Für die Götter war kein Geschenk zu kostbar – dieser Gedanke steckte vermutlich hinter den rituellen Tötungen von Menschen oder sogar Kindern, die aus verschiedenen alten Kulturen der Welt bekannt sind. Der Fall Huanchaquito-Las Llamas sprengt allerdings alle bisherigen Maßstäbe. Bereits zuvor haben Berichte über den Fundort an der peruanischen Pazifikküste für Aufsehen gesorgt. Nun hat das Ausgrabungsteam seine detaillierten Untersuchungsergebnisse veröffentlicht.
Wie die Archäologen berichten, stammt das Massengrab aus der Zeit des Chimú-Reiches, das bis zu seiner Eroberung durch die Inka um 1470 einen großen Teil der heutigen peruanischen Küstenregion beherrscht hat. Die Hauptstadt Chan Chan war zu ihrer Blütezeit eine prächtige Metropole – sie umfasste Paläste, Verwaltungsgebäude, Plätze, Friedhöfe, Gärten und Tempel, die durch ein Straßennetz verbunden waren. Der Fundort des Massengrabs von Huanchaquito-Las Llamas liegt etwa drei Kilometer nördlich der alten Hauptstadt. Den Kohlenstoffdatierungen der Funde zufolge ist es um 1450 n. Chr. entstanden.
Erschreckendes zeichnet sich ab
Wie das internationale Grabungsteam berichtet, haben sie seit 2011 auf einer Fläche von 700 Quadratmetern die Überreste von 200 jungen Lamas und über 140 Menschen entdeckt. Außer drei Erwachsenen handelte es sich den anatomischen und genetischen Untersuchungen zufolge um Mädchen und Jungen im Alter zwischen 5 und 14 Jahren. Den Wissenschaftlern zufolge lassen die Befunde keinen Zweifel darüber, wie die Kinder und auch die Tiere umgekommen sind: Sie wurden geopfert. Konkret weisen die Schnittspuren im Bereich des Brustbeins und der Rippen darauf hin, dass den Kindern und auch den Lamas die Brust aufgeschnitten wurde, möglicherweise um das Herz zu entnehmen.
Vermutlich waren die geopferten Kinder gezielt aus unterschiedlichen Regionen und ethnischen Gruppen des Chimú-Reiches herbeigeschafft worden, sagen die Wissenschaftler. Dies geht aus Ergebnissen von Isotopenanalysen der Körpergewebe hervor, die Rückschlüsse auf die Herkunft ermöglichen. Außerdem zeigen einige der Kinderschädel die Spuren unterschiedlicher Verfahren der Beeinflussung des Schädelwachstums. Diese Tradition zur künstlichen Formung des Kopfes war in einigen indianischen Kulturen damals üblich.
Mit Kinder-Opfern gegen eine Naturkatastrophe?
Wie die Forscher erklären, handelte es sich bei dem ungewöhnlich umfangreichen Tötungsritual sicherlich um einen sehr hohen Preis, den die damaligen Menschen zu zahlen bereit waren. “Diese archäologische Entdeckung war für uns alle eine Überraschung – wir hatten so etwas noch nie zuvor gesehen und es gab keinen Hinweis aus ethnohistorischen Quellen oder historischen Berichten über Opfer von Kindern oder Kamelen eines solchen Ausmaßes“, sagt Co-Autor John Verano von der Tulane University in New Orleans.





