Sie hiess Marie Gernet und stammte aus Karlsruhe. Als erste Frau stellte sie im Jahr 1890 an die naturwissenschaftlich-mathematischen Fakultät der Universität Heidelberg das Gesuch, Vorlesungen besuchen zu dürfen. Erst drei Jahre später genehmigte das Landesministerium offiziell, Frauen als Hörerinnen zuzulassen: „vergünstigungsweise und jederzeit widerruflich”. Marie Gernet hat die Vergünstigung offenbar ohne Widerruf zu nutzen gewusst: Im Oktober 1895 verfasste sie ihre Doktorarbeit über die „Reduktion hyperelliptischer Integrale” – als zweite Frau, die jemals an der Universität Heidelberg promovierte.
Im Jahr 1903 studierten immerhin schon 30 Frauen in Heidelberg, 1910 waren es 162. Von den insgesamt 239 Studentinnen, die sich zwischen Mai 1900 und Mai 1909 immatrikulierten, waren nahezu 70 Prozent evangelisch, die bevorzugten „weiblichen” Studienfächer waren Medizin, Philologie und Naturwissenschaften. Im Jahr 1916 kamen in Heidelberg auf 289 neu Immatrikulierte schon 150 Frauen und die konservative „ Badische Warte” schrieb erschrocken, die „weiblichen Berechtigten” würden wohl bald „in Heuschreckenschwärmen” über deutsche Universitäten herfallen.
Wer im „Heidelberger Wissenschaftsatlas” blättert, kann viele solcher Geschichten und Daten entdecken. Sie lassen den Werdegang der ältesten deutschen Universität, die in diesem Jahr ihr 625-jähriges Bestehen feiert, in einzigartiger Weise lebendig werden – nicht in einem textschweren Buch, sondern in einem Atlas mit Karten, die von erläuternden Texten, interessanten Quellen, aufschlussreichen Bildern und eigens für den Laien übersetzten Fachbegriffen begleitet werden.
EINMALIG IN DER WELT
„Wir wollten anlässlich des Jubiläums etwas Neues wagen”, sagt Peter Meusburger, Seniorprofessor am Geographischen Institut, Initiator und Mitherausgeber des Wissenschaftsatlasses. In der internationalen Universitätslandschaft ist der Atlas in der Tat ein Unikat. Mehr als 80 Autoren stellen ein breites Themenspektrum aus der Vergangenheit und Gegenwart der Universität unter über 100 Überschriften vor. Ihr Ziel ist es, die wissenschaftlichen und räumlichen Beziehungen der Universität Heidelberg in den vergangen 625 Jahren auszuleuchten und ihre Einrichtungen in historischer und aktueller Perspektive darzustellen.
Das ist ein sehr hoher Anspruch von großem Komplexitätsgrad, zumal er mit der Vorgabe verbunden ist, die Fülle der Themen und Zusammenhänge „knapp und allgemeinverständlich” darzustellen. Das Team um Peter Meusburger setzt dabei auf eine großzügige Visualisierung. „Mit der bildhaften Darstellung wird es möglich, die Komplexität zu reduzieren und selbst sehr unübersichtliche regionale wie zeitliche Zusammenhänge, die schwer in Worte oder Formeln zu fassen sind, in grafisch anschaulicher Form darzustellen”, erklärt Meusburger. Die Daten und Fakten von geschichtlich wichtigen Ereignissen oder zur Darstellung einzelner Forschungsinstitute bis hin zu übergreifenden Themen wie der „Familienfreundlichkeit als Voraussetzung für Mobilität und Internationalität” oder der „Baulichen Entwicklung der Universität” mussten zunächst mit wissenschaftlicher Akribie recherchiert und anschließend in Karten anschaulich konzentriert werden. Die Daten, Fakten und erläuternden Texte lieferten die Heidelberger Forscher der verschiedenen Fakultäten, das Kartenmaterial wurde vorwiegend von Experten des Leibniz-Instituts für Länderkunde in Leipzig erstellt, die im Aufbereiten regionalgeographischer Informationen für ein breites Publikum sehr erfahren sind. „Eine erste Adresse”, kommentiert Meusburger.
VOR DEM BANKROTT
Wie sich beispielsweise die komplexe Frage nach der Anziehungskraft einer Universität über die Jahrhunderte hinweg an ihren räumlichen Beziehungen ablesen lässt, zeigen die Karten zur regionalen Herkunft der Professoren und ihrer Studenten. Die Anfänge der Universität im Gründungsjahr 1386 waren bescheiden: Sie bestand aus vier Fakultäten mit Theologen, Juristen, Medizinern und „Artisten” (den Fächern der späteren philosophischen Fakultät), drei Professoren aus Paris und Prag, die vor Kirchenspaltung und Nationalitätenkämpfen nach Heidelberg geflohen waren, und nur wenigen, hauptsächlich vom Niederrhein stammenden Studenten. Rund 200 Jahre später erlebte die Universität eine erste Blüte mit vielen, von überallher in Europa kommenden Studenten und Professoren, die wissenschaftlich wie kulturell und politisch über die Ländergrenzen hinweg vernetzt waren. Ende des 18. Jahrhunderts stand die Universität intellektuell auf einem Tiefpunkt und wirtschaftlich vor dem Bankrott: Das Einzugsgebiet, aus dem die Studenten und ihre Lehrer stammten, hatte sich bis auf die unmittelbare Heidelberger Nachbarschaft verkleinert, Professorentitel wurden teilweise vom Vater auf den Sohn vererbt. Erst im 19. Jahrhundert weitete sich das Einzugsgebiet wieder aus. „Je höher die wissenschaftliche Reputation der Universität Heidelberg wurde”, interpretiert Meusburger die Daten, „umso ausgedehnter wurde das Einzugsgebiet der Professoren und umso geringer wurde der Anteil jener Professoren, die aus Baden stammten.” Heute hat die Universität zwölf Fakultäten, die Professoren werden aus der ganzen Welt nach Heidelberg berufen und von den rund 28 500 Studierenden stammt jeder Fünfte aus dem Ausland.
IN KISTEN NACH ROM
Die bewegte Geschichte der Heidelberger Universität wird auch deutlich, vollzieht man das Schicksal der „Bibliotheca Palatina” nach, der Pfälzischen Landesbibliothek, deren Ursprünge bis zum Ende des 14. Jahrhunderts zurückreichen. Sie galt im 17. Jahrhundert als der „größte Schatz aller Gebildeten in Deutschland”. Mit der Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges endete jäh die kulturelle Hochzeit der „Mutter aller Bibliotheken” : Auf Befehl Papst Gregors XV. wurden die wertvollen Bücher in der Heidelberger Heiliggeistkirche in Kisten verpackt und ab dem 14. Februar 1623 als Kriegsbeute nach Rom transportiert.
Eine Karte im Wissenschaftsatlas zeigt anschaulich, welchen Weg die insgesamt 196 Kisten mit ihrer wertvollen Fracht nahmen: Zunächst ging es mit 50 Ochsenkarren nach München, dort wurden alle Kisten ausgepackt, um die Fracht Maultieren aufzuladen, die sie über die Alpen trugen. In Italien benutzte man Wege zu Land und zu Wasser. Am 9. August 1623 wurde die Ankunft der etwa 3700 Handschriften und rund 13 000 Drucke vom Vatikan quittiert. Dort verblieb die Bibliotheca Palatina die nächsten fast 200 Jahre, bis sich der Vatikan im Jahr 1815 bereit erklärte, der Universität Heidelberg zumindest die deutschen Bände zurückzugeben. Sie trafen 1816 in Heidelberg ein. Die meisten nicht deutschsprachigen Handschriften und sämtliche Drucke lagern noch heute in den Magazinen in Rom. Anlässlich der 600-Jahr-Feier der Universität im Jahr 1986 stellte der Vatikan 500 Bände zur Verfügung – wenn auch nur leihweise.
Für Meusburger und seinen jungen Kollegen Thomas Schuch, die beide für die Redaktion des Atlasses verantwortlich sind, heißt die Arbeit an dem über 350 Seiten starken Werk auch, dass sie dem „Mythos Heidelberg” ein Stück näher gekommen sind. Was etwa bedeutet der vielbeschworene, angeblich spezifische „Heidelberger Geist”? Peter Meusburger folgt in seiner Erklärung dem berühmten Heidelberger Sozialwissenschaftler Max Weber, der das interdisziplinäre Gespräch als wichtigen Motor wissenschaftlicher Inspiration ansah. Die große Bedeutung des räumlichen Milieus, der räumlichen Mobilität und der Netzwerke von Wissenschaftlern für die Forschung, betont Meusburger, sei die wichtigste Lehre, die er aus der Arbeit am Atlas ziehe: Der einzelne Forscher hole das weltweite Wissen seines Faches zu sich – aber erst der enge Kontakt zu seinen Kollegen vor Ort und der zwanglos mögliche Austausch mit Forschern anderer Fachbereiche halte die Wissenschaft im Fluss und sorge für die gewünschten kreativen Prozesse.
Das überschaubare Heidelberg, das breite Spektrum von Fächern sowohl in den Geistes- als auch in den Naturwissenschaften und die vielen, dicht beieinander existierenden Einrichtungen im Umfeld der Universität bieten in Heidelberg für die unmittelbare Kommunikation nach wie vor die besten Voraussetzungen. „Machen Sie einmal einen Spaziergang durch die Heidelberger Altstadt”, fordert Peter Meusburger auf. „Die dort verstreuten rund 50 Gebäude der Universität repräsentieren nicht nur einen Weg durch die Geschichte der Universität, sondern auch durch die Geschichte wichtiger Disziplinen der deutschen Geistes- und Naturwissenschaften.” Und zu bestimmten Zeiten, ergänzt Meusburger, könne ein Gang durch die Heidelberger Hauptstraße oder ein Besuch in bestimmten Cafés und Kneipen einer Senatssitzung gleichen, „nur ohne Tagesordnung”. ■
CLAUDIA EBERHARD-METZGER ist langjährige bdw-Autorin. Sie wohnt in Maikammer in der Pfalz. Entwicklungen der nahen Universität Heidelberg verfolgt sie aufmerksam.
von Claudia Eberhard-Metzger





