Mit Nachrichten über den König Jérôme von Westphalen, seinen Hof und seine Zeit, muß man übrigens äußerst vorsichtig sein, wenn man die Wahrheit nicht verletzen will. Wir alle haben jene Zeit nicht mit durchlebt, und da es in dem siegestrunkenen Jahre 1813 für Patriotismus galt, das zusammengefallene Königreich mit allen seinen Ereignissen und hervorragenden Persönlichkeiten zu schmähen, so sind die widersinnigsten Sachen über jene Zeit erzählt, geschrieben und leider bis zum heutigen Tage auch geglaubt.“ Diese mahnenden Worte aus J.C.C. Hoffmeisters „Geschichte der Haupt- und Residenz-Stadt Cassel“ von 1882 haben ihre Berechtigung noch immer nicht verloren. Gewiss hat die historische Forschung seither neue Erkenntnisse gewonnen und manche überlieferten Vorstellungen zurechtgerückt. Ein Blick auf die Veröffentlichungen, Kolloquien und Ausstellungen zum Jubiläumsjahr 2007 macht das Ausmaß, aber auch die Grenzen des Wandels deutlich.
Grundlegend verändert hat sich das Bild vom westphälischen Staat. Die ältere, national und borussisch ausgerichtete Geschichtsschreibung hat ihn vor allem unter dem Gesichtspunkt der Fremdherrschaft betrachtet, ihn als Satellitenstaat im Dienst französischer Machtpolitik verurteilt, den innovativen Aspekten nur geringe Beachtung geschenkt, das kurzlebige Herrschaftsgebilde als bloße Episode abgetan. Demgegenüber betont die neuere Forschung die Fortschrittlichkeit des westphälischen Modellstaats mit seinen Verfassungs-, Regierungs-, Verwaltungs- und Rechtseinrichtungen nach dem Muster des nachrevolutionären Frankreich. Sie verweist auf die von ihm ausgehenden Modernisierungsimpulse und misst den Nachwirkungen auf die weitere deutsche Geschichte erhebliche Bedeutung bei.
Einen ähnlichen Wechsel wie in der Beurteilung des politischen Systems hat es bei der Interpretation des westphälischen Königs nicht gegeben. Es herrscht immer noch das Geschichtsbild vor, das die patriotische Literatur der nachnapoleonischen Zeit entworfen und die nationale Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts weiter ausgeschmückt hat. Die Schriftsteller und Historiker knüpften an die populären Vorstellungen der Zeitgenossen an und werteten sie um.
Anfangs standen die Bewohner Kassels dem neuen Herrscher durchaus positiv gegenüber. Die extravagante Erscheinung, die freundlichen Umgangsformen, die Prachtentfaltung am Hof, kurzum die ungewohnten Formen der Herrschaftspräsentation verfehlten ihren Eindruck nicht. Größer hätte der Kontrast zu dem Bild, das der vertriebene Landesherr, Kurfürst Wilhelm I., geboten hatte, kaum sein können. Umso mehr wird verständlich, dass der Hofklatsch bald bunte Blüten trieb und mancherlei Fabeln den stets vergnügten jungen König umrankten. So wurden ihm, der nur gebrochen Deutsch sprach, die Worte „Lustik, morgen wieder lustik“ in den Mund gelegt. Daraus entstand der Spottname „König Lustik“. Er war anfangs keineswegs abschätzig gemeint, erhielt jedoch später, als sich infolge der fortdauernden napoleonischen Kriege die finanzielle und wirtschaftliche Lage des Königreichs und die Situation der Bevölkerung verschlechterten, einen negativen Beiklang. Nach dem Ende der „Franzosenzeit“ bildete sich dann das bis heute geläufige Bild heraus, das nach einer Formulierung von Clemens Amelunxen („König und Senator“, 1980) „die populären Vorstellungen von Jérôme Bonaparte, dem ,König Lustik‘, bis heute zementiert wie ein ,rocher de bronce‘. Er gilt als ein Luftikus, Spieler, Schürzenjäger und Verschwender, der sein und anderer Leute Geld zum Fenster hinauswarf, auf Kosten seiner ausgebeuteten Untertanen einen üppigen Tag lebte und angeblich nie ein Buch gelesen hat – außer den Memoiren der großen Hure Dubarry. Die Wahrheit sah anders aus.“ …





