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Keltische Philosophen
Die Druiden waren über Jahrhunderte zentrale Figuren des religiösen und politischen Lebens der Kelten. Unser Wissen über diese eigentümliche Gruppe von Gelehrten, die Recht sprachen, weissagten und die Wiedergeburt predigten, stammt von römischen und griechischen Autoren.
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von DAVID NEUHÄUSER
In seinem unvollendeten Epos über den römischen Bürgerkrieg, überliefert als „De bello civili“ (auch bekannt als „Pharsalia“), beschreibt der Dichter Lukan (39–65) einen heiligen Hain der Gallier und dessen Zerstörung durch Gaius Julius Caesar (100–44 v. Chr.) und seine Truppen. Vor dem inneren Auge des Lesers entsteht ein wahrhaft düsteres Bild: „Altäre sind aufgerichtet mit schrecklichen Schlachtbänken und jeder Baum ist mit Menschenblut geweiht. … Selbst der Moder und die Blässe des faulenden Holzes setzen in Schrecken; so fürchten sie nicht geheiligte Götterbilder von gewöhnlicher Gestalt: so sehr steigert sich die Angst, wenn man die Götter, die man fürchten soll, nicht kennt. Außerdem geht das Gerücht, dass oft bei einem Erdbeben die hohlen Kavernen dröhnen, dass Eiben umstürzen und sich wiederum erheben; dass Waldbrände auflodern ohne Feuer und dass sich Schlangen rings um die Baumstämme ringeln.“
Caesar, so schreibt Lukan, habe erkannt, dass seine Truppen vom Anblick des finsteren Hains paralysiert wurden, und habe deshalb zur Axt gegriffen, um den Hain zu vernichten. Die Legionäre seien seinem Beispiel gefolgt – da ihre Angst vor Caesar größer gewesen sei als ihre Angst vor den Göttern.
Lukans Text ist keineswegs eine Hymne auf einen heldenhaften Caesar, der einen Ort des Bösen dem Erdboden gleichmacht – ganz im Gegenteil: „De bello civili“ ist eine gegen Caesar gerichtete Schrift, und die Vernichtung des Hains soll Caesars Respektlosigkeit im Angesicht göttlichen Wirkens demonstrieren.
So ist diese Anekdote wohl auch eher ein literarischer Text als ein Tatsachenbericht, angelehnt an Werke Ovids und Vergils, zudem passt die Passage nicht so recht in den Ablauf des Krieges hinein. Möglich wäre, dass die vonTacitus (um 58–um 120) überlieferte Zerstörung eines Hains durch die Römer unter Gaius Suetonius Paulinus auf der Insel Anglesey in Britannien ein Jahrhundert später Lukan als Inspirationsquelle diente.
In jedem Fall ist Lukans gallischer Hain ein gutes Beispiel für antike Überlieferungen zu keltischer Religion und zum Druidentum: Griechische und römische Autoren schrieben über eine fremde (und nicht selten aus ihrer Sicht feindliche) Gesellschaft. Texte keltischer Autoren liegen nicht vor. Und archäologische Funde sind vielfältig deutbar.
Die Ausbildung dauert 20 Jahre
Zu Hilfe nehmen kann man allenfalls noch frühmittelalterliche Quellen aus Irland, wo sich das Druidentum länger hielt als auf dem Festland. Sicher ist, dass das spirituelle Leben der Kelten auf die Römer furchteinflößend wirkte und dass Druiden eine zentrale Rolle in diesem Leben einnahmen. Trotzdem erscheinen Druiden in den antiken Quellen keineswegs als Personifikation brutaler und verstörender Riten, sondern als Philosophen, die ein 20-jähriges Studium absolvieren mussten, um in die Zunft aufgenommen werden zu können.
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Theoretisch konnte jeder Kelte Druide werden; in der Praxis waren es aber wohl in erster Linie die Sprösslinge der Aristokraten – und ebender Druiden – die für ein entsprechendes Studium in Frage kamen. Neben der Philosophie oblag den Druiden auch die Justiz; so ist bei dem griechischen Gelehrten Strabon (um 63 v. Chr.–nach 23 n. Chr.) zu lesen: „[S]ie gelten als die Gerechtesten, und deswegen werden ihnen die Entscheidungen in privaten wie öffentlichen Streitfällen anvertraut … Wenn es eine große Zahl von Druiden gibt, glaubten sie, dass dies auch eine Fülle des Landes hervorbringen werde.“
Druiden standen, gemeinsam mit den Fürsten, an der Spitze der keltischen Gesellschaft. Während keltische Könige in Britannien auch kultische Funktionen wahrnahmen, gab es auf dem Kontinent wohl eine deutlichere Aufgabenteilung: Den Druiden allein oblag die Aufsicht über die religiöse Praxis. Kein Opfer durfte dargebracht werden, ohne dass ein Druide anwesend war – auch wenn die Druiden das Opfer nicht notwendigerweise selbst durchführen mussten. Als Vermittler des göttlichen Willens und als Wahrer eines mündlich tradierten Geheimwissens garantierte ihre Oberaufsicht den Erfolg eines Rituals.
Zentral für ihre Lehre waren – so die antiken Quellen – die Unsterblichkeit der Seele und die Wiedergeburt. Griechen und Römer erklärten die Druiden damit zu Pythagoräern – also zu Anhängern der Lehre des Mathematikers und Philosophen Pythagoras (um 570 – um 500 v. Chr.). Diese sei nicht nur der Kern der druidischen Idee von Wiedergeburt, sondern auch Grundlage ihrer mathematischen Kalkulationen, die ihnen zur Weissagung dienten.
Der Wiener Althistoriker Gerhard Dobesch (1939 –2021) vermutete weiter, dass der Pythagorismus die Druiden über den griechischen Adel der Stadt Massalia (Marseille) erreicht und unter anderem auch die Bildung von Orden unter den Druiden angeregt haben könnte. Umgekehrt gab es schon in der Antike die Idee, dass Pythagoras seine Lehre von den Druiden und den indischen Brahmanen übernommen haben könnte, so etwa bei Alexander Polyhistor (um 100 – um 35 v. Chr.).
In jedem Fall waren römische Autoren davon überzeugt, dass die Lehre der Druiden für die ungeheure Kampfkraft der Kelten verantwortlich sei: Der Glaube an die Seelenwanderung sei so fest, dass der Tod in der Schlacht die Krieger nicht schrecke.
Angst davor, dass einem der Himmel auf den Kopf fallen könnte
Eines fürchteten die Kelten jedoch tatsächlich: dass ihnen eines Tages der Himmel auf den Kopf fallen werde. Diese durch die „Asterix“-Hefte des Duos René Goscinny (1926–1977) und Albert Uderzo (1927–2020) berühmt gewordene Angstvorstellung der ansonsten so unerschrockenen Gallier geht auf antike Überlieferungen zurück und bezieht sich auf den von den Druiden vermittelten Glauben an den Weltuntergang.
Ptolemaios I. (367/66–283/82 v. Chr.), einer der Generäle Alexanders des Großen, der nach dessen Tod die über Ägypten herrschende Dynastie der Ptolemäer gründen sollte, schrieb in seinem Werk über den großen Feldzug gegen die Perser, dass sich Alexander eines Tages mit Kelten von der Adria getroffen und sie beim Umtrunk gefragt habe, was ihnen die größte Angst bereiten würde – davon überzeugt, sie würden ihn selbst nennen. Die Kelten erklärten jedoch, sie hätten vor nichts Angst, außer davor, dass der Himmel auf sie herabfallen könnte.
Als sich die Gallier im Winter des Jahres 52 v. Chr. gegen Caesar und seine Legionäre erhoben, begann der Aufstand im Stammesland der Karnuten, wo sich – Caesar zufolge – jährlich die Druiden ganz Galliens einfanden, um Konflikte zu schlichten. Der Wald, der als Versammlungsort diente, galt als Mittelpunkt ganz Galliens. Und dem Anschein nach wurden dort wichtige politische Entscheidungen getroffen.
Tatsächlich traten Druiden nicht nur als Autoritäten in religiösen Fragen in Erscheinung, sondern auch als politische Akteure. Poseidonios (135–51 v. Chr.), auf den sich viele antike Autoren stützen, wenn es um die Kelten geht, hat zu berichten, dass Druiden (und auch die hochangesehenen Barden) in der Lage waren, zwischen zwei verfeindete Heere zu treten und Frieden zu schaffen.
Von den Druiden gewählte Vertreter konnten sogar in direkten Konkurrenzkampf mit Fürsten treten. So tat dies etwa Convictolitavis vom Stamm der Haeduer, der sich mit Caesars Hilfe gegen den aus der Fürstenfamilie stammenden Cotus durchsetzen konnte. Solche gewählten Vertreter konnten auch selbst Druiden sein – so wie Diviciacus, der ein zentraler Verbündeter Caesars in Gallien war und der sich bei seinem Besuch in Rom mit dem berühmten Redner Marcus Tullius Cicero (106–43 v. Chr.) über das Druidentum unterhielt; das behauptet zumindest Cicero.
In großen Teilen Galliens gab es wohl seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. einen Machtverfall der Könige und einen merklichen Machtzuwachs seitens der Druiden und Aristokraten. Der griechische Redner und Philosoph Dion Chrysostomos (nach 40–vor 120) schreibt, dass Stammesfürsten ohne Druiden rein gar nichts unternehmen konnten, so dass sie, trotz ihres Reichtums, „Gehilfen und Diener ihres Willens wurden“.
Der größte Einschnitt für die Druiden erfolgte in der römischen Kaiserzeit: Kaiser Augustus (63 v. Chr.–14 n. Chr.) verbot es zuerst „nur“ allen römischen Bürgern, die gallische Religion auszuüben; sein Nachfolger Kaiser Tiberius (14–37 n. Chr.) verbot anschließend das Druidentum vollständig – so überliefert es der antike Gelehrte Plinius der Ältere.
Derart plötzlich und vollständig ließen sich die Druiden allerdings nicht entmachten: In seiner Claudius-Biographie schreibt der Schriftsteller Sueton (um 70–nach 122), dass erst im Jahr 43 das Druidentum in Gallien gänzlich ausgelöscht worden sei. Und auch diese vermeintlich vollständige Zerstörung markierte noch nicht das Ende der Druiden. Sie durften nun keine Opfer mehr beaufsichtigen – denn das Verbot war wohl in erster Linie gegen Menschenopfer gerichtet –, konnten aber den zahlreichen anderen Aspekten ihrer Arbeit weiterhin nachgehen.
Die Druiden blieben Philosophen, Juristen und Mathematiker. Ihre Voraussagen waren weiterhin von großer Bedeutung. Und auch politisch konnte man sie noch nicht abschreiben: Tacitus berichtet, dass 69/70 Druiden auf den Plan traten und zum gallischen Sturm auf Rom aufriefen. In den letzten Wochen des sogenannten Vierkaiserjahres (69), in dem erst Kaiser Galba, dann Kaiser Otho und schließlich Kaiser Vitellius ein gewaltsames Ende gefunden hatten, brannte bei Kämpfen zwischen dem letztlich siegreichen Vespasian und den Verteidigern Roms der Kapitolinische Tempel nieder.
Laut Tacitus sahen die Druiden darin ein Zeichen, dass das Römische Reich zu Ende gehen sollte. Der Zorn der Götter gelte nun Rom, und die Weltherrschaft werde an Gallier und Germanen übergehen. Eine Generation nach dem Verbot durch Claudius riefen nun also Druiden dazu auf, Rom den Todesstoß zu versetzen, und traten dabei, wie eh und je, als Propheten auf.
Die einst mächtigen Männer verlieren an Bedeutung
Doch Roms Untergang sollte noch einige Jahrhunderte auf sich warten lassen. Und auch wenn das Ende der Druiden kein abruptes war, so zeigte sich bald, dass sie ihre einstige Macht eingebüßt hatten. Wichtige Aspekte ihres Wirkens und Fragmente ihres Wissens überdauerten besonders lange in Irland und Britannien, bekamen allerdings mit fortschreitender Zeit neue Bedeutungen zugewiesen. Ein 2005 bei Bauarbeiten im französischen Chartres gefundener unterirdischer Kultort aus dem frühen 2. Jahrhundert belegt nicht nur, dass druidische Vorstellungen fortbestanden, sondern dass Magier – wie jener, der den unterirdischen Schrein errichtet hatte – damit begannen, sie umzuinterpretieren. Druiden waren nicht mehr gelehrte Denker, die die Gesellschaft führten, sondern Geister, die man rufen konnte.
Dass das Druidentum seinen zentralen Platz in der keltischen Welt langsam aber sicher einbüßte, bedeutete nicht, dass die Druiden selbst ihr Herrschaftswissen verloren. Es gab etablierte Druiden-Dynastien, die im 4. Jahrhundert Professoren der Hochschule von Bordeaux stellten. Der Rhetor Attius Patera der Ältere entstammte wohl einer solchen Dynastie aus dem Stammesland der Baiokassen, ebenso wie ein gewisser Phoebicius aus Aremorica (der heutigen Bretagne). Beide kamen aus dem Umfeld der Belenus-Tempel – kein Zufall, denn der keltische Gott Belenus entsprach dem griechischen Apollon, dem Gott des Lichts, der unter anderem auch für Weissagungen zuständig war.
In Irland und Britannien, wo sich das Druidentum am längsten hielt, war es wohl auch archaischer als auf dem Festland. Vorstellungen aus der Zeit der nach Westen ziehenden Indogermanen hatten sich dort deutlich länger gehalten. Eventuell wurde bei Ritualen auch menschliches Blut getrunken – eine Praxis, die den Galliern unbekannt war. Die von Tacitus überlieferte Zerstörung des Druidenhains von Anglesey war bezeichnend für die römische Konfrontation mit dem britannischen Druidentum. Tatsächlich überstand dieses die Zeit der römischen Herrschaft nicht. In Irland dagegen hielten sich die Druiden länger, bis hinein ins Frühmittelalter.
Im 18. Jahrhundert kommen Druiden wieder in Mode
Die „Wiederentdeckung“ der Druiden erfolgte schließlich im 18. Jahrhundert. Der Arzt William Stukeley (1687–1765) war fasziniert von der britischen Antike. Inspiriert von den Entdeckungen des Altertumsforschers John Aubrey (1626–1697), begann Stukeley zuerst, selbst zu forschen, ging dann aber dazu über, vermeintliches Druidenwissen mit den Idealen seines Freimaurerordens zu verbinden. In seinem Umkreis wuchs die Druidenbegeisterung. Neue Megalith-Bauten wurden errichtet, pseudo-druidische Ehrentitel verliehen.
Der walisische Steinmetz Edward Williams (1747–1826), der unter dem Pseudonym Iolo Morganwg insbesondere das keltische Bardentum wiederzubeleben trachtete und zu diesem Zweck auch gefälschte Quellen heranzog, gab der Druidenbewegung eine antikatholische und antianglikanische Stoßrichtung und zog Verbindungen zum Hinduismus.
Die moderne Druidenbewegung wurde dabei etwas genuin Walisisches und brachte Figuren wie William Price (1800–1893) hervor. Der Chirurg kämpfte als sozialistischer Politiker für Gewerkschaften, Wahlrecht und Arbeitszeitverkürzung. Dann wandte er sich dem Druidentum zu und scharte als „Erzdruide“ Anhänger um sich. Schließlich erklärte er, sein im hohen Alter gezeugter Sohn sei die Reinkarnation Jesu Christi.
Die Druiden der Antike verblassten dabei hinter Kostümen und neu erdachten Ritualen. Die Frage, woraus ihre religiösen und philosophischen Vorstellungen bestanden, war schon zu ihren Lebzeiten von römischen und griechischen Zeitgenossen nicht leicht zu beantworten. Sie selbst gaben ihr Wissen ausschließlich mündlich weiter. Ihrer Überzeugung zufolge war Schrift nur für profane Gegenstände geeignet. So haben ihre Worte nicht die Jahrtausende überdauert und sind für uns verloren.
Auch sind bislang keine Gräber gefunden worden, die sich mit Sicherheit Druiden zuschreiben lassen. Sogenannte Arztgräber sind zwar mit Druiden in Verbindung gebracht worden, liefern aber keine weiteren Anhaltspunkte. Möglicherweise legten Druiden, die schließlich fest an die Wiedergeburt glaubten, keinen Wert auf vielsagende Grabbeigaben. Was von ihnen übrig ist, gibt keines ihrer Geheimnisse preis.
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