Seit Otto von Bismarck auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung des soeben begründeten Deutschen Reiches mit der katholischen Kirche am 14. Mai 1872 im Reichstag ausrief: „Seien Sie außer Sorge, nach Kanossa gehen wir nicht, weder körperlich noch geistig!“ und die Abgeordneten laut Protokoll „Lebhaftes Bravo“ vernehmen ließen, gehört der mit Canossa verbundene Investiturstreit bis auf den heutigen Tag zum überschaubaren Grundbestand dessen, was im beharrlich nationalgeschichtlich dominierten Lehrplan der Schulen an mittelalterlichem Lehrstoff verblieben ist.
Noch immer gilt die seit 1073 eskalierende Auseinandersetzung zwischen Papst Gregor VII. (amt. 1073–1085) und Heinrich IV. (römisch-deutscher König seit 1056, Kaiser 1084–1105), die nur anfänglich ein Streit um die königlichen Rechte bei der Einsetzung von Bischöfen und damit ein „Investiturstreit“ im Wortsinn war, der Forschung als einschneidender Wendepunkt, an dem das Verhältnis von weltlicher und geistlicher Macht geordnet und einem modernen säkularen Staat der Weg bereitet worden sei.





