Günther Guillaume – die unerzählte Geschichte. So könnte Hermann Schreibers neues Buch “Kanzlersturz – Warum Willy Brandt zurücktrat” auch heißen. In Anlehnung an einen Film von Oliver Storz, der in ARTE und der ARD zu sehen war, erzählt es von Herkunft und Karriere des kleinen HVA (Hauptverwaltung Aufklärung) –Mitglieds Guillaume, einer Durchschnittstype hugenottischen Namens, der ohne Befehl der DDR-Auslandsspionage die Chance ergriff, ins Bonner Kanzleramt einzurücken. Dort avancierte er – intelligent, fleißig, stets gutgelaunt und dienstbereit – zu Willy Brandts persönlichem Referenten. Ein “Top-Spion” war gemacht. Von den Umständen begünstigt. Von vertrauensseligen Fürsprechern innerhalb der SPD protegiert. Von der “bürokratischen Ignoranz” bundesdeutscher Abwehrspezialisten unentdeckt. Bis “Kommissar Zufall” den bösen Geist enttarnte. Hermann Schreiber schildert zwei Stories: das Ende des “Kanzlers der Herzen” und den Aufstieg seines Verräters. Er führt sie zusammen und stellt klar: “Willy Brandts Demission war ein Malheur, keine Tragödie.” Guillaume ist nur der Auslöser gewesen für eine Folge “von Pannen und Betriebsstörungen mittleren Ranges”. Gestürzt ist Brandt weder seinet- noch Herbert Wehners wegen. Gestürzt ist Brandt allein über sich selbst. Wirklich neue Seiten im “Fall G.” schlägt Schreibers Buch nicht auf. Doch im Stil eines gut recherchierten Polit-Thrillers ersteht hier der Schlußakt eines bundesdeutschen Dramas: Der Abschied Willy Brandts von der Macht, eines politischen Menschen, keines Helden, der die melancholische Tugend des Verzichts zu der seinen machte.
Rezension: Behrens, Alexander





