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(K)ein ganz normaler Ritter
Als Nationalheld „El Cid“, der das christliche Spanien gegen die maurischen Muslime verteidigte, ist der kastilische Adlige Rodrigo Díaz de Vivar (um 1045–1099) in die Geschichte eingegangen. Doch der vermeintliche Held der „Reconquista“ handelte wie ein typischer Söldnerführer seiner Zeit.
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Gute Nachricht, Álbar Fáñez, denn man hat uns des Landes verwiesen.“ Mit diesen sarkastischen Worten soll El Cid (vom arabischen al-Sayyid, der Herr) seinen ritterlichen Freund getröstet haben. Auch die Einwohner von Burgos sollen wegen seiner Verbannung durch König Alfons VI. (1065–1109) betrübt gewesen sein: „Gott, welch guter Vasall, wenn er einen guten Herrn hätte.“
So schildert es jedenfalls der Autor des „Cantar de Mio Cid“, des „Lieds von meinem Cid“. Mit großem Geschick vermischte der namentlich nicht bekannte Verfasser des wohl um 1200 entstandenen Epos Fakt und Fiktion – und schuf so den legendären Helden. El Cids Schwert „Tizona“, das er angeblich von einem muslimischen Hauptmann erbeutete, ist heute im Stadtmuseum von Burgos zu sehen.
Der echte Rodrigo Díaz de Vivar, so der eigentliche Name El Cids, verhielt sich nicht immer so heldenhaft, wie es das Epos darstellt. Um 1045 in der Nähe von Burgos in Kastilien geboren, genoss er die typische Erziehung eines jungen Adligen. Im Alter von etwa 14 Jahren wurde er in den Haushalt des Thronfolgers Sancho gegeben, den er im Jahr 1063 erstmals auf einem Feldzug begleitete. Die Expedition diente der Unterstützung des Fürsten von Saragossa, Ahmad al-Muqtadir (1046–1081), in einer Fehde gegen König Ramiro I. von Aragón (1035–1063). Pikant daran war, dass Ramiro der Bruder des kastilischen Herrschers Fernando I. war – also Sanchos Onkel. In der Schlacht von Graus fiel Ramiro. Der kastilische Prinz tötete seinen Onkel, um einem maurischen Herrscher zu helfen. Und folgte damit der politischen Logik der Iberischen Halbinsel.
Für viel Geld helfen die Christenden muslimischen Herrschern
Seit dem Zusammenbruch des Kalifats von Córdoba im Jahr 1031 fehlte in al-Andalus, dem muslimisch beherrschten Süden, eine starke Zentralmacht. Die Herrschaft teilten sich zahlreiche kleine Fürstentümer, die Taifa-Reiche. Kunst und Kultur profitierten vom Wettstreit der diversen Herrscher, doch für ihren militärischen Schutz mussten diese die christlichen Könige aus dem Norden um Hilfe bitten – gegen Entgelt. Durch Tribut- und Soldzahlungen flossen erhebliche Geldbeträge aus dem muslimischen Süden in den christlichen Norden.
Besonders erfolgreich bei der Aushandlung von Tributen waren Graf Ramon Berenguer I. von Barcelona (1035–1076) und König Fernando I. von León (1035–1065), der von Saragossa, Toledo und Badajoz regelmäßig, von Sevilla und Valencia gelegentlich Zahlungen erhielt. Mit dem Geld pflegte Fernando sein Seelenheil – und politische Kontakte: Seit Mitte der 1050er Jahre wurde er zum wichtigsten Finanzier des Reformklosters Cluny, dass auch sein Sohn Alfons VI. kräftig fördern sollte. 1080 wurde im Zug der Kirchenreformbewegung auf dem Konzil von Burgos der römische Ritus eingeführt, der lokale Eigentümlichkeiten in der Liturgie beseitigte. Anwesend war dabei auch ein mächtiger Ritter des Königs Alfons: Rodrigo Díaz de Vivar.
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El Cid hatte zunächst im Dienst von Alfons’ Bruder Sancho II. gestanden. Der alte Fernando hatte verfügt, dass das Reich nach seinem Tod geteilt werden sollte: Sancho hatte daraufhin Kastilien erhalten, Alfons León und García Galizien. Am Hof Sanchos II. (1065–1072) diente Rodrigo Díaz als alférez, das heißt als Träger der königlichen Waffen, der für Rekrutierung, Ausbildung und Disziplin der königlichen Truppen zuständig war.
Der Frieden zwischen den Brüdern hielt nicht. 1071 verbündeten sich Sancho und Alfons gegen García und teilten dessen Reich unter sich auf. Dann besiegte Sancho auch Alfons, der sich nach Toledo ins Exil begab. Doch neun Monate später fiel Sancho in Zamora einem Attentat zum Opfer. Ob Alfons darin verwickelt war, ist unklar – aber er profitierte vom Tod des Bruders, dessen Reich er nun an sich riss.
Rodrigo Díaz scheint der Übergang in die Dienste von Alfons VI. relativ problemlos gelungen zu sein. Mitte der 1070er Jahre vermittelte der König ihm die Ehe mit Jimena, der Tochter des mächtigen Grafen Diego von Oviedo. Die carta de arras, eine Urkunde, in der Rodrigo Díaz seiner Frau anlässlich der Hochzeit ihren persönlichen Besitz zuweist, zeugt vom außerordentlichen Einfluss des Cid am Hof. Als fidei jusores, welche die Durchsetzung der Bestimmungen garantierten, werden Graf Pedro Ansúrez von Zamora, der Alfons einst ins Exil nach Toledo begleitet hatte, und García Ordóñez, der Herr von Pancorvo und alférez des Königs, als Zeugen König Alfons selbst und seine beiden Schwestern genannt.
Doch wie eingangs erwähnt, wurde der Cid 1081 verbannt. „Dies haben meine üblen Feinde eingefädelt!“, klagt der Held im Epos. Tatsächlich hatte er sich alles andere als geschickt verhalten. Im Herbst 1079 war er nach Sevilla gereist, um den jährlichen Tribut zu kassieren. Gleichzeitig reiste eine zweite Delegation unter García Ordóñez mit demselben Auftrag nach Granada. Der listige Herrscher von Granada überredete die Ritter zu einem Feldzug gegen Sevilla – für das nun El Cid in den Kampf eingriff. In der Schlacht von Cabra setzte er den Grafen sowie weitere Höflinge fest, nahm ihnen ihre Ausrüstung ab und zwang sie zur Zahlung eines Lösegeldes.
Das war eigentlich das übliche Vorgehen, aber sein Ansehen am Hof sank rapide. Einen weiteren Fauxpas leistete sich der Ritter, als er eigenmächtig eine Strafexpedition gegen eine Verbrecherbande aus der Gegend um Toledo unternahm, mit der er die diplomatischen Beziehungen zum dortigen Fürsten al-Qadir gefährdete. König Alfons hatte nun genug und schickte seinen unzuverlässigen Ritter ins Exil.
Der Verbannte findet unter den Mauren neue Arbeitgeber
Díaz trat in die Dienste des Herrn von Saragossa, Ahmad al-Muqtadir, eines kultivierten Mannes und erfahrenen Herrschers, der seit 35 Jahren erfolgreich regierte. Nachdem al-Muqtadir 1082 gestorben war, übernahm sein Sohn Yusuf al-Mu’tamin den Ritter in seine Dienste. Als militärischer Berater lieferte sich der Cid zahlreiche Scharmützel mit den Truppen von dessen Bruder al-Hayib und seinen beiden Verbündeten, König Sancho Ramiro von Aragón und Graf Berenguer Ramon II. von Barcelona (1076–1096).
Bei Almenar gelang es ihm, den Grafen gefangen zu nehmen und ein riesiges Lösegeld zu erpressen – ein Ereignis, das von den zeitgenössischen Chronisten nicht ohne Häme kommentiert wurde, da der Graf im Verdacht stand, seinen Bruder ermordet zu haben.
Im Dienst al-Mu’tamins erlangte der Cid Wohlstand sowie einen Ruf als fähiger Soldat. Dann starb abermals sein Herr, auf den nun dessen Sohn Ahmad II. al-Musta’in (1086–1110) folgte. König Alfons VI. versuchte, die kritische Phase des Herrscherwechsels zu nutzen und Saragossa zu erobern. Der Cid organisierte gerade die Verteidigung der Stadt, als eine schockierende Nachricht eintraf: Die Almoraviden kamen.
Die Almoraviden waren ein aus der religiösen Bewegung des Islam hervorgegangenes Fürstengeschlecht, das große Teile Nordwestafrikas unter seine Kontrolle gebracht hatte. Von Marrakesch aus eroberte ihr Anführer Jusuf ibn Taschfin (1061–1106) in den 1070er Jahren Fez, Tlemcen, Tanger und Ceuta. Für eine Invasion in al-Andalus interessierte er sich zunächst nicht. Die Taifa-Fürsten hielten ihrerseits nicht viel von Yusuf, doch angesichts der zunehmend aggressiven Politik Alfons’ VI. riefen sie ihn zu Hilfe. Yusuf ließ sich Zeit. Erst als Toledo, die alte Hauptstadt der Westgoten, an Alfons VI. fiel, entschloss er sich zum Handeln.
In Toledo hatte Fürst al-Qadir schon seit Jahren von Alfons’ Gnaden regiert. Wiederholt schlug Alfons Rebellionen der Untertanen gegen ihren unpopulären Herrscher nieder – und kassierte dafür hohe Tributzahlungen von diesem. Als al-Qadir vollends die Kontrolle entglitt, schlug er Alfons vor, ihm Toledo zu übergeben, wenn er ihm da- für Valencia verschaffte. Während sich al-Qadir im Palast verbarrikadierte, belagerte Alfons die Stadt, die im Mai 1085 kapitulierte und damit erstmals nach 370 Jahren wieder einen christlichen Herrn hatte. Alfons bekam nun Oberwasser. Er schickte Truppen aus, um Valencia, Granada, Aledo und Saragossa zu erobern. Doch als die Nachricht von der Landung der Almoraviden kam, musste er die Vorhaben abbrechen. Er versammelte seine Armee – und wurde am 23. Oktober 1086 bei Sagrajas vernichtend geschlagen.
Die Almoraviden kommen – und der Cid macht gute Geschäfte
Die Lage wandelte sich damit grundlegend. Der König brauchte jetzt jeden fähigen Soldaten – auch den Cid. Ende 1086 erfolgte in Toledo die offizielle Versöhnung. Rodrigo Díaz war in einer starken Verhandlungsposition und sicherte sich die Zusage, alle Eroberungen von den Mauren für sich selbst behalten zu dürfen. Mehrere Burgen wurden ihm zur Verteidigung übergeben. Nur fehlte plötzlich der Feind. Der vorsichtige Yusuf hatte seine Offensive abgebrochen.
1089 waren die Almoraviden wieder da. Ihr erstes Ziel war Aledo, wo Alfons VI. mitten in al-Andalus eine Garnison stationiert hatte. Er befahl dem Cid, sich der Entsatzarmee anzuschließen, doch die Vereinigung der Truppen misslang – und Alfons VI. schenkte Vorwürfen Glauben, der Cid habe mit Absicht das Zusammentreffen der Armeen verpasst.
Dieser konzentrierte sich in der Folge auf sein eigenes Wohl und zog mit seinen Soldaten nach Dénia, wo sein alter Feind al-Hayib herrschte. Al-Hayib kaufte sich von der Bedrohung durch die vagabundierenden Krieger frei, woraufhin El Cid mit seinen Soldaten die Gegend um Valencia unsicher machte. Hier hatte unterdessen al-Qadir, wie mit König Alfons vereinbart, die Herrschaft übernommen.
Mit seinen Aktionen gegen al-Hayib und al-Qadir zwang der Cid deren Tributherren zum Handeln: König Alfons VI. und Graf Berenguer Ramon II. von Barcelona. Letzterer war für den Cid gefährlich, denn seine Herrschaft lag nicht weit entfernt. Bei Morella trafen schließlich die Truppen der beiden Kontrahenten aufeinander – und wie schon 1082 nahm der Cid seinen Gegner gefangen und erpresste ein Lösegeld.
Während sich der Cid in der Gegend um Valencia einrichtete, scheiterte der Almoraviden-Herrscher Yusuf an der Belagerung Toledos. Frustriert ob der mangelnden Unterstützung durch die Taifa-Fürsten, nahm er sich diese nun der Reihe nach vor. Die Fürsten von Granada, Málaga, Baza, Almeria, Córdoba und Sevilla mussten ihre Herrschaften an ihn abtreten.
Yusufs neue Strategie brachte König Alfons VI. um seine Einnahmen aus den Tributzahlungen. Beim Versuch, wenigstens Sevilla zu retten, wurde der König bei Almodóvar besiegt und stand nun erneut unter großem Druck. Seine Frau Konstanze wandte sich schließlich an den Cid um Hilfe. Der schloss sich Alfons’ Feldzug nach Granada an, aber es kam nicht zur Schlacht.
Dafür begann ein Wettlauf um Valencia. Al-Qadir hatte, wie schon in Toledo, seine Untertanen gegen sich aufgebracht. Einflussreiche Bürger verbündeten sich daraufhin mit dem Kadi, dem obersten Rechtsgelehrten, Ibn Jahhaf, und beseitigten al-Qadir – endgültig. König Alfons VI. bangte um seinen Einfluss und schlug zwei Seemächten eine gemeinsame Aktion vor: Pisa und Genua sollten eine Seeblockade gegen Valencia durchsetzen und dafür nach geglückter Eroberung mit weitreichenden Handelsprivilegien entlohnt werden, während er selbst von Land angriff. Doch der Cid störte die Pläne des Königs, indem er einen Feldzug nach Kastilien unternahm, wo er in der Grafschaft seines Erzfeindes García Ordóñez wütete.
Währenddessen begann Yusufs Sohn Muhammad ibn Aisa einen sehr erfolgreichen Feldzug: Zunächst eroberte er Murcia, dann Aledo, Dénia, Játiva und schließlich Alcira, womit er nur noch 30 Kilometer vor Valencia stand. Im Juli 1093 rückte dann auch El Cid gegen die Stadt vor. Da er weder über genügend Truppen für eine klassische Belagerung noch über eine Flotte verfügte, konzentrierte er sich darauf, die Versorgung der Stadt zu stören. Tatsächlich kapitulierte Valencia im Mai 1094, kurz bevor die muslimischen Truppen eintrafen – und El Cid vom Belagerer zum Belagerten machten.
Der Cid benötigte nun dringend Verbündete, fand aber keine. In Aragón starb Anfang Juli König Sancho Ramírez – sein Sohn Pedro musste das Reich neu ordnen. Der Graf von Barcelona war nach den Konflikten der Vergangenheit nicht motiviert, dem Cid zu helfen, und Alfons VI. war mit der Verteidigung Toledos beschäftigt.
Als die Almoraviden am Ende des Fastenmonats Ramadan ihre Truppen vor den Toren der Stadt zusammenzogen, setzte der Cid daher alles auf einen Trick: Während ein Teil seiner Männer dem Feind entgegen zog, führte er einen kleinen Trupp aus einem anderen Tor aus der Stadt heraus und zerstörte das Lager der Almoraviden.
Sieg und Beute waren überwältigend, und die Nachricht verbreitete sich in Windeseile. Das belegt eine Urkunde aus dieser Zeit. Ein Notar aus Aragón notierte: „Das Jahr, in dem die Almoraviden nach Valencia kamen und der Cid sie besiegte.“
Die Herrschaft El Cids in Valencia währt fünf Jahre
Doch Valencia blieb eine Insel im feindlichen Territorium. Der Cid besiegte im Winter 1096/97 gemeinsam mit Pedro von Aragón eine weitere almoravidische Armee und verheiratete seine beiden Töchter mit potentiellen Verbündeten: Cristina mit einem Enkel König Garcías III. von Navarra, María mit Ramón Berenguer III., dem neuen Herrn von Barcelona. Nach Innen zeigte sich El Cid als strenger Herrscher. Den Kadi, der gegen al-Qadir rebelliert hatte, ließ er bei lebendigem Leib verbrennen, die reichsten Bürger der Stadt festsetzen, um Lösegeld zu erpressen.
Das Regiment des Cid in Valencia blieb ein kurzes Intermezzo. Nach nur fünf Jahren Herrschaft starb er im Juli 1099 eines natürlichen Todes. Als Mazdali, ein erfahrener Kommandeur der Almoraviden, erneut eine Armee gegen Valencia zusammenzog, entschied der zu Hilfe gerufene König Alfons VI., dass die Stadt nicht zu verteidigen sei. Im April 1102 verließ die christliche Garnison mit der Leiche des Cid im Gepäck die Stadt.
Die folgenden Jahrzehnte waren für die christlichen Reiche im Norden eine schwere Zeit: Der Verlust der Tributzahlungen der Taifa-Reiche führte zu einer Wirtschaftskrise, und aus dem Süden drohte Gefahr durch eine neue, noch radikalere Gruppe, welche die Almoraviden verdrängte: die Almohaden.
Vor dem Hintergrund der Kreuzzugsbewegung und des populären Genres der epischen Heldenlieder wurde der Cid rückblickend zum Idealtyp des christlichen Ritters verklärt. Die Mönche des Klosters in Cardeña, wo der Ritter seine letzte Ruhestätte fand, trugen ihren Teil dazu bei: Die finanziell in Bedrängnis geratene Abtei tat gut daran, zahlungskräftige Pilger vom nahe gelegenen Jakobsweg zu einem Besuch am Grab des Cid zu animieren. Tatsächlich war der Cid ein fähiger militärischer Kommandeur, der sich wie ein typischer Ritter seiner Zeit verhielt: Er kämpfte vor allem für sich selbst.
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