Kolumbien gehört in der Wahrnehmung in Mitteleuropa und Deutschland zu den Stiefkindern unter den lateinamerikanischen Gesellschaften. So kann der erstaunte Leser die Geschichte der Cacicazgos, der Häuptlingstümer, kennenlernen, vor allem das „Salz- und Goldreich“ der Muisca von Bogotá und das der Tairona in der Sierra Nevada. Deren Konflikte in einer Phase der Großreichsbildung erlaubten es den Spaniern, zwischen 1530 und 1540 das Muisca-Reich und andere Cacicazgos zu erobern. „Neu-Granada“ (das einzige mit einer erheblichen Goldproduktion in Spanisch-Amerika), galt neben Peru, Neu-Spanien (Mexiko), Quito (Ekuador) und Guatemala als wichtiges reino (Königreich).
Die weitere Geschichte des Landes präsentiert König in einer eher traditionellen, an der Zentralperspektive von Bogotá ausgerichteten politikgeschichtlichen Darstellung. Wegen der regionalen Unverbundenheit Kolumbiens könnte man auch die Perspektive von Cartagena, Medellín (Antioquía), Popayán oder gar die der Küsten oder der Llanos einnehmen. Unter den Kapiteln, wohl alle für die Leser hierzulande Neuland, ragen die Darstellung des Großstaatsversuchs „Großkolumbien“ hervor, ebenso wie die Schilderung der Versuche, dem Liberalismus und der Freihandelswut der untereinander zerstrittenen agrarischen Eliten eine soziale und gesamtnationale Fassung zu geben.
Eine der Tragödien Kolumbiens besteht darin, das hebt König zu Recht hervor, dass sich solche Versuche im traditionellen Verfassungsstaat (der formal stabilste in Lateinamerika) mit seinem Zweiparteiensystem bis heute nicht haben durchsetzen können. Im 20. Jahrhundert ist das Buch vor allem für die Zeit 1958 bis 1986 stark – dies unter dem Motto „Kolumbien im Schatten der kubanischen Revolution“. Der Leser versteht, wie aus einem liberalen Verfassungsstaat unter den Bedingungen der Globalisierung, dem Einfluss der USA, den agrarischen Gegenreformen und der Herrschaft traditioneller Eliten das heutige Kolumbien als ein Hort extrem konservativer Stabilisierung werden konnte, in dem keines der großen sozialen Probleme wirklich gelöst ist, obwohl die Zeit der „revolutionären“ Guerillas und der großen Drogen-Kartelle beendet scheint.
Kolumbien bleibt eines der unsichersten Länder der Erde – nicht nur in Bezug auf die Kriminalität. Vielleicht aus diesem Grund ist dem Autor das Kapitel zur Zeitgeschichte 1986 bis 2008 etwas kurz und unter die Herrschaft eines Fragezeichens geraten. Aber das liegt sicher auch daran, dass seine Sympathien nicht eben Präsident Uribe gehören und er sein Buch – zu Recht – mit dem Hinweis enden lässt, dass in Kolumbien immer noch „eine der ungleichsten Einkommensverteilungen der Erde“ vorliegt.
Rezension: Zeuske, Michael





