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Klostergründer wider Willen
Nach seinem Bekehrungserlebnis im Jahr 1115 hatte sich Norbert von Xanten zum Priester weihen lassen. Predigend zog er durchs Land. Erst im nordfranzösischen Prémontré fand er einen Ort, um zusammen mit einigen Gefährten seine Idee von einem gottgefälligen Leben in die Praxis umzusetzen.
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Es war keine leichte Aufgabe, vor die sich Bischof Bartholomäus von Laon gestellt sah: Er sollte Norbert von Xanten, den Adelssohn im Bettlergewand, im wahrsten Sinn des Wortes von der Straße holen – sollte den unsteten Prediger, der schon in verschiedenen Klöstern aufgenommen worden war, ohne je mit dem dortigen Leben zufrieden gewesen zu sein, überzeugen, sich an eine Gemeinschaft zu binden – sollte den, der vagabundierend umherzog und die Menschen aufrütteln wollte, statt sich standesgemäß als Kleriker niederzulassen, dazu bringen, Verantwortung als Oberer zur übernehmen.
Noch Jahrzehnte nach den Ereignissen lassen jene Texte, die eigentlich Norberts Verherrlichung dienten, deutlich dessen Widerwillen erkennen: Die Viten schildern eindrücklich, wie Bartholomäus mit Norbert durch sein Bistum zog – immer auf der Suche nach einer Kirche für den Prediger, nach einem passenden Ort, an dem er bereit gewesen wäre, sich mit seinen Anhängern, deren Zahl nicht einmal übermäßig groß war, niederzulassen.
An einem „öden und einsamen Platz“ wird der unstete Prediger schließlich fündig: in Prémontré
Eher dem allseitigen Drängen seiner Verwandtschaft und des Klerus nachgebend als aus eigener Überzeugung, entschied Norbert sich 1120 schließlich für Prémontré – einen „ganz öden und einsamen Platz“, wie es in den Quellen heißt. Dabei war es nicht die Ödnis, die er fürchtete, wohl aber die Aussicht, nun an einen Ort gebunden zu sein.
Norbert blieb zumindest einen Winter. Schon im Frühjahr des folgenden Jahres jedoch zog er wieder zum Predigen aus und erwies sich damit tatsächlich als „Klostergründer wider Willen“, wie der Historiker Stefan Weinfurter bemerkt hat. Noch vor seiner Abreise aber hatte er sich Prémontré offiziell als Besitz übertragen lassen – ein ungewöhnlicher Vorgang für jemanden, der sich als Apostel der Armut sah. Doch dieses Modell sollte typisch für ihn werden: Sämtliche Häuser der Gemeinschaft gehörten Norbert zu seinen Lebzeiten persönlich. Im Fall Prémontrés war die besitzrechtliche Übereignung sogar mit Kosten verbunden, denn Norbert hatte sich für einen Platz entschieden, welcher der Abtei Saint Vincent in Laon gehörte. Bischof Bartholomäus blieb daher nichts anderes übrig, als die dortigen Mönche zu entschädigen.
Die Ausgaben des Bischofs waren aber offensichtlich gut angelegt, denn rasch wurde deutlich, dass Norbert ungeachtet seines anfänglichen Widerstands in größeren Dimensionen dachte. Als er im Herbst 1121 nach ausgedehnten Predigtreisen wieder in Prémontré eintraf, legte er den Grundstein für eine neue Kirche. Trotz schwieriger Verhältnisse – der Untergrund war sumpfig – konnte Bischof Bartholomäus den Bau bereits am 18. November 1122 weihen.
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Zuvor schon hatte Norbert sich auf den Weg nach Köln gemacht, um in der heiligen Stadt Reliquien für seine neue Gründung zu erhalten. Nicht nur in dieser Angelegenheit erwies sich diese Reise als ertragreich. Norbert brachte auch 30 neue Gefährten mit zurück nach Prémontré, die ihm in seinem neuen Lebensmodell folgen wollten. Zum Weihnachtsfest legten sie alle die Profess – ihr förmliches Versprechen von Gehorsam und einem Leben nach dem Vorbild Christi und seiner Apostel – auf ihre neue Gemeinschaft ab.
Norbert selbst sorgt für die Übernahme der Augustinusregel
Die junge Gemeinschaft in Prémontré folgte anfangs weder der Regel Benedikts noch der des Augustinus. Beide Regeln hatte Norbert auf seiner Jahre währenden Wanderschaft und bei seinen Aufenthalten in verschiedenen Klöstern und Stiften kennengelernt. Im Zentrum des neuen klösterlichen Lebens stand zunächst Norbert persönlich: Er selbst versorgte die Jünger, wie es in seiner Vita heißt, „morgens und abends mit dem Wort des Heils“. Er tat dies, indem er zugleich das, was er vermittelte, auch selbst vorlebte – ganz so, „wie der Adler seine Jungen zum Fliegen lockt“.
Einige Anhänger hätten daher geglaubt, führt die Vita weiter aus, „es genüge allein schon zum Heil, was sie aus seinem Mund vernähmen, so dass sie weder eine bestimmte Ordnung noch eine Regel nötig hätten“.
Nach dem Zeugnis seiner Vita war es dann Norbert selbst, der diese Sicht verwarf und vorbrachte, „dass man ohne bestimmte Ordnung, ohne Regel“ nicht dem Vorbild Christi folgen könne. Diese Einsicht ist bemerkenswert, weil Norberts Gemeinschaft ja zunächst vor allem deshalb keiner Regel folgte, da er als ihr Oberhaupt sich an keine hatte binden wollen.
In den Augen der kirchlichen Autoritäten seiner Zeit musste dies als unhaltbar erscheinen: Viele Bischöfe und Äbte hätten ihm daher die verschiedensten Regeln zur Befolgung empfohlen. So riet man Norbert zur Lebensweise der Einsiedler und Eremiten oder zu jener der auch in großer Weltabgeschiedenheit lebenden Zisterzienser. Solche Empfehlungen verdeutlichen, wie die frühen Prämonstratenser von außen wahrgenommen wurden: in erster Linie als Weltflüchtige.
Norbert aber habe, heißt es weiter, nicht auf menschliche Belehrung gehört, sondern sich dem „himmlischen Rat“ anvertraut. Mit einer solchen Argumentation konnte seine dann folgende Entscheidung für die Regel des Augustinus zum Ergebnis göttlicher Inspiration erklärt werden. Eine andere der bekannten Regeln aber wäre für eine Lebensweise, wie sie Norbert vorschwebte, auch kaum geeignet gewesen. Da er weiter predigen wollte, schied die Regel Benedikts aus, der die Zisterzienser folgten. Sie hätte Norbert fest und beständig an ein Kloster gebunden.
Seine Vita führt diesen Zusammenhang klar aus, begründet die Wahl jedoch auch damit, dass er nicht dem Stand der Kanoniker, dem er selbst und viele seiner Anhänger angehörten, Unrecht tun wollte. Unter Kanonikern (auch Chorherren genannt) werden Kleriker verstanden, die als Mitglieder eines Kathedral-, Dom- oder Stiftskapitels gemeinsam den Gottesdienst feiern. Allerdings zählten weder Predigt noch Seelsorge zum Aufgabenspektrum der frühen Prämonstratenser – Norbert, der beidem nachging, war hier die Ausnahme. Eine solche Orientierung gemeinschaftlich lebender Kanoniker an der Regel des Augustinus war typisch für die Zeit. Allerdings kursierten unter dem Namen des Heiligen zwei Regeln mit voneinander abweichender Programmatik.
Norbert entschied sich für die strengere von beiden, die er jedoch mit Elementen der anderen Regel kombinierte. Prägend für diese Wahl war sein Aufenthalt im Kanonikerstift Springiersbach in der Eifel, wo er die Augustinusregel in genau dieser Form kennengelernt hatte.
Abt Hugo von Fosses gibt dem Orden dauerhafte Strukturen
Durch Norberts Entscheidung waren Prémontré und auch alle weiteren Häuser, die sich dessen Lebensform angeschlossen hatten, sowohl in disziplinarischen als auch in liturgischen Fragen eher am Leben der Mönche orientiert als an dem sonst deutlich weniger asketischen Dasein der Kanoniker: Lange Nachtgebete, strenges Fasten und die Verpflichtung zur Handarbeit standen ebenso für den strengen Charakter, den Norbert seiner Gemeinschaft gab, wie die wollene Kleidung, die zu tragen selbst schon als Buße galt. Andere Kleriker der Zeit trugen das komfortablere Leinen. Das Weiß ihrer Kleidung sollte die Prämonstratenser neben der Buße an die Auferstehungsengel des Johannes-Evangeliums (Joh. 20, 12) erinnern und damit ein Zeichen der Freude sein. Norbert selbst hielt sich jedoch nicht an diese Kleiderordnung, sondern zog weiter in seinem alten Bußgewand umher.
Nicht zuletzt dank solcher Eigenheiten des Stifters, aber auch weil die Regel des Augustinus vieles unbestimmt ließ, bestanden wohl von Anbeginn auch Unklarheiten unter Norberts Jüngern, wie denn tatsächlich im Sinn des Evangeliums zu leben sei. Solange Nobert in Prémontré Verantwortung trug, konnte er persönlich den Weg weisen. Spätestens aber mit seinem Weggang nach Magdeburg, wo er 1126 Erzbischof wurde, mussten sich die Zurückgebliebenen auch ohne Norberts Anleitung zurechtfinden.
Es ist schließlich das unbestreitbare Verdienst des Hugo von Fosses (um 1085/1090–1164) – eines der ersten Anhänger Norberts –, die führungslos gewordene Gemeinschaft vor dem Untergang bewahrt zu haben. 1128, nach dem endgültigen Verzicht Norberts auf Prémontré, konnte Hugo sein Amt als Abt antreten; er war der erste in dieser Funktion. Es spricht manches dafür, dass Hugo noch im selben Jahr die Äbte von Floreffe, Antwerpen, Laon, Vivières und Bonne-Espérance nach Prémontré lud, „um die verkehrten Dinge im ordo zu verbessern“. Möglicherweise wurden auf diesem Treffen auch bereits erste gemeinsame Regularien in Form von Statuten beschlossen, die künftig den Orden prägen sollten.
Die frühesten bekannten Statuten aus der Zeit um 1130 sind noch eng an vergleichbaren Texten der Zisterzienser orientiert und wenig systematisch. Doch bereits die nächsten prämonstratensischen Statuten aus der Mitte des 12. Jahrhunderts zeugen von der Routine, die man in Rechtsfragen gewonnen hatte. Diese neue Fertigkeit verdankte sich in erster Linie einer Institution, die sich ebenfalls aus jenem ersten Äbtetreffen in Prémontré entwickelt hatte: dem Generalkapitel – der jährlich tagenden Versammlung aller Äbte im Mutterhaus.
Beim Generalkapitel wurden die Gemeinschaft betreffende Angelegenheiten durch die Äbte als gewählte Vertreter geregelt und neue Statuten erlassen. Deren Einhaltung wurde durch das ebenfalls von den Zisterziensern übernommene System der Visitation überwacht: Es sollte den Äbten obliegen, mindestens einmal jährlich in den vom eigenen Haus gegründeten Tochterklöstern die Einhaltung des geltenden Rechts zu kontrollieren. Den Anstoß zu all diesen förmlichen Neuerungen gegeben zu haben, ist das Verdienst Hugos von Fosses, der damit als eigentlicher Gründer des Ordens der Prämonstratenser zu sehen ist.
Die neue Gemeinschaft zieht neben Männern auch viele Frauen an
Hermann, benediktinischer Geschichtsschreiber und Abt von Saint Martin in Tournai, war Zeitgenosse wie auch Bewunderer des neuen Ordens von Prémontré. Er wusste zu berichten: „Norbert bemühte sich, nicht allein Männer, sondern auch Scharen von Frauen zu Gott zu bekehren, so dass wir heute in verschiedenen Orten der Kirche von Prémontré mehr als 1000 von ihnen in solch harter Disziplin unter ständigem Schweigen Gott dienen sehen, dass selbst in den strengsten Männerklöstern kaum eine vergleichbare Lebensweise zu finden ist.“ In Schilderungen wie diesen wird deutlich, dass Norbert von Xanten dem Ideal der christlichen Urgemeinde anhing, wonach Männer und Frauen unter Leitung der Apostel gemeinsam dem Vorbild Jesu folgten.
In den frühen Klöstern der Prämonstratenser findet sich dieses Modell apostolischer Lebensführung (vita apostolica) erkennbar umgesetzt: Unter Leitung der Kanoniker lebten nicht nur männliche Laien („Konversen“), sondern auch Frauen. Hatte Norbert als Prediger noch ein kleines Gefolge um sich versammelt, änderte sich dies mit der Etablierung erster Klöster, die seinem Lebensmodell folgten. Für das 12. Jahrhundert ist bezeugt, dass die meist auf zwölf beschränkte Zahl der Kanoniker von jener der Konversen und der Frauen übertroffen wurde.
Während sich die frühen Zisterzienser weigerten, Frauen in ihre Gemeinschaften einzubinden, sind von Norbert keine derartigen Vorbehalte überliefert. Rasch entstanden daher auch Bereiche für sie, meist in unmittelbarer Anbindung an die Klöster der Männer, so dass man für die ersten Jahrzehnte prämonstratensischer Geschichte von Doppelklöstern sprechen kann. Räumlich getrennt, aber dennoch in geistlicher Gemeinschaft, lebten hier Männer und Frauen unter der Leitung des Abtes zusammen.
An der Spitze der Frauen stand eine Priorin, so wie die Männer ihrerseits einem Prior verpflichtet waren. Eine strenge Klausur beschränkte das Tätigkeitsspektrum der Frauen im Vergleich zu den Männern. Textilarbeiten gehörten nach Ausweis der überlieferten Regularien ebenso zu ihren Aufgaben wie der Krankendienst im Hospital – beschränkt auf die Sorge für Frauen. Bereits die ältesten Statuten von um 1130 legen nahe, dass die Frauen lesen und schreiben konnten und auch mit dem Lateinischen vertraut waren. Wenn nicht, hatten sie es zu lernen.
Da die Prämonstratenserinnen vor der Welt verschlossen leben sollten, wurde ihnen auch kein zeichenhafter Habit wie jener weiße der Männer zugestanden. Statt seidener Schleier besäßen sie nur einfache schwarze Tücher, weiß der erwähnte Hermann von Tournai zu berichten. Und er ergänzt: „Obwohl sie wissen, dass sie in solcher Strenge und Armseligkeit unter Schweigen völlig eingeschlossen leben werden, sehen wir doch täglich, wie in wunderbarer Weise durch die Kraft Christi nicht nur Bäuerinnen und Arme, sondern mehr noch Hochadlige und sehr Reiche, Witwen, junge Frauen und Mädchen die Freuden dieser Welt verachten. Durch die Gnade der Bekehrung eilen sie zu den Klöstern dieser Gemeinschaft und drängen zur Abtötung ihres jungen Fleisches, weswegen wir glauben, dass sich in ihnen heute schon mehr als 10 000 Frauen aufhalten.“
Auch wenn diese Zahl deutlich zu hoch gegriffen sein dürfte, so scheint der Zustrom der Frauen zum neuen Orden doch so groß gewesen zu sein, dass die offene Haltung der Männer ihnen gegenüber seit den 1130er Jahren merklich abnahm. Sie begannen, bestehende Doppelklöster aufzulösen und die Schwestern zunächst auf entlegene Höfe, dann in eigene Klöster zu versetzen. So wurden die Frauen aus Prémontré um 1138 ins nahegelegene Fontenelle umgesiedelt.
Dass die Prämonstratenser sich überhaupt weiter verpflichtet fühlten, auch Klöster für Frauen zu errichten und zu betreuen, lag wesentlich am ungebremsten Zustrom ganzer Familien zum Orden, die nicht selten dem Adel angehörten und beim Eintritt ihren oftmals beträchtlichen Besitz der Gemeinschaft übertrugen. Dessen ungeachtet wuchs im Orden der Widerstand gegen den Zustrom der Frauen; zum Ende des 13. Jahrhunderts wurde es sogar zeitweilig untersagt, überhaupt noch Schwestern aufzunehmen.
Schnelle Ausbreitung: 1161 gibt es bereits mehr als 200 Stifte
Während seines Aufenthalts in Köln im Jahr 1121 war Norbert auf den jungen Grafen Gottfried von Cappenberg (um 1096/97–1127) getroffen, dessen Rückzug aus der Welt sich für die junge Gemeinschaft als Impuls erweisen sollte. Um Sühne für die Brandschatzung der Stadt Münster zu leisten, bei der auch der Dom zerstört worden war, übergab Gottfried 1122 seine Burg und seinen immensen Besitz an Norbert und trug damit entscheidend zum Überleben der prämonstratensischen Gemeinschaft bei.
Zuvor hatte bereits die Gräfin Ermesinde von Namur die Kirche von Floreffe an Norbert übereignet, damit er dort ein Kloster einrichte. Bereits diese beiden frühen Beispiele verweisen auf die außergewöhnliche Bedeutung gerade hochadliger Stifter für die Erfolgsgeschichte des Ordens, in der sich nicht zuletzt auch Norberts familiäre Verbindungen und seine Zeit am Hof König Heinrichs V. widerspiegeln.
Norberts Weggang von Prémontré stürzte nicht allein die dort Zurückgelassenen zunächst in eine Krise. Sein Neubeginn in Magdeburg als Erzbischof und auch als Klostergründer führte zu erheblichen Verwerfungen gerade bei jenen, die ihm als Vertreter einer urkirchlichen vita apostolica gefolgt waren. Dennoch blieb die Attraktivität des Geschaffenen hoch. So folgten 1134, in Norberts Todesjahr, bereits 68 Häuser seinem Modell klösterlichen Lebens. Und als Hugo von Fosses 1161 das Amt des Abtes in Prémontré niederlegte, war deren Zahl bereits auf mehr als 200 gestiegen. Prämonstratenser waren damit von Spanien im Westen bis Polen im Osten, von Schottland im Norden bis Sizilien und Palästina im Süden verbreitet.
Autor: PD Dr. Mirko Breitenstein
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