichborn Verlag, Berlin/Frankfurt am Main 2004. Carl Zuckmayer, Deutschlandbericht für das Kriegsministerium der Vereinigten Staaten von Amerika. Wallstein Verlag, Göttingen 2004. Osmar White, Die Straße des Siegers. Eine Reportage aus Deutschland 1945. Piper Verlag, München/Zürich 2005. H. P. Willmott/Robin Cross/Charles Messenger, Der Zweite Weltkrieg. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2005. Gerhard Schreiber, Kurze Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Verlag C. H. Beck, München 2005. Michael Sontheimer (Hrsg.), Bilder des Zweiten Weltkriegs. Deutsche Verlags-Anstalt, München/SPIEGEL-Buchverlag, Hamburg, 2005. Andreas Kunz, Wehrmacht und Niederlage. Die bewaffnete Macht in der Endphase der nationalsozialistischen Herrschaft, Oldenbourg Verlag, München 2005. Hubertus Knabe, Tag der Befreiung. Das Kriegsende in Ostdeutschland, Propyläen Verlag, Berlin 2005. Michael Salewski, Deutschland und der Zweite Weltkrieg, Schöningh Verlag, Paderborn 2005. Guido Knopp, Die Befreiung. Kriegsende im Westen, Ullstein Taschenbuch, Berlin 2005. Christian Hartmann/Johannes Hürter/Ulrike Jureit, Verbrechen der Wehrmacht. Bilanz einer Debatte, Verlag C. H. Beck, München 2005. Dietmar Arnold, Neue Reichskanzlei und „Führerbunker“. Legenden und Wirklichkeit, Ch. Links Verlag, Berlin 2005. Stephan Burgdorff/Klaus Wiegrefe (Hg.), Der 2. Weltkrieg. Wendepunkt der deutschen Geschichte, Deutsche Verlags-Anstalt/Spiegel-Buchverlag, München/Hamburg 2005. Theo Sommer, 1945. Die Biographie eines Jahres, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2005. Heinz Leiwig, Deutschland. Stunde Null. Historische Luftaufnahmen 1945, Motorbuch Verlag, Stuttgart 2005. Herfried Münkler, Machtzerfall. Die letzten Tage des Dritten Reiches dargestellt am Beispiel der hessischen Kreisstadt Friedberg, Europäische Verlags-Anstalt, Hamburg 2005. Jugend im Zusammenbruch 1944–1945. Geschichten und Berichte von Zeitzeugen, Zeitgut Verlag, Berlin 2005. Die Stunde Null in Deutschland. Augenzeugenberichte aus den Jahren 1944–1948 (CD-ROM), Eichborn-/Lido-Verlag, Frankfurt am Main 2005.
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