Emma von der Normandie: Königin in chaotischen Zeiten - wissenschaft.de | DAMALS
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Königin in chaotischen Zeiten
Emma von der Normandie (um 984–1052) ist eine der spannendsten Frauen der englischen Geschichte um das Jahr 1000. Sie war mit zwei Königen Englands verheiratet, und auch zwei ihrer Söhne sowie zwei Stiefsöhne bestiegen den englischen Thron.
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Emma von der Normandie wusste, dass ihre komplexe Lebensgeschichte einer gewissen Erläuterung bedurfte, daher beauftragte sie einen Mönch aus Flandern mit einer Chronik: „Als alles in Ordnung gebracht war, fehlte dem König nichts als eine edle Frau. Also befahl er überall zu suchen … es bereitete einige Schwierigkeiten, aber schließlich war eine Würdige gefunden … eine Dame von höchstem Adel und Reichtum, herausragend unter den Frauen ihrer Zeit durch ihre liebliche Schönheit und ihre Weisheit, da sie eine berühmte Königin war … Werber wurden entsandt, Geschenke geschickt, weitere bittende Nachrichten übermittelt, aber sie weigerte sich, Knuts Braut zu werden, wenn er ihr nicht per Eidesleistung bestätigte, dass er niemals einen Sohn von einer anderen Frau als Nachfolger einsetzen würde … als der Eid abgelegt war, fand die Dame den Willen des Königs annehmbar, und so, Gott sei Dank, wurde Emma, die edelste der Frauen, die Frau des überaus mächtigen König Knut.“
So schildert der anonyme Autor des Werks, das später „Encomium Emmae Reginae“ („Loblied der Königin Emma“) genannt werden sollte, die Werbung des neuen englischen Königs Knut (1016–1035) um Emma, die Tochter Herzog Richards I. von der Normandie (gest. 996). Dass die selbstbewusste Braut den König zur Eidesleistung zwingt, weiß der Chronist zu berichten, warum sie eine „regina famosa“ („berühmte Königin“) war, erklärt er jedoch nicht. Wohlinformierte Zeitgenossen wussten den Grund jedoch sehr genau: Die Frau des neuen englischen Königs Knut war die Witwe von dessen Vorgänger Æthelred (978–1016).
Im Jahrhundert zuvor hatte sich in England unter den Nachfolgern Alfreds des Großen (871–899) eine, gemessen an den Maßstäben der Zeit, effektive Königsherrschaft entwickelt. Den Herrschern, die sich nicht mehr als Könige der Angelsachsen, sondern als Könige der Engländer bezeichneten, gelang es, die Dänen aus Nordengland zurückzudrängen. Zudem bauten sie auch einen funktionierenden Verwaltungsapparat auf: Gerichtssystem, Steuer- und Münzwesen waren erstaunlich leistungsfähig, die königliche Kanzlei produzierte fleißig die für die Herrschaftspraxis auf der Insel charakteristischen, writs genannten Erlasse, und in den Grafschaften bildete sich das Amt des Sheriffs als Vertreter der königlichen Macht vor Ort heraus.
Ein schwacher englischer König ermöglicht den Aufstieg der Dänen
Nach dem unerwarteten Tod König Edgars (959–975) änderte sich die Lage. Sein Nachfolger Eduard „der Märtyrer“ wurde nach nur drei Jahren an der Regierung 978 ermordet. Æthelred, sein jüngerer Halbbruder, erwies sich als den damaligen Herausforderungen nicht gewachsen. Der wenig schmeichelhafte englische Beiname des Königs, „the Unready“, ist jedoch nicht mit „der Unfertige“ gleichzusetzen, denn der Ursprung ist das altenglische Wort unraed, was als „unberaten“ übersetzt werden kann.
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Das größte Problem für Æthelred waren die Angriffe skandinavischer Kriegergruppen, die seit den 980er Jahren wieder zunahmen. Auf der Suche nach einem Verbündeten heiratete er eine Tochter des mächtigen Herzogs der Normandie: Emma.
Doch eine nachhaltige Stabilisierung der Lage gelang dem König nicht. Als Eigentor erwies sich sein Befehl, alle männlichen Dänen im Land töten zu lassen („St. Bryce-Day-Massaker“). Dem dänischen König Sven Gabelbart (986–1014) diente die Aktion in der Folge als Rechtfertigung immer neuer Raubzüge seiner Krieger.
1013 gelang einem dänischen Heer unter Svens Kommando die Eroberung großer Teile Englands. Æthelred und Emma flohen in die Normandie. Der baldige Tod Sven Gabelbarts im Februar 1014 ermöglichte Æthelred noch einmal die Rückkehr auf den englischen Thron. Zwar hatte Sven seinen Sohn Knut – der ihm dem „Encomium“ zufolge eher widerwillig auf den Feldzug gefolgt war – als neuen Herrscher von England auserkoren, doch konnte sich dieser zunächst nicht als solcher durchsetzen.
Bereits 1015 kehrte der Däne mit einem neuen Heer nach England zurück. Abermals war Æthelred zum Rückzug gezwungen. Er verbarrikadierte sich in London, starb jedoch, ehe es zu größeren Kampfhandlungen um die Stadt kam.
Die Nachfolge beanspruchte ein Sohn aus Æthelreds erster Ehe mit Ælfgifu von York: Edmund „Ironside“ („Eisenseite“) wurde von der Londoner Bevölkerung zum König ausgerufen und rüstete zum Kampf gegen Knut.
Am 18. Oktober kam es bei Assandun zur Schlacht. Nachdem er von Eadric, dem Alderman von Mercia, verraten worden war, musste Edmund das Schlachtfeld Knut überlassen. Die schweren Verluste seines eigenen Heeres zwangen den Dänen jedoch, Verhandlungen aufzunehmen. Das Königreich wurde geteilt. Edmund erhielt Wessex, Knut den Rest.
Als Edmund noch im selben Jahr starb, trat Knut die Herrschaft im ganzen Reich an. Zur Stärkung der Legitimation seiner Herrschaft sowie zur nachhaltigen Befriedung des Landes diente dabei die politisch wohlüberlegte Heirat mit Emma, der Witwe Æthelreds.
Die Eheschließung half Knut nicht nur bei der Integration in die alte Führungsschicht – tatsächlich scheint Emma Knut eine echte Stütze bei den Regierungsgeschäften gewesen zu sein.
Emma ist eine Königin auf Augenhöhe
Nicht nur der Autor des „Encomium“, dessen Aufgabe es war, die königliche Würde seiner Auftraggeberin zu betonen, stellt die Verhältnisse an Knuts Hof so dar, dass Emma dem König eine gleichrangige Partnerin war, die auch ihre eigenen politischen Interessen durchzusetzen wusste – nicht zuletzt, indem sie Knut vor der Heirat zur Eidesleistung zwang.
Tatsächlich ist Emma die einzige Frau im gesamten 11. Jahrhundert, die in England als Zeugin königlicher Urkunden in Erscheinung trat, was für eine partnerschaftliche Teilhabe an der Herrschaft Knuts spricht. Auch als großzügige Stifterin und Patronin kirchlicher Institutionen wird Emma immer wieder erwähnt. Auf ihren Machtanspruch weist zudem hin, dass Knuts Huscarls, die persönliche Leibwache und Elitetruppe, nach seinem Tod an der Seite der Witwe verblieb.
Doch Emmas Macht waren Grenzen gesetzt. Aus eigener Erhabenheit heraus zu handeln vermochte sie nicht. Das zeigte sich insbesondere nach Knuts Tod 1035. Als König von England, Dänemark und Norwegen hatte Knut ein riesiges Nordseereich regiert – das nun prompt zerbrach.
Problematisch war für Emma: Zum Zeitpunkt von Knuts Ableben hielt sich der gemeinsame Sohn, Hardiknut, in Dänemark auf. Diese Gelegenheit nutzte jetzt ein anderer Sohn Knuts aus dessen früherer Ehe mit Ælfgifu von Northampton. Mit der Thronbesteigung von Harald „Hasenfuß“ trat genau der Fall ein, gegen den Emma einst Abhilfe zu schaffen versucht hatte. Doch nun war sie zur Passivität verdammt. Als Königinwitwe hatte sie keine Möglichkeit, direkt gegen Haralds Herrschaftsanspruch vorzugehen.
Das bedeutete jedoch nicht, dass Harald sich keine Sorgen machen musste, solange Hardiknut in Dänemark beschäftigt war. Aus Emmas erster Ehe mit Æthelred waren zwei Söhne hervorgegangen, die nach der Eroberung Englands durch Sven Gabelbart zur Erziehung, aber auch zu ihrem eigenen Schutz in die Normandie geschickt worden waren. Diese traten nun auf den Plan.
Der Autor des „Encomium“ bleibt bewusst vage, was die Vaterschaft besagter Söhne angeht. Der Name Æthelred fällt an keiner Stelle. Er führt beide auch erst in die Geschichte ein, als es sich nicht mehr vermeiden lässt – als es nämlich darum geht, den „Usurpator“ Harald zu diskreditieren. Laut „Encomium“ verweigert Erzbischof Æthelnoth von Canterbury ebenjenem nämlich die Herausgabe der Kronjuwelen – mit dem Hinweis darauf, dass er niemand anderen als König anerkennen würde, solange noch Söhne von Königin Emma am Leben seien.
Alfreds Expedition nach England wird zum Fehlschlag
Harald bediente sich nun eines Tricks, weiß der „Encomium“-Autor, um seine Konkurrenten auszuschalten. Er fälscht einen Brief, in dem er Emmas Söhne in ihrem Namen um Hilfe anfleht. Tatsächlich machte sich ihr Sohn Alfred 1036 mit wenigen Weggefährten auf den Weg nach England. Doch kaum im Land, wurde er von Earl Godwin von Wessex abgefangen. Man lockte ihn unter falschen Versprechungen nach Guildford. Dort setzten ihn Haralds Männer gefangen. Er wurde nach Ely gebracht, geblendet und ermordet.
Emma sah sich nach der missglückten Aktion Alfreds gezwungen, England zu verlassen. Als Ort ihres Exils wählte sie den Hof Graf Balduins V. von Flandern – eine überraschende Wahl, die vermuten lässt, dass sie, anders als noch 1013, bei den Verwandten in der Normandie nicht mehr gern gesehen war.
Im „Encomium“ findet sich jedoch keine Erklärung für die mutmaßliche Verstimmung, ganz im Gegenteil: Glaubt man dem Autor des Werks, so bat Emma, kaum dass sie in Brügge angekommen war, Alfreds Bruder Eduard um Hilfe im Kampf gegen Harald. Doch dieser lehnte ein militärisches Abenteuer ab, indem er darauf verwies, dass der englische Adel ihm gegenüber keinerlei Verpflichtungen habe, er also, anders als Hardiknut, nicht auf seine Unterstützung bauen könne. So weit die Ausführungen des flandrischen Mönchs.
Glaubt man hingegen den normannischen Chronisten Wilhelm von Jumièges (vor 1027 – nach 1070) und Wilhelm von Poitiers (um 1020–1090), war diese Darstellung der Ereignisse schlicht falsch. Ihnen zufolge unternahm Eduard etwa zeitgleich mit Alfred und mit normannischer Unterstützung sehr wohl eine Expedition nach England, brach diese jedoch schnell wieder ab.
Doch diese Aktion passte nicht ins Narrativ des „Encomium“, in dem Eduards Antwort im Gegenteil dazu genutzt wird, um die vorrangigen Erbansprüche Hardiknuts zu betonen. Der Fortgang der Geschichte untermauert zudem die Vermutung, dass Emma daran gelegen gewesen sein könnte, Eduards Reputation zu schützen, indem sie die Episode verschwieg – ganz gleich, ob sie selbst möglicherweise darin verstrickt war oder nicht.
Es war mit ziemlicher Sicherheit in jenen Jahren im flandrischen Exil, als Emma einen Mönch des Klosters St. Bertin in Saint-Omer (im heutigen Frankreich) damit beauftragte, ihre Geschichte in Form des „Loblieds für Königin Emma“ niederzuschreiben.
Nach dem Scheitern der Unternehmungen Alfreds und Eduards setzte Emma nun ganz auf Hardiknut. Ihm galt es, möglichst breiten Rückhalt zukommen zu lassen. Der Kreis seiner Unterstützer auf dem Kontinent, in Flandern und der Normandie, sollte erweitert werden, indem sie ihn als einzigen legitimen Herrscher Englands darstellte. So weit die Theorie, denn Emma und ihr Mönch wurden von den Ereignissen überholt – Harald Hasenfuß starb, noch ehe Hardiknut aus Dänemark zurückkehren konnte, um ihn zu vertreiben.
Der Usurpator war tot, der Weg also für Hardiknut frei. Doch dessen Hof blieb ein potentiell gefährlicher Ort. Hier gingen ebenso undurchsichtige wie machtbewusste Gestalten wie jener Godwin von Wessex (um 1001–1053) ein und aus, der einst von Knut zum Earl erhoben worden war, und später Alfred zugunsten von Harald verriet. Seine machtvolle Stellung verlor Godwin jedoch auch unter Hardiknut nicht.
In ebendiesem Godwin erkennen manche Historiker den eigentlichen Antagonisten des „Encomium“ und Emmas Gegenspieler im Kampf um Einfluss am Hof Hardiknuts. Dabei verliert der Autor des „Encomium“ über sein Wirken kaum ein Wort mehr: Sein Werk endet damit, dass Emma und ihre beiden verbliebenen leiblichen Söhne, der rechtmäßige König Hardiknut und der aus der Normandie zurückgekehrte Eduard, das Königreich in Eintracht und Harmonie regieren.
Diese Darstellung war mit ziemlicher Sicherheit mehr Idealvorstellung als Realität. In jedem Fall platzte die Seifenblase nur allzu bald, denn auch Hardiknut war kein langes Leben vergönnt. Mit seinem Tod 1042 endeten die dynastischen Wirren – und abermals war es Godwin, der als Königsmacher in Erscheinung trat. Den Thron erklomm nun Emmas letzter überlebender Sohn Eduard („der Bekenner“, 1042–1066).
Die Königinmutter gerät ins politische Abseits
Das dänische Zwischenspiel war damit beendet, das Haus Wessex zurück an der Macht. Die Ordnung der Dinge schien wiederhergestellt. Doch dem in der Normandie aufgewachsenen Eduard fehlte eine eigene Machtbasis im Land. Er war gezwungen, Godwin entgegenzukommen, indem er dessen Tochter Edith heiratete. Emma hingegen wurde in den politischen Ruhestand geschickt: Eduard zog ihr Vermögen ein und verbannte sie nach Winchester.
All ihren Bemühungen zum Trotz war Emma ins politische Abseits geraten. Ihr Narrativ hielt gegenüber Eduard, dem Sohn Æthelreds, nicht mehr stand. Sie war nun nur noch die Frau, die ohne viel Federlesens in die Arme des neuen Königs Knut geflüchtet war.
Der fast nahtlose Übergang Emmas von Æthelred zu Knut ist nur eine von vielen Fragen, auf die das „Encomium“ keine befriedigende Antwort zu geben weiß. Auch ihre Rolle bei der Expedition Alfreds und die mutmaßlich angespannten Beziehungen zu den normannischen Verwandten werden nicht ausreichend erklärt, ja gar nicht zu erklären versucht. Man muss davon ausgehen, dass die zeitgenössischen Rezipienten des „Encomium“ um die wahren Hintergründe wussten, aber angehalten werden sollten, diese zu vergessen.
Die Geschichtsforschung hat sich bei der Interpretation des „Encomium“ lange Zeit auf die Legitimation der Ansprüche der verschiedenen Anwärter auf den Thron konzentriert. Zweifellos nimmt diese Frage einen wichtigen Platz in diesem Werk ein. Wichtiger noch aber scheint das in der Chronik vermittelte Potential Emmas als Trägerin der Königswürde auf der einen Seite wie auch als integrativ zwischen den Fraktionen im Königreich wirkende Vermittlerin andererseits zu sein.
Mit ihren Verbindungen zur alten Wessex-Dynastie, zu den Anhängern Knuts sowie in die Normandie und nach Flandern war Emma für diese Rolle wie geschaffen – auch wenn dieses Potential letztlich ungenutzt blieb.
Denn Emmas Rechnung ging nicht auf: Hardiknut starb zu früh, Eduard hingegen wandte sich von ihr ab – der angelsächsischen Chronik zufolge, weil sie sich in der Vergangenheit nicht ausreichend für ihn eingesetzt habe, ohne dass näher erläutert würde, welche konkreten Vorwürfe sich dahinter verbargen. Eduard beförderte die einstmals stolze Partnerin Knuts in den Ruhestand – und entledigte sich so einer Verbündeten, obwohl er selbst mit großen politischen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte.
1066: Bei Hastings entscheidet sich die Zukunft Englands
Die Verklärung Eduards „des Bekenners“ als frommer Friedensherrscher ist vor allem seiner Frau Edith zu verdanken. Dabei deutet vieles darauf hin, dass seine politische Handlungsfähigkeit stark eingeschränkt war. Sein Versuch, den mächtigen Schwiegervater Godwin kaltzustellen, scheiterte 1051/52 kläglich. Bei dieser Gelegenheit verstieß Eduard zwischenzeitlich auch seine Gemahlin Edith. Die wusste die Kinderlosigkeit der Ehe später mit der frommen Keuschheit beider Ehepartner zu erklären – mitunter ist sie auch als Rache Eduards an Godwin gedeutet worden.
Nach Eduards Tod am 5. Januar 1066 erhoben drei Männer Ansprüche auf seine Nachfolge: Der norwegische König Harald Hardrada sah sich als Erben des Nordseereichs Knuts; Godwins Sohn Harald machte geltend, dass Eduard ihn auf dem Totenbett zu seinem Nachfolger ernannt habe, und auch Emmas normannischer Großneffe Wilhelm behauptete, von diesem persönlich zum Thronfolger auserkoren worden zu sein. Die Entscheidung fiel noch im selben Jahr auf den Schlachtfeldern von Stamford Bridge (25. September) und Hastings (14. Oktober): Am Ende sicherte sich Wilhelm „der Eroberer“ die englische Krone.
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