Wie sah der Alltag der arbeitenden Kinder aus? In den Fabriken trugen sie fertige Glaswaren zu den Kühlöfen, bereiteten Spinnstoffe vor, indem sie Wolle zupften und trockneten, sie halfen an Webstühlen und nähten Knöpfe an. Dabei waren sie Lärm und Staub ausgesetzt und arbeiteten an die Schichtarbeit angepasst. In der Hausindustrie waren auch kleinere Kinder oft nach 22 Uhr damit beschäftigt, Tabak für die Zigarrenproduktion vorzubereiten und Christbaumschmuck herzustellen. Auf dem Land variierten Arbeitspensum und –zeit saisonal, vom Rüben- oder Kartoffelanbau bis zum Einbringen der Ernte.
Boentert verfolgt einen institutionentheoretischen Ansatz, der sich zwar chronologisch an Gesetzestexten zur Kinderarbeit orientiert, darüber hinaus jedoch den Wandel der Werthaltungen deutlich macht. So zeigen etwa die Diskussionen der Universitätsprofessoren, Nationalökonomen, Historiker und Juristen im „Verein für Socialpolitik“ das steigende Interesse an Reformen zum Schutz der Kinder. Die Feststellung der Zustände mittels so genannter Enquêtes und die Forderungen nach mehr staatlicher Kontrolle führten schließlich Ende der 1870er Jahre dazu, dass die Fabrikinspektion obligatorisch wurde. Um die Jahrhundertwende trieben vor allem die Volksschullehrer die Debatte im Zusammenhang mit der Schulpflicht voran, sie warnten vor den geistigen und sittlichen Folgen der Kinderarbeit: Die übermüdeten Kinder seien faul und träge, der nicht kindgerechte Umgang lasse sie verrohen und früh kriminell werden. Diese Argumente wurden auch in der erst später einsetzenden Diskussion um die Beschäftigung der Kinder in der Landwirtschaft wieder vorgebracht.
Die Zusammenfassung der Debatte um die Kinderarbeit, die die Autorin am Schluss bietet, macht den Wertewandel zwar deutlich, aber doch nicht konkret fassbar. Fest steht jedenfalls, dass schon in den 1880er Jahren handfeste ökonomische Argumentationen entfielen – Kinderarbeit „ziemte“ sich nicht mehr. Zugleich blieb bis zum ersten Weltkrieg eine gewisse Ambivalenz im bürgerlichen Milieu bestehen, wo das Elend der kleinen Arbeiter zwar bedauert und ein endgültiges Verbot jeglicher Kinderarbeit gefordert, gleichzeitig aber im eigenen Haus ein minderjähriges Kindermädchen beschäftigt wurde. Leider bleibt die Perspektive der Kinder selbst unberücksichtigt, da Boentert bedauerlicherweise auf die Auswertung autobiographischer Quellen zu diesem Zweck bewusst verzichtet.
Rezension: Gnädinger, Constanze





