Wie die anderen Mächte wollte auch das junge Kaiserreich exotische Stücke der Welt besitzen – im späten 19. Jahrhundert ergatterte sich Deutschland deshalb Kolonien in Afrika, Ozeanien und Ostasien. Mit einem speziellen Aspekt dieser deutschen Kolonialzeit hat sich der Lehrstuhl für Germanistik der Universität Würzburg nun im Rahmen eines Masterseminars beschäftigt: Unter der Leitung des Sprachwissenschaftlers Matthias Schulz haben Studierende den Sprachgebrauch der Kolonialherren in der Zeit zwischen 1880 und 1920 analysiert. Dazu dienten ihnen rund 1000 Texte aus der „Digitalen Sammlung deutscher Kolonialismus“, die seit 2019 online zugänglich ist. Die Universität Würzburg berichtet nun über die Ergebnisse des Teams.
Arroganz und Ignoranz spricht aus den Texten
Die Doktorandin Miriam Reischle konnte dokumentieren, wie sich in der damaligen Sprache die grundlegende Sichtweise auf den kolonialen Raum widerspiegelte. Wie sie berichtet, zeugen viele Berichte von Vorurteilen und festen mentalen Konstrukten im Bezug auf den Charakter der Kolonien. Statt die Komplexität zu beachten und hervorzuheben, stellen die sprachlichen Konstruktionen die Kolonialgebiete oft intensiv als eine Gesamtheit dar. „Wie überall in dieser Gegend…“ ist beispielsweise eine typische sprachliche Generalisierung, berichtet Reischle. Koloniale Einstellungen und Gewissheiten können auch die Ursache dafür sein, dass manche Themen überhaupt nicht explizit versprachlicht wurden, sagt Projektleiter Schulz.
Der damals weitverbreitete koloniale Hochmut spiegelt sich auch in den Ergebnissen der Masterstudentin Jinyang Ma wider. Sie konnte am Umfang des Einsatzes von Begriffen aus der Wortfamilie „Kolonie“ – also Wörter wie Koloniebeamter, Kolonialregierung oder kolonisieren – belegen, wie stark der Blick der Kolonialherren auf die eigenen Interessen gerichtet war: „Diese Wörter beschreiben die Handlungen und die Perspektive der Kolonisten“, so Ma.
Auch aus den Texten, die den Aspekt Religion thematisieren, spricht der mangelnde Respekt der Kolonialherren. Mit dem Begriff Religion wurde demnach in der Regel nur der christliche Glaube bezeichnet. Im Bezug zu den religiösen Vorstellungen und Praktiken der indigenen Bevölkerungen wurden hingegen meist die Begriffe „Aberglaube“ oder „heidnische Vorstellungen“ eingesetzt. Typische Adjektive waren in diesem Zusammenhang auch „naiv“, „kindlich“ oder gar „lächerlich“.
Viel Negatives – aber auch Lichtblicke
Rassismus wird den Textanalysen zufolge etwa beim Thema deutsche Frauen in den Kolonien deutlich. Die Kolonien zu regieren, war zwar fast ausschließlich der Job von Männern, doch für sie waren auch Frauen nötig. Offenbar sollten sie häufig mit nationalpatriotischen Argumenten dazu bewegt werden, in die Kolonien zu ziehen. Einige Aussagen waren offenbar deutlich rassistisch. Ein Beispiel: „Die Anwesenheit der Frau ist geboten in Rücksicht auf die Reinerhaltung der Rasse.“





