Nicht jede Publikation, die in deutschen Festschriften erscheint, findet ihren Widerhall in den Feuilletons großer Tageszeitungen. Dazu muss sie wohl von nationalen Erinnerungsorten wie Canossa handeln und zudem behaupten, alles bisher Geäußerte sei falsch. Genau diese Botschaft hat Johannes Fried jüngst in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ verkündet, indem er die Quintessenz eines Festschriftbeitrags zu dem Geschehen von Canossa unter der Überschrift darbot: „Wir sollten die Legende vergessen“. Auch die „Süddeutsche Zeitung“ wollte da nicht zurückstehen und pries in einem langen Artikel die neue Einschätzung in den höchsten Tönen. Eine kritische Prüfung der medienwirksam aufbereiteten These darf daher vielleicht gleichfalls auf das Interesse einer größeren Öffentlichkeit rechnen, zumal DAMALS in seinem Themenheft 7-2006 Heinrich IV. und Canossa Aufmerksamkeit geschenkt hat. Worum geht es im Kern?
Heinrich IV. und Gregor VII. seien in Canossa ein Bündnis eingegangen, ist Frieds zentrale Botschaft. Die Vorstellung von einem Bündnis, durch das alle Differenzen der Vergangenheit beseitigt und eine enge Zusammenarbeit begründet werden sollten, ist in der Tat neu. Angeblich plante Heinrich nach Fried sogar, den Papst von Canossa nach Augsburg zu geleiten: „Es wäre eine unvergleichliche Friedensfahrt geworden.“ Bisher war man davon ausgegangen, dass unter Vorsitz Gregors in Augsburg ein „colloquium“, eine Untersuchung über Heinrichs Amts- und Lebensführung, stattfinden sollte, um zu entscheiden, ob der Salier noch länger König bleiben könne. An der Stelle der Gerichtsverhandlung stehen nun also Bündnis und Friedensfahrt.
Das Bündnis sei, so Fried, von des Königs „Notfreunden“, unter ihnen seine Mutter Agnes, sein Taufpate Hugo von Cluny, aber auch die Markgräfin Mathilde, langfristig vorbereitet worden. Heinrich wusste angeblich schon Monate zuvor, als ihn seine deutschen Gegner noch absetzen wollten, von der für ihn erfreulichen Entwicklung, die seine Helfer in die Wege leiteten, und er spielte ein doppeltes Spiel. Er setzte angeblich ganz auf die römische Karte – auf den neuen Bundesgenossen Gregor – und manövrierte so seine fürstlichen Gegner aus.
Von den Inhalten des Bündnisses hat sich jedoch nichts erhalten, und auch von seiner mittel- oder gar langfristigen Wirkung ist nichts zu spüren. Es blieb vielmehr Episode. Canossa wird dennoch durch diese Entdeckung von einem Symbol für die Demütigung des Königtums zu einem großen Triumph henricianischen Verhandlungsgeschicks und zu einem Zeichen für den „Sieg des Glaubens und der Vernunft über die Gewalt“, so Fried. Wirksam sei dieses Bündnis nur deshalb nicht geworden, weil es deutsche Fürsten und lombardische Bischöfe schnell hintertrieben hätten.
Wie konnte es aber dazu kommen, dass bisher niemand etwas von diesem Bündnis bemerkt hat? Fried glaubt, einen neuen Kronzeugen gefunden zu haben: den Geschichtsschreiber Arnulf von Mailand. Mit seiner Hilfe wischt er die andere Geschichtsschreibung und auch die brieflichen Zeugnisse Gregors, die mit der Existenz eines solchen Bündnisses deutlich unvereinbar sind, als verfälschend vom Tisch. Man könnte darüber streiten, ob dies nicht schon reine Willkür im Gewand einer selbstentwickelten neuen Methode, der „Memorik“, ist (es geht um das Problem, inwieweit Erinnerung trügt und so die Geschichtsüberlieferung verfälscht). Man muss aber darüber streiten, ob Fried die Aussagen seines Kronzeugen überhaupt richtig verstanden hat.





