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„Kanzelparagraph“und andere Geschütze
Nach der Gründung des zweiten deutschen Kaiserreichs rückte die Frage, wie loyal eigentlich die Katholiken zum neuen Nationalstaat seien, in den Fokus. Unter der Führung von Reichskanzler Bismarck wurde der „Kulturkampf“ entfacht – der Versuch, den Einfluss der Katholiken massiv zurückzudrängen. Die Bilanz war durchwachsen.
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Dem Kanzler des neu gegründeten Deutschen Reichs, Otto von Bismarck, war die Enttäuschung über die Zentrumspartei deutlich anzumerken. „Es konnte anfangs erwartet werden“, schrieb er dem preußischen Gesandten in München 1871, „daß die sich bildende Parthei, wenn auch mit einer katholischen Färbung, doch dem confessionellen Gegensatz nicht jeden politischen Grundsatz unterordnen, sondern zum Theil auf dem Boden conservativer Prinzipien und einer ehrlichen Förderung der gemeinsamen nationalen Interessen sich mit der Reichsleitung verständigen und dieselbe unterstützen würde, in ähnlicher Weise wie die streng kirchlich Gesinnten in der Evangelischen Kirche dies thun.“ Nun habe sich „aber gezeigt, daß die clericale Fraktion sich zu einer compacten Masse auf rein confessioneller Grundlage gebildet hat, und dem speziellen confessionellen Interesse jedes andere nationale und politische Interesse zum Opfer bringen will“.
Ein großer Freund der Katholiken war der überzeugte Protestant Bismarck nie gewesen. Dass die katholische Zentrumspartei in der allerersten Sitzung des Reichstags anregte, Deutschland solle eine Wiederherstellung des im italienischen Nationalstaat aufgegangenen Kirchenstaats fordern, reaktivierte bei ihm Vorstellungen vom Katholizismus als internationaler Verschwörung, die vom Papst gelenkt werde. Nicht nur erschien ihm die Loyalität der Partei weniger auf Berlin ausgerichtet als vielmehr „ultramontan“, also auf das „jenseits der Berge“ gelegene Rom.
Das Zentrum verbinde sich, so der Reichskanzler, auch mit den schärfsten Gegnern des neuen deutschen Nationalstaats – nämlich den gerade erst besiegten Staaten Frankreich und Österreich-Ungarn – sowie mit der ebenfalls katholischen Minderheit der Polen im Osten Preußens. Die Zentrumspartei, meinte Bismarck 1871 zu erkennen, gehöre deshalb zu denjenigen, welche die „Herstellung des Deutschen Reiches principiell anfechten und negiren“.
Mitte der 1870er Jahre sitzen rund 2000 Geistliche im Gefängnis
Diese Wahrnehmung wurde von den liberalen Mehrheiten im Reichstag und den meisten Parlamenten der deutschen Einzelstaaten geteilt. Den Liberalen ging es zwar mehr um eine generelle Säkularisierung von Staat und Gesellschaft als Bismarck. Die Gemeinsamkeiten reichten aber doch aus, um schrittweise einen „Kulturkampf“ nicht nur, aber vor allem mit der katholischen Kirche und ihren Vertretern zu beginnen. Die diplomatischen Beziehungen des Deutschen Reichs zum Vatikan wurden abgebrochen, die Aufsicht über sämtliche Schulen den Kirchen entzogen.
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Nicht alle Anstöße für eine Verschärfung der Auseinandersetzung kamen dabei von Bismarck. So ging der sogenannte Kanzelparagraph, der politische Äußerungen von Geistlichen kriminalisierte, Ende 1871 auf eine Initiative der bayerischen Regierung zurück. Er diente in den folgenden Jahren als Handhabe für die Inhaftierung von Hunderten katholischer Priester und Bischöfe. Die Zivilehe wurde seit 1874 in Preußen und dem Reich vor allem auf Drängen der Liberalen eingeführt.
Zu diesem Zeitpunkt hatte der „Kulturkampf“ bereits erkennbar in eine Sackgasse geführt. Fast 2000 katholische Geistliche saßen in Deutschland im Gefängnis, die Jesuiten waren des Landes verwiesen worden, alle Klostergemeinschaften, mit Ausnahme der in der Krankenpflege engagierten, aufgelöst. Die katholische Kirche erhielt keine staatlichen Zuwendungen mehr, ein Viertel aller Pfarrstellen waren unbesetzt. Dennoch war das eigentliche Ziel der Liberalen und Bismarcks, dem neuen deutschen Nationalstaat die Loyalität der Katholiken zu gewinnen, alles andere als erreicht. Vielmehr war das Gegenteil der Fall: Die katholische Bevölkerung stand den Behörden und den Trägern des nationalen Gedankens feindlicher denn je gegenüber.
Durch die katholischen Regionen im Westen und Süden Deutschlands lief eine gewaltige Welle der Solidarität mit den verfolgten kirchlichen Amtsträgern. Selbst Priester und Bischöfe, die bis dahin bei den Gläubigen ihrer Pfarreien und Bistümer eher unpopulär gewesen waren, erfreuten sich angesichts der staatlichen Drangsalierung jetzt großer Unterstützung. Zehntausende Katholiken unterschrieben Petitionen für die Freilassung inhaftierter Kleriker, beteten bei Wallfahrten öffentlich für sie und leisteten staatlichen Autoritäten passiven Widerstand.
Solidarität an den Wahlurnen: Die Zentrumspartei profitiert
Der beste Gradmesser für das Ausmaß der Mobilisierung im katholischen Bevölkerungsteil sind die Wahlerfolge der Zentrumspartei. Bei den ersten Reichstagswahlen nach Gründung der Partei 1871 hatten sie sich noch in Grenzen gehalten: Nur etwa jeder zweite deutsche Katholik wählte damals Zentrum. Bei den folgenden Wahlen zum Reichstag 1874 stieg die Wahlbeteiligung beträchtlich an, und keine Partei profitierte davon mehr als das Zentrum. Offenbar war das eine Folge des „Kulturkampfs“. Vier von fünf der katholischen Wähler gaben vor diesem Hintergrund dem Zentrum ihre Stimme. Die Stimmenzahl der Partei verdoppelte sich auf knapp anderthalb Millionen – fast ebenso viele, wie die bis dahin im Parlament dominierenden Nationalliberalen gewannen.
Auch unter dem in Preußen geltenden Dreiklassenwahlrecht, bei dem das jeweilige Gewicht einer Wählerstimme sich nach der Steuerleistung des Wählers unterschied, vermochte das Zentrum seine parlamentarische Stellung auszubauen: Bei den Wahlen zum preußischen Abgeordnetenhaus 1873 gewann es anderthalb Mal mehr Mandate als noch 1870.
Bei den nächsten Wahlen setzte sich der Siegeszug der Partei allerdings nicht fort. In Preußen konnte sie 1876 immerhin die Zahl ihrer Mandate etwa halten. Das gelang auch bei den Reichstagswahlen im folgenden Jahr. Stimmenzahl und Stimmenanteil des Zentrums gingen aber wieder zurück. Die Partei gewann zwar nach wie vor die Mehrheit der katholischen Männer, die zur Wahl gingen (Frauen durften nicht wählen). Der Anteil der Katholiken, die für das Zentrum stimmten, war jedoch gesunken. Hatte bei den Reichstagswahlen von 1874 nur noch ein Fünftel der katholischen Wähler andere Parteien gewählt, war es 1877 ein knappes Drittel.
Ende der 1870er Jahre ist Entspannung in Sicht
Die Gründe dafür waren vielschichtig. Der „Kulturkampf“ hatte seinen Höhepunkt überschritten. Seine Initiatoren, die Liberalen und Bismarck, zeigten Ermüdungserscheinungen. Repressionen gegenüber den Funktionsträgern der katholischen Kirche hatten sich zu offensichtlich als kontraproduktiv erwiesen, um die Gläubigen von Papsttum und Klerus zu trennen. Reichsleitung und preußische Regierung streckten Verhandlungsfühler nach Rom aus. Der Reichskanzler, der 1872 noch vor dem damals liberal dominierten Reichstag getönt hatte, er werde niemals wie der mittelalterliche König Heinrich IV. dem Papst gegenüber als Bittsteller auftreten, äußerte im Sommer 1878 hinter vorgehaltener Hand, wenn das Zentrum etwas kooperationsbereiter sei, „würde er, Bismarck, schon ein wenig nach Canossa gehen“.
Aber auch nicht wenige der katholischen Gläubigen zeigten sich kompromissbereit. Besonders in den Städten, wo die Industrialisierung mit Macht eingesetzt hatte, waren viele Katholiken des Konflikts müde. In diesen städtischen Kreisen war man für den neuen Nationalstaat durchaus offen. Unter Katholiken bürgerlicher und proletarischer Herkunft war zudem eine gewisse kritische Distanz gegenüber der römischen Kurie und dem Papst weitverbreitet. Denn während man selbst bereit war, zumindest ein Stück weit mit der neuen Zeit zu gehen, schien das für die Führung der katholischen Amtskirche offenbar kaum zu gelten.
Die päpstliche Unfehlbarkeit in Glaubensfragen, die auf dem Vatikanischen Konzil 1870 verkündet worden war, hatte den Liberalen nicht nur als einer der Anlässe für den „Kulturkampf“ gedient. Sie führte besonders im Rheinland auch zur Gründung sogenannter altkatholischer Gemeinden, die der römischen Amtskirche fortan den Gehorsam verweigerten, und provozierte auch darüber hinaus Kritik am Papsttum unter den formell kirchentreu bleibenden deutschen Katholiken.
Die Kurie beeindruckte das kaum. Sie verließ sich weiter auf die historisch gewachsene Autorität des Papsttums. Im „Kulturkampf“ focht sie wie schon in den Auseinandersetzungen mit den weltlichen Herrschern des Mittelalters unverdrossen mit Interdikten und Exkommunikationen. Das beeindruckte allerdings weder Bismarck noch seine liberalen Verbündeten sonderlich. Wirkungsvoller war die Mobilisierung der katholischen Gläubigen mit den in Rom eigentlich wenig geschätzten Medien der Moderne. Während der 1870er Jahre schossen nicht nur in Deutschland katholische Zeitungen wie Pilze aus dem Boden.
Diese neue katholische Massenpresse bezog beredt Stellung gegen die staatlichen Maßnahmen des „Kulturkampfs“ und mobilisierte den weitverbreiteten Widerstand dagegen mit. Sie berichtete zudem über Wallfahrten und Marienerscheinungen, die sich während der Auseinandersetzungen zwischen Staat und Kirche vervielfachten und auch zum Ausdruck katholischen Protests wurden. Und nicht zuletzt entwickelte sich die Zentrumspartei zu einer der am besten organisierten und modernsten politischen Interessenvertretungen in Deutschland.
Säkularisierung ist europaweit ein Thema
So ambivalent das Verhältnis des organisierten Katholizismus zur Moderne war, so ambivalent blieben auch die Resultate des Ringens zwischen Staat und Kirche. Einige der seit 1871 verabschiedeten „Kulturkampfgesetze“ wurden zwar nach 1878 zurückgenommen. Der „Kanzelparagraph“, die staatliche Schulaufsicht und die Zivilehe blieben freilich. Nach der Entflechtung von Kirche und Wirtschaft durch die Säkularisation im Gefolge der Französischen Revolution von 1789 kam damit auch die Säkularisierung, die Trennung von Kirche und Gesellschaft, beträchtlich voran.
Das war nicht nur in Deutschland der Fall. Auseinandersetzungen zwischen Staat und Kirche fanden während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in vielen europäischen Ländern statt. Besonders heftig waren sie dort, wo zumindest Teile der Bevölkerung katholisch waren. Denn in rein protestantischen Ländern war das Verhältnis von Staat und Kirche meist schon früher geklärt worden – was allerdings Ansätze von „Kulturkämpfen“ während des 19. Jahrhunderts auch in Skandinavien nicht verhindert hatte. In Großbritannien gab es ebenfalls langandauernde Konflikte zwischen protestantischen Nonkonformisten und den Befürwortern eines anglikanischen Staatskirchentums.
Ausgesprochen scharf waren die Konflikte oft in gemischtkonfessionellen Ländern, in denen eine katholische Minderheit einer protestantischen Bevölkerungsmehrheit gegenüberstand. Das traf wie in Deutschland etwa auch für die Schweiz zu. Dort trugen konfessionelle Konflikte in der Mitte des 19. Jahrhunderts sogar zu einem blutigen Bürgerkrieg bei. In den Niederlanden standen sich wie im Deutschen Reich drei etwa gleich große Gruppierungen gegenüber: Katholiken, konservativ-orthodoxe und liberale Protestanten. Alte Konflikte zwischen diesen religiösen Gruppen brachen in den 1870er Jahren wieder auf, nicht zuletzt unter dem Einfluss der Entwicklungen jenseits der Grenze in Deutschland. Die Frontstellungen in den Niederlanden entsprachen anfangs dem Bündnis zwischen den Konservativen um Bismarck und den Liberalen gegen die Katholiken. Aber auch die Annäherung der deutschen Konservativen an die Zentrumspartei nach dem Ende des „Kulturkampfs“ fand ein – verspätetes – Spiegelbild im nordwestlichen Nachbarland: Ende der 1880er Jahre formten Katholiken und konservativ-orthodoxe Gruppen hier eine Regierungskoalition.
Auch überwiegend katholisch geprägte Länder blieben im 19. Jahrhundert von Konflikten um die Frage des Verhältnisses von Staat und Kirche nicht frei. Belgien, Spanien, Italien und Österreich-Ungarn erlebten allesamt ebenfalls einen „Kulturkampf“, in dem liberale Katholiken jeweils gegen ihre konservativen Glaubensgenossen eine mehr oder weniger weitgehende Säkularisierung der Gesellschaft durchsetzten.
Völlige Trennung von Staat und Kirche in Frankreich
Am weitesten ging diese Entwicklung im republikanischen Frankreich, wo die katholische Kirche nicht auf die Schützenhilfe einer Monarchie vertrauen konnte. Nachdem dort schon 1881 Schulen weitgehend von kirchlichem Einfluss befreit worden waren, beschloss die liberal-sozialistische Mehrheit der französischen Nationalversammlung 1905 eine völlige Trennung von Staat und Kirche. Selbst karitative Aufgaben dürfen in Frankreich seitdem nicht mehr von Religionsgemeinschaften direkt übernommen werden; alle Kirchengebäude gingen in Staatsbesitz über, religiöse Symbole sind seither in allen staatlichen Einrichtungen verboten.
Als Portugal 1910 Republik wurde, nahm sich die neue republikanische Regierung das französische Konzept eines laizistischen Staats zum Vorbild.
Die Bilanz dieser Auseinandersetzungen war gemischt. Einerseits endeten sie meist damit, dass der direkte kirchliche Einfluss auf staatliche Institutionen, Schulen und das Privatleben der Menschen zurückging. Andererseits gewann Religion gerade dadurch eine neue Vitalität. Das 19. Jahrhundert mochte ein Zeitalter von Säkularisation und Säkularisierung sein. Aber erst im Lauf des 20. Jahrhunderts kam es zu einem signifikanten Rückgang von Religiosität in der Gesellschaft.
Der Verlust von Besitz und politischem Einfluss stärkte im 19. Jahrhundert vielmehr den Charakter der Kirchen als religiöse Gemeinschaften. Zudem wuchsen ihre Mitglieder und Funktionsträger dadurch enger zusammen. Mit dem Wegfall der wirtschaftlichen und politischen Privilegien näherte sich der Klerus den Laien an.
Sogar das Papsttum rückte, wenigstens gefühlt, oft näher an die Gläubigen heran. Mit der Vollendung der Einigung Italiens verlor der Papst 1870 die Herrschaft über den Kirchenstaat. Er war nun das rein spirituelle Oberhaupt der katholischen Kirche. Schmeckte der Verlust an politischer Macht auch bitter, wog der Gewinn an Sympathien unter den Gläubigen ihn doch mehr als auf. Eine Pariserin, die davon gehört hatte, dass der Papst nun armselig und gleichsam als „Gefangener“ im Vatikan lebe, sandte in den 1870er Jahren deshalb sogar selbstgenähte Unterwäsche nach Rom. Die Frau mochte den Zustand der Garderobe des Heiligen Vater falsch einschätzen. Doch es war die Geste der Verbundenheit, die zählte und neu war.
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