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„Kolonisierung“ ohne Waffengewalt
Die Handelsverbindungen der Phönizier reichten von Spanien bis Südarabien, von Afrika bis ins Schwarze Meer. Was die internationalen Geschäftspartner neben den wertvollen Gütern an den Phöniziern besonders schätzten: Sie neigten nicht zu Gewalt und bevorzugten friedliche Lösungen.
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Ausgangspunkt des phönizischen Seehandels bildete eine ökologisch-geopolitische Konstellation, die es in dieser Form wohl nirgends sonst im Mittelmeerraum gab. Die Levante, also der schmale Küstenstreifen, der von der Mündung des Orontes (in der heutigen Türkei) bis in das Gebiet des heutigen Gaza-Streifens reichte, gehörte zu den fruchtbarsten und verkehrstechnisch günstigsten, aber auch hochumkämpften Verbindungszonen des Nahen Ostens.
Jeder, der von Kleinasien und Nordsyrien über Land nach Ägypten und umgekehrt reisen wollte, nahm den Weg über den Korridor, der im Westen durch das Meer, im Osten durch das baumreiche Libanon-Gebirge vom Hinterland abgeschirmt und nur über einige Karawanenrouten mit dem Zweistromland verbunden war.
Die phönizischen Hafenstädte wussten diese Lage zu nutzen. Dabei machten sie nicht immer gemeinsame Sache. In Konkurrenz zueinander suchten sie zeitweise durchaus unterschiedliche Wege zum Erfolg. So war besonders aus der Sicht von Tyros schnell klar, dass es nicht ausreichen würde, nur potente Handelspartner zu gewinnen, es galt auch, den Reichtum und die agrarische Basis der Inselstadt zu erweitern.
Zu diesem Zweck begann man zwischen 1100 und 1000 v. Chr., mehrere kleinere Hafenstädte und ackerbaufähiges Land südlich bis in die Ebene von Akko zu annektieren. Was zunächst der späteren, weitgehend friedlichen Handelsexpansion zu widersprechen scheint, war tatsächlich ihre entscheidende Voraussetzung. Nur mit dieser erweiterten agrarischen Basis sowie einer entsprechend größeren Zahl an Menschen und landwirtschaftlichen Produkten der Heimat war es Tyros möglich, über Jahrhunderte immer wieder Kapitäne und Händler sowie Siedlergruppen über die Meere zu schicken und das von ihnen aufgebaute Verbindungsnetz am Leben zu halten.
Der zweite Erfolgsgarant war das Meer selbst: Das Mittelmeer ist ein zersplitterter und ökologisch in mehrere Mikroregionen fragmentierter Großraum, der seine Bewohner schon immer zwang, über See miteinander zu kommunizieren und ihre meist schmale agrarische Basis sowie Verluste infolge von natürlichen Widrigkeiten (wie Erdbeben, Dürren und Überschwemmungen) sowie durch Überfälle und Raub mit Hilfe von maritimem Austausch auszugleichen.
„Island Hopping“ im nördlichen Mittelmeer ermöglicht die Ausdehnung des Handelsnetzes
Zusätzlich veranlasste die ungleiche Verteilung natürlicher Rohstoffe (besonders der Edelmetalle) Seefahrer, weite Strecken über See zurückzulegen. Gerade die Nordhälfte des Mittelmeers bot dafür beste Voraussetzungen: Die reichgegliederte Küste sowie weit ins Meer ausladende Halbinseln lösten die riesige Wasserfläche auf in überschaubare Becken. Große Inseln wie Zypern, Sizilien und Sardinien sowie die Balearen ermöglichten – anders als im Roten Meer und im Atlantik – ein island hopping von Ost nach West und von Nord nach Süd. Seefahrer konnten weite Strecken bewältigen, ohne die Landsicht zu verlieren.
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Zu den günstigen geographisch-ökologischen Rahmenbedingungen kamen nautische und hydrologische Vorteile: Der Himmel ist im Sommer meist heiter, es gibt selten und nur im Winter Nebel, was eine Orientierung an der Sonne und den Gestirnen erlaubt. Stürme sind heftig, aber kurz, Wellenentwicklungen bei weitem nicht so gewaltig wie im Atlantik.
Die großen Strömungen bewegten sich von Westen nach Osten und nach Norden gegen den Uhrzeigersinn, was mit einer dominierenden Windrichtung aus West bzw. Nordwest korrespondiert. Das begünstigte die Ausbildung von regelrechten carreras, die auf der inneren Linie einen schnelleren Transport größerer Lasten ermöglichten als die Landwege.
Die Seehändler von Tyros haben sich von Beginn an in dieses System eingefädelt, wobei sie eigentlich wenig Neues entdecken mussten; sie bewegten sich vielmehr auf einer Matrix maritimer Verbindungen, deren Substrat auch die Umwälzungen der späten Bronzezeit überdauert hatte. Das Anzapfen dieses alten Erfahrungspools sparte Investitions- und Transaktionskosten: So konnten die Phönizier wahrscheinlich Kenntnisse der aus dem Westen kommenden „Seevölker“ adaptieren; vielleicht waren sie sogar mit ihnen verbündet.
Es kommt jedenfalls nicht von ungefähr, dass die frühen tyrischen und sidonischen Handelsfahrten nach Zypern und in die Ägäis, der günstigen mediterranen Strömung folgend, nicht nur auf alten Verbindungen in diese Räume beruhten, sondern gewissermaßen rückwärts den Routen folgten, die einst die „Seevölker“ bei ihrem Weg in die Levante genommen hatten.
Was die phönizischen Seefahrer auf Zypern suchten, war offensichtlich: Metalle (Kupfer und Eisen), Holz sowie Abnehmer von Erzeugnissen der eigenen Werkstätten, etwa Elfenbeinschnitzereien, Prunkgeschirr und wertvolle Keramik – alles Waren, die für einen aristokratischen Kundenkreis bestimmt waren.
Tatsächlich trafen sie auf der Insel auf ein buntes Gemisch von Gemeinwesen auf einer ihnen vergleichbaren Entwicklungsstufe, die selbst uralte Kontakte in die Levante und in die Ägäis pflegten. Die zyprische Küste war zudem wegen ihres Baumreichtums und der Lage an der inneren Linie des ostmediterranen Küstenverlaufs eine vorzügliche Versorgungsbasis für Schiffe. All dies muss die Herren aus Tyros im 9. Jahrhundert veranlasst haben, mit Kition hier eine erste Kolonie auf einer späteisenzeitlichen Vorgängersiedlung anzulegen.
Besonders Erze machen einen Standort attraktiv
Weiter westlich – wieder entlang der dominierenden Strömung – gelangte man über Rhodos zu den Küsten und Inseln der Ägäis in eine Region, die sich nach dem Fall der mykenischen Palastkultur noch in einer instabilen Frühphase politischer Formierung befand. Anstelle urbaner Gemeinwesen dominierten verstreute Siedlungen und größere Herrenhöfe in einer Welt, die von lokalen Konflikten und fragilen Lebensbedingungen geprägt war. Auch hier suchten die Phönizier wohl zunächst die Abbaugebiete von Edelmetallen auf der nordägäischen Insel Thasos, vielleicht auch die Silberminen des athenischen Laureion auf. Wahrscheinlich verbanden sie den für ihr heimisches Kunsthandwerk notwendigen Metallerwerb situativ mit dem Vertrieb von Sklaven und Wein. Abnehmer für eigene Produkte fand man unter den Großgrundbesitzern (basileis) vor allem auf Euböa, die östliche Luxuswaren und hochwertige Keramik zur Gestaltung eines elitären Lebens und zur Statussicherung schätzen lernten; auch hier erwiesen sich phönizische Händler als Trendsetter.
Anders als auf Zypern legten sie hier jedoch keine Kolonien an – das wäre ein zu offensichtlicher Fremdkörper in einer noch wenig urbanisierten Adelswelt gewesen, vielleicht schien aber auch das karge Gebiet dafür nicht lohnenswert. Sie fügten sich vielmehr behutsam ein in die vorhandenen Strukturen, und sie taten das in einer besonderen Weise: Wie noch heute Kunden die personale Nähe ihrer Bank oder ihrer Versicherung in Form von lokalen Niederlassungen schätzen, so erkannten die Phönizier, dass es vorteilhaft ist, wenn man sich vor Ort in kleiner Zahl etwa als Meister des Metallhandwerks und der Goldschmiedekunst niederlässt.
Diese Ansässigen dürften mit den saisonal tätigen Seehändlern weiter enge Kontakte gepflegt haben. Daraus entwickelte sich ein effektives Verteilungsnetz, das regionale Handelsräume und individuelle Kontakte der ägäischen Eliten mit den transregionalen Verbindungen der Phönizier verband.
All das schuf nicht nur Kundennähe und die Möglichkeit, rasch auf Bedürfnisse der Abnehmer zu reagieren, sondern vor allem etwas, worauf die Phönizier wie überhaupt alle Geschäftsbeziehungen angewiesen waren: Vertrauen. Nur so konnte man das Misstrauen abbauen, das Menschen gegenüber denjenigen hegen, die überlegene Techniken und Vertriebskünste beherrschten. Und die zudem ganz andere Lebensprioritäten setzten: nicht mit Beute, Bodenbesitz und Viehherden prahlten, sondern stolz auf das waren, was sie anzubieten hatten.
Gerne nahm man in Kauf, wegen fehlenden Kampfesmutes als nicht ebenbürtig betrachtet zu werden, im Wissen darum, dass genau dadurch eine lukrative Lücke entstand, die man nutzen konnte. Kolonien wie auf Zypern hätten da nur verstört, Einzelansiedlungen ließen phönizische Handwerker gesellschaftliche Teilhaber werden, die von den basileis nicht als Konkurrenten um Macht und Einfluss gefürchtet werden mussten.
Der Erfolg dieser Maxime war so groß, dass es im 8. Jahrhundert v. Chr. wohl auch zu gemeinsamen Fahrten von phönizischen Händlern und griechischen Kaufleuten und Handwerkern kam, die am Direkterwerb wertvoller Metalle partizipieren wollten. Vielfach bildeten sich gemischte Schiffsbesatzungen, und man lebte eine Zeitlang dort zusammen, wo man gute Geschäfte machen konnte.
Der Begriff „Kolonisation“ ist missverständlich
Dies geschah beispielsweise auf der von Euböern im 8. Jahrhundert angelegten Siedlung auf Pithekussai (Ischia) im Tyrrhenischen Meer. Hier lebten Menschen und Familien verschiedenster Herkunft zusammen, weil der Erwerb der an der gegenüberliegenden Küste angebotenen Metallerze und der Vertrieb östlicher Prestigegüter (Edelmetallkeramik und Elfenbeinschnitzereien) beste Verdienstmöglichkeiten eröffneten.
Dies war das dritte Modell phönizischen Lebens in der Fremde, das von der Forschung oft mit dem missverständlichen Begriff „Kolonisation“ belegt wird. Wahrscheinlich kam es in einem der Lagerhäuser oder in einer der Werkstätten von Pithekussai oder auf einer der gemeinsamen Handelsfahrten auch zur Adaption der phönizischen Alphabetschrift durch die Griechen; und sicherlich entstammt so manche der Seefahrergeschichten, die kurz danach Eingang in die „Odyssee“ Homers fanden, den Erzählungen phönizischer Seeleute.
Nicht weit entfernt lag Sardinien, die erzreichste Insel des Tyrrhenischen Meeres mit üppigem Baumbestand. Das Wissen um diese natürlichen Rohstoffe dürfte auf Vorerkundungen phönizischer Seefahrer und ältere transmediterrane Verbindungen zurückgehen, die bereits in der Bronzezeit geknüpft worden waren. Manche Gelehrte vermuten, dass Teile der „Seevölker“ – wahrscheinlich die kampfstärksten – aus Sardinien stammten.
Als die Phönizier die Südküste erreichten, lebten die Einheimischen in Dörfern, verstanden es aber, beeindruckende Megalithbauten zu errichten. Wahrscheinlich führten der martialische Habitus und der Abstand zur urbanen Kultur die Phönizier zu dem Schluss, dass man sich in einer solchen Umgebung und so weit entfernt von der Heimat nur gut organisiert und mit einer größeren Zahl Respekt verschaffen und behaupten konnte.
Die an der Süd- und Westküste angelegten Stützpunkte lagen zwar meist in unmittelbarer Nähe einheimischer Dörfer und ermöglichten das Zusammen-Siedeln; sie nahmen aber in den folgenden Generationen durch Nachzug, Bebauung und Befestigung einen immer urbaneren Charakter an. Nur so konnte man sich den Zugriff auf inländische Blei-, Zinn- Kupfer-, und Silbervorkommen und die Gewinne gegenüber gierigen griechischen und etruskischen Konkurrenten sichern.
Ein ähnliches Bild ergibt sich an der spanischen Mittelmeer- und Atlantikküste. Auch hier legten die Phönizier in etwa demselben Zeitraum Stützpunkte an, um den Einheimischen Kunstgegenstände, aber auch gefärbte Textilien, Wein, Öl und vor Ort aufgezogenes Schlachtvieh anbieten zu können. Während an der Mittelmeerküste der Handel mit Nahrungsmitteln und metallenen Kunsterzeugnissen im Vordergrund stand, suchte man am Atlantik und von Gades aus Zugang zuinländischen Silber- und weiter entfernten Zinnvorkommen. Eine besondere Bedeutung gewann dabei die Kooperation mit den Fürsten von Tartessos an den Gold- und Silberminen des Río Tinto.
Je weiter sich demnach die Phönizier aus dem ostmediterranen Raum entfernten und sich auf unterschiedliche Bedarfe und örtliche Bedingungen einzustellen und zu spezialisieren hatten, desto dringlicher erschien es ihnen, befestigte Stützpunkte mit Agrarbesitz zu errichten. Über See miteinander verbunden, garantierten sie gleichermaßen einen raschen Zuzug im Krisenfall sowie den Weitertransport wertvoller Metalle. Häufig an Flussmündungen gelegen, bildeten sie Knotenpunkte des See- und Festlandverkehrs, der auch den einheimischen Eliten die Vorteile enger Kontakte tagtäglich vor Augen führte.
Der Gott Melkart reist überallhin mit
Die in diesen Ansiedlungen errichteten Heiligtümer und Tempel dienten nicht nur den Phöniziern als Wissensspeicher und Identifikationszentren in der Diaspora; sie markierten auch für die Einheimischen einen Ort des friedlichen und fairen Austauschs, der von der Gottheit geschützt wurde: Melkart, der „mitreisende“ Stadtgott von Tyros, wurde so zum Schutzherrn vieler Kolonien, und wenn die Griechen ihn mit Herakles gleichsetzten, dann vor allem, weil auch dieser die Grenzen der Welt durchmessen hatte.
Es gibt nur eine Gründung der Tyrier, die aus diesem Bild herauszufallen scheint, und das ist zugleich ihre berühmteste: Karthago. Sie wurde als „Neu-Stadt“ offenbar von Beginn an als urbanes Zentrum auf einem Areal konzipiert, dessen Besiedlungsgröße über die der anderen Stützpunkte hinausging.
Die Gründe dafür sind in der besonderen verkehrstechnischen Lage und Umgebung zu suchen. Jeder Seefahrer, der aus dem fernsten Westen in die Levante zurücksegelte, wählte zunächst in der Regel die durch sommerliche Westwinde unterstützte Rückfahrt entlang der nordafrikanischen Küste. Just von dem Bereich aus, an dem Karthago (und andere Kolonien wie Utica) entstanden, konnte man entweder noch einmal Sardinien oder Italien ansteuern oder nordwärts über Sizilien und Malta die berüchtigte Große Syrte umgehen und über Kreta und Ägypten an die Levante gelangen.
Die Zeit des Aufenthalts in Karthago ließ sich zusätzlich nutzen, indem man sich mit den Produkten der Stadt sowie mit Sklaven, Elfenbein, Halbedelsteinen und Gold eindeckte, die Karawanen aus Inner- und Westafrika an die Küste brachten.
All diese Vorzüge, verbunden mit der aus langer Erfahrung gespeisten Einsicht, dass man gegenüber den einheimischen Berbern gleichermaßen Handelsbereitschaft sowie urbane Größe und Wehrhaftigkeit demonstrieren musste, dürfte so tyrische Handelsfamilien um 800 v. Chr. bewogen haben, an dieser Küste – unter Mitwirkung einer Delegation aus der zyprischen Kolonie Kition – eine Stadt anzulegen, die das weitere Umland dominieren sollte, so wie das ihre Vorväter aus Tyros einst an der levantinischen Küste getan hatten.
Als ihre Mutterstadt nach der Belagerung 572 durch den babylonischen König Nebukadnezar II. ihre westlichen Handelsverbindungen verlor, nahmen die Karthager das Erbe an und fügten die Stützpunkte und Kolonien zu einem eigenen Hoheitsgebiet zusammen. Doch eines vergaßen sie nie: der Stadt, von der aus Seefahrer und Händler die Welt erschlossen hatten, ihre Reverenz zu erweisen: Jedes Jahr segelte eine karthagische Flotte nach Tyros, um dem Heiligtum des Melkart ein Zehntel der Handelsgewinne als Weihegabe darzubringen.
Autor: Prof. Dr. Raimund Schulz
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