“Ich wäre lieber Bettlerin und allein als eine Königin und verheiratet.” Dieser Satz aus dem Mund Elisabeths I. gegenüber einem Abgesandten des Herzogs von Württemberg, der um Vermittlung in Sachen Brautwerbung gebeten worden war, verweist auf eine der meistdiskutierten Fragen, mit denen sich England und Europa zumindest in den ersten beiden Jahrzehnten nach dem Herrschaftsantritt Elisabeths beschäftigte: Wer würde der Gemahl der neuen englischen Königin werden? In der heiklen außenpolitischen und von religiösen Auseinandersetzungen geprägten innenpolitischen Situation, in der Elisabeth 1558 auf den Thron kam, war es eine der wichtigsten Aufgaben, gute politische Berater zu finden. Die 24jährige Königin ernannte als einen der ersten Mitglieder ihres Staatsrats einen Freund aus Kindheitstagen: Robert Dudley, den sie später zum Earl of Leicester ernannte, wurde als Oberstallmeister mit der Organisation der gesamten Hofhaltung betraut. Diese auch repräsentative Funktion erlaubte ihm, ständig in engstem Kontakt mit der Königin zu sein und bescherte ihm großen Einfluß auf Elisabeth. Die Position der Monarchin war schwierig. Viele Strömungen und Widerstände im Land waren zu berücksichtigen, und so war es ein glänzender Schachzug, den konservativen, erfahrenen William Cecil, der der neuen Mittelschicht angehörte, zum Ersten Staatssekretär zu ernennen. Cecil, der spätere Lord Burleigh, ein Gelehrter aus Cambridge, war überzeugter Protestant, vor allem aber ein nüchtern urteilender, pragmatischer Politiker. Fast vier Jahrzehnte diente ihr dieser loyale Mann, zu dem sie bei dessen Vereidigung sagte: “Ich habe zu Euch das Vertrauen, daß Ihr Euch durch keinerlei Gabe bestechen lassen werdet, daß Ihr ferner dem Staate treu dienen und mir ohne Rücksicht auf meine Wünsche den Rat geben werdet, den Ihr als den besten erkannt habt.” Elisabeth hatte guten Rat dringend nötig, denn Skepsis begegnete ihr am Anfang ihrer Regierungszeit allenthalben. Die Skepsis galt nicht zuletzt der Frau auf dem Thron. Der schottische Reformator John Knox, ein Schüler Calvins, hatte nur pointiert formuliert, was viele zu jener Zeit dachten, als er, noch zur Regierungszeit der katholischen Maria, in seinem “Ersten Trompetenstoß gegen das ungeheuerliche Weiberregiment” wetterte, “daß Gott manchem in unserem Zeitalter offenbart hat, daß es wider alle Natur ist, wenn eine Frau regiert und über den Mann herrscht.” Frauen seien von der Natur zu Schwachheit, Gebrechlichkeit, Ungeduld und Torheit verdammt. Wenn eine Frau über den Mann herrsche, so sei das eine Beleidigung Gottes und eine Umkehrung aller guten Ordnung und Gerechtigkeit. Selbst wer nicht so rigoros dachte wie der puritanische Prediger, zweifelte nicht daran, daß es die erste dynastische und patriotische Aufgabe der Königin war, zu heiraten und für einen Thronfolger zu sorgen. Es bedurfte ganz eindeutig eines Ehegatten, um das Land sicher durch die Unbilden der Zeit zu steuern. Das Land brauchte einen König, die Tudors einen Thronfolger und die Church of England ein würdiges Oberhaupt. Das darniederliegende Land war einerseits auf die Unterstützung einer europäischen Großmacht angewiesen, doch durfte dies nicht so weit gehen, daß seine Unabhängigkeit beeinträchtigt wurde. Außerdem waren religiöse Fragen zu bedenken, und schließlich spielten ja auch noch die persönlichen Vorstellungen Elisabeths von einem zukünftigen Mann, wenn sie tatsächlich zu heiraten gedachte, eine Rolle. Im Vordergrund der Überlegungen des Parlaments und des Staatsrats, gegen deren Widerstand sie ihre Wahl nicht treffen konnte, stand freilich die Staatsräson. Der erste Kandidat nach der Krönung war Philipp II. von Spanien, der seinen mit dem Tod Marias verlorengegangenen Einfluß auf England wiedergewinnen wollte. Elisabeth dachte indes nicht daran, das Schicksal ihrer Schwester zu teilen, und wies ihn nach einigem koketten Hin und Her mit der Begründung ab, das Angebot des katholischen Königs könne nicht ernst gemeint sein, da sie eine Ketzerin sei. Daraufhin schlug Philipp den jüngsten Sohn Kaisers Ferdinands I., den Erzherzog Karl (1540–1590), als Heiratskandidaten vor. Das wäre zwar die politisch beste Partie gewesen, doch galt natürlich der religiöse Vorbehalt bis zu einem gewissen Grad auch hier. Vor allem wäre aber dann der habsburgisch-spanische Einfluß auf die englische Politik groß gewesen, und Unabhängigkeit galt der jungen Herrscherin viel. Ein schottischer Gesandter hat dies ihr einmal mit klaren Worten gesagt: “Wenn Sie verheiratet wären, würden Sie nur Königin von England sein, jetzt aber sind Sie König und Königin zugleich; Sie dulden niemanden über sich.” Die Staatsräson erforderte es, das Werben fremder Fürsten nicht einfach zurückzuweisen, und politische Klugheit ebenso: Solange es Heiratsbewerber gab, würden sich deren Regierungen nicht gegen England wenden. Es galt also, das Spiel offenzuhalten. Bei Erzherzog Karl als jüngstem Sohn des Kaisers bestand kaum die Gefahr, daß England eines Tages in einem fremden Reich aufginge. Elisabeth hatte deshalb eine gewisse Bereitschaft zur Heirat signalisiert. Sie hatte zu einem Abgesandten geäußert, falls der Erzherzog nach England komme und körperlich nicht gar zu mißgebildet sei, solle ihre Heirat nicht an Kleinigkeiten scheitern. Auf religiösem Gebiet kam ihr der Erzherzog weit entgegen: Falls Elisabeth ihm die heimliche Ausübung seines Glaubens in seinen Privaträumen gestatte, während er sie öffentlich zum anglikanischen Gottesdienst begleite, werde er sofort nach England kommen, und die Ehe könne vollzogen werden. Nun mußte Elisabeth sich entscheiden. Sie entschloß sich, nicht zuletzt aus Gründen der Staatsräson, zur Ablehnung. Ihre Sorge, das Land könne durch Glaubensfragen gespalten werden und dadurch ein Bürgerkrieg drohen, gab den Ausschlag. Um dies zu verhindern, teilte sie dem Kaiser mit, müsse sie die Forderung des Erzherzogs ablehnen. Ähnlich erging es den anderen ausländischen Bewerbern. Der schwedische Thronerbe Erik (1533–1577) war der beharrlichste von ihnen. Er wurde abgewiesen versuchte es erneut und erhielt, trotz beträchtlichen finanziellen Einsatzes, ein zweites, drittes und schließlich ein viertes Mal eine Abfuhr. Dem Erfolg am nächsten unter den ausländischen Bewerbern kam wohl Franz von Alençon (1554–1584), der spätere Herzog von Anjou. Er war der jüngste Sohn König Heinrichs II. (1547–1559) und der Katharina von Medici (1519–1589). Katharina versuchte, Elisabeth mit dieser Heirat an Frankreich zu fesseln, und auch Elisabeth hätte französischer Beistand angesichts des schwierigen Verhältnisses mit Spanien geholfen. Alençon kam 1572 selbst nach England. Elisabeth fand ihn sehr anziehend, und die beiden zeigten sich recht verliebt. Elisabeth schenkte ihm sogar einen Ring, durchaus eine Art Versprechen. Doch sie konnte oder wollte sich nicht endgültig entscheiden. Als ihre außenpolitische Situation wieder günstiger wurde, verzögerte sie die Angelegenheit, und schließlich löste sich alles in Luft auf. Alençon wurde bei einem militärischen Abenteuer in den Niederlanden geschlagen. Sein Abenteuer endete in Fieber und Tod.





