Auffallend ist das Spannungsverhältnis, in dem sich Koreas Staatsbildung vollzog: Auf der einen Seite hat China jahrhundertelang wichtige Impulse gegeben. Koreanische Herrscher übernahmen Buddhismus, Konfuzianismus, Regierungssystem und chinesische Schrift. Da Korea diese Errungenschaften auch nach Japan weitergab, sprechen die beiden Autoren von einer Interdependenz zwischen den drei ostasiatischen Staaten. Auf der anderen Seite verfügt Korea über reiche eigene kulturelle Traditionen. Dazu gehören eine im 6. Jahrhundert entwickelte achtstufige soziale Hierarchie von „Knochenrängen“, eine lückenlose historiographische Tradition, die bis ins 12. Jahrhundert zurückreicht, und ein eigenständiges Alphabet aus dem 15. Jahrhundert.
Chinesische Kolonisierungsversuche konnten die Koreaner immer wieder abwehren; folgenschwerer waren die japanischen Angriffe. Die Invasionen der Jahre 1592 und 1597 richteten langfristige Verwüstungen an und zerstörten wertvolle Zeugnisse der koreanischen Kultur. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereitete die japanische Kolonialmacht den zaghaften Anfängen einer koreanischen Öffnung und Neudefinierung ein brutales Ende. Diktatorische Strukturen prägten auch die beiden Staaten, die nach 1945 aus der Teilung Koreas in zwei Besatzungszonen hervorgingen.
Obwohl Nord- und Südkorea seitdem unterschiedliche Entwicklungswege beschritten haben und die Isolation des Nordens sich seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion noch verschärft hat, sehen Marion Eggert und Jörg Plassen durchaus eine Tendenz in Richtung Wiedervereinigung. Der seit Anfang der 1990er Jahre von Hungerkatastrophen geplagte Norden kann seinen Rohstoffreichtum einbringen, der moderne, reiche Süden ein hohes Wirtschaftswachstum und seine erfolgreiche Demokratisierung. Allerdings könnte ein geeintes Korea auch die geostrategischen Kräfteverhältnisse in der ostasiatischen Region verändern. An diesem Punkt endet die Darstellung der beiden Koreanisten, denen es gelungen ist, wichtige historische Hintergründe und Entwicklungslinien für die aktuelle Situation Koreas zu veranschaulichen.
Rezension: Dabringhaus, Sabine





