Im Jahr 792 initiierte Karl der Große den Befehl eines der bedeutendsten Infrastrukturprojekte des Mittelalters: Der Kaiser wollte erstmals eine schiffbare Verbindung zwischen Rhein und Donau schaffen. Dafür jedoch musste eine Wasserscheide in der Nähe des bayrischen Orts Graben durch einen rund drei Kilometer langen Kanal überbrückt werden. Reste dieses Karlsgrabens, auch “Fossa Carolina” genannt, sind heute noch erhalten und werden seit einigen Jahren von Archäologen ausgegraben und intensiv untersucht. “Der Karlsgraben ist der einzige vormoderne Versuch, die mitteleuropäische Wasserscheide zu überwinden”, erklären Johannes Schmidt von der Universität Leipzig und seine Kollegen.
Im Laufe der bisherigen Ausgrabungen haben die Archäologen bereits festgestellt, dass der Karlsgraben aus abgestuften Stauabschnitten bestand und damit auf einem ausgeklügelten wasserbaulichen Konzept beruhte. Mit einer Wassertiefe von rund 60 bis 80 Zentimetern und einer Breite von fünf bis sechs Metern reichte der Kanal für die damals eher flachkieligen Frachtschiffe aus – selbst die Beförderung tonnenschwerer Güter war möglich. Allerdings: Weite Teile des Kanals waren zwar fertig und schon mit Wasser geflutet, das entscheidende Verbindungsstück zur Altmühl aber wurde nie vollendet.
Rätsel der s-förmigen Trasse
Jetzt haben Johannes Schmidt vom Institut für Geographie der Universität Leipzig und seine Kollegen ein weiteres Rätsel des mittelalterlichen Megaprojekts gelöst: Der Karlsgraben verläuft nicht auf der kürzesten Route über die Wasserscheide, sondern hat einen auffällig s-förmigen Verlauf. Warum, war bisher ungeklärt. “Das hydrologische Konzept und die Gründe für diese Trassenführung bleiben unklar, weil es bisher kein genaues Modell der Topografie zur Zeit des Kanalbaus gab”, erklären die Forscher.
Das aber hat sich jetzt geändert. Denn Schmidt und seinen Kollegen ist es gelungen, die mittelalterliche Topografie zu rekonstruieren. “Dafür haben wir digitale, lasergestützte Höhenmodelle mit aktuellen Landnutzungsdaten und historischen Karten verschnitten”, beschreibt Schmidt das Vorgehen. Ein neu entwickeltes Verfahren ermöglichte es, alle vom Menschen verursachten Veränderungen der Landschaft wie Straßen, Siedlungen oder Aufschüttungen zu identifizieren und sie aus diesen Höhenmodellen zu entfernen.






