Der Komponist Engelbert Humperdinck ist heute vor allem für seine Oper „Hänsel und Gretel“ bekannt. Doch er war auch ein gefragter Pädagoge, der im Lauf seiner Karriere an verschiedenen renommierten Musikhochschulen lehrte.
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Im Vorfeld von Heinrich Heines Todestag, der sich 1906 zum 50. Mal jährte, rief der Kritiker Alfred Kerr dazu auf, ein Denkmal für den im Exil verstorbenen Lyriker zu errichten. Schon bald regte sich dagegen heftiger Widerstand. Der antisemitische Publizist Adolf Bartel verfasste eine Kampfschrift, mit der er nicht nur das in Hamburg geplante Monument verhindern wollte (übrigens mit Erfolg), sondern auch diejenigen schmähen, die Kerrs Aufruf unterzeichnet hatten: „Sind von den Unterzeichnern … auch vier Juden, jüdischer Rasse, und ein fünfter mit einer Jüdin verheiratet, … so müssen doch Max Klinger, Gerhart Hauptmann und Engelbert Humperdinck unbedingt als Künstler entschieden nationaler Prägung gelten, und es begreift sich schwer, wie sie sich für einen Heine ins Zeug legen konnten.“
Tatsächlich aber hatte sich Humperdinck wesentlich intensiver und früher mit Heine auseinandergesetzt, als es der Antisemit Bartels wahrhaben wollte. So hatte Humperdinck als junger Mann Heines Gedicht „Die Wallfahrt nach Kevlaar“ 1879 als Ballade vertont.
Dass der im katholischen Glauben erzogene Humperdinck die in Heines Versen zutage tretende Skepsis gegenüber einer blindgläubigen Marienverehrung teilte, geht zudem aus einem Brief hervor, den er in jener Phase schrieb, als er von 1877 bis 1886 (mit Unterbrechungen) bei seinen Eltern in Xanten wohnte. Das sarkastische Schreiben, in dem er die in Kevelaer, dem größten Marienwallfahrtsort nördlich der Alpen, herrschende Geschäftigkeit kritisierte, verrät jedenfalls liberalen Geist: „Dieser nicht sehr idealistische Trieb äußert sich am schamlosesten in Kevelaer, wo man mit der Wunderkur der dortigen Madonna so riesige Geschäfte macht, dass Kevelaer für einen der reichsten Orte der Rheinprovinz gilt. … Alles, was von draußen hereinkommt, um dort zu singen, zu beten oder auch zu fluchen … muß in der Kevelaer Ton-Art E-Dur singen, beten oder fluchen.“
Eine eindeutige Zuordnung Humperdincks zu den politischen Positionen sowie den künstlerischen und gesellschaftlichen Strömungen seiner Zeit ist aber in der Tat nicht einfach. Das Bild vom Platz zwischen den Stühlen bietet sich bei diesem Komponisten immer wieder an.
Humperdinck begeistert sich für Richard Wagner
Nachdem er, seinerzeit noch Musikstudent, 1876 den von der Stadt Frankfurt am Main ausgelobten Mozart-Preis gewonnen hatte, der mit einem stattlichen Stipendium verbunden war, wechselte Humperdinck vom Kölner Konservatorium nach München. Dort setzte er seine kompositorische Ausbildung bei Joseph Gabriel Rheinberger (1839 –1901) fort, einem soliden, aber konservativen musikalischen Handwerker.
Obwohl er nun eigentlich ein Teil des konservativen Milieus war, zeigte sich Humperdinck während seiner Zeit in München aufgeschlossen für das Werk Richard Wagners, vor allem dessen „Ring des Nibelungen“. Dieses Bekenntnis zur Avantgarde war ein Affront gegenüber dem konservativen Rheinberger.
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Scheinbar vertauschte Rollen ergeben sich bei einem Zeitsprung von etwa vier Jahrzehnten in die Jahre rund um den Ersten Weltkrieg. Humperdinck leitete damals als Professor diverse Kompositionsklassen an der Musikhochschule und der Akademie der Künste in Berlin. Unter seinen Schülern befanden sich nun viele jener jungen Leute, die die Musik der 1920er Jahre prägen sollten. Sie wollten nichts mehr von Wagners Siegfried und Brünhilde wissen, sondern schlugen einen schrägen, bisweilen auch schlagerhaften Ton an: Die Neue Sachlichkeit meldete sich zu Wort.
Da war etwa Friedrich Holländer, der Texte von Kurt Tucholsky vertonte, von „Ach lehne deine Wange“ bis zur „Roten Melodie“. 1930 schrieb er den Song „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“, der die Weltkarriere von Marlene Dietrich einleitete. Zu den jungen Talenten zählte auch Kurt Weill, der 1928 im Teamwork mit Bertolt Brecht im Theater am Schiffbauerdamm „Die Dreigroschenoper“ auf die Beine stellte. Man kann sich vorstellen, dass Weill schon 1918, als er sein Studium in Berlin begann, gegen frühere Musikstile aufbegehrte. Und mit Humperdinck, dem „Märchenonkel“, der mit seiner Oper „Hänsel und Gretel“ 1893 den internationalen Durchbruch geschafft hatte, fremdelte er ebenfalls.
Während des Studiums beklagte sich Weill in Briefen an seinen Bruder Hans, dass er ausgerechnet in der Kompositionsklasse des „alten Herrn“ gelandet sei, der an der ganzen Hochschule als rückständig verrufen sei. Doch Humperdinck stieg bald in der Gunst seines Studenten. In einem späteren Brief berichtete der 18-Jährige, wie Humperdinck sein eben entstandenes Streichquartett gelobt habe. Der Professor habe gar nicht gewusst, „was er mir vor Liebenswürdigkeit antun sollte. Wie er sich über das Fugenthema des letzten Satzes freute, wie er es immer wieder spielte und vor sich hinbrummte, wie er mir vorzügliche Ratschläge [gab], wie er sich schließlich auf unglaublich herzliche Weise von mir für die Ferien verabschiedete, all das zeigte mir, daß … ich da ein Prachtexemplar von einem Menschen gefunden habe und – daß er mich ins Herz geschlossen hat“.
Für den nationalistischen Taumel kann sich der Abiturient 1871 nicht begeistern
Humperdinck, der Deutschnationale, der sich quasi nur einen Ausrutscher geleistet hat, indem er sich für ein Heine-Denkmal einsetzte? Humperdinck, ein Ewiggestriger? Oder doch einer, der den Staffelstab verständnisvoll an die jüngere Generation weiterreichte, stets auf der Höhe der Zeit? Wie so oft bei geschichtlichen Betrachtungen spürt man schon jetzt, angesichts nur weniger Fakten aus dem Leben des Komponisten, dass simples Schwarz-Weiß-Denken einem tieferen Verständnis kaum zuträglich ist, sondern es der Grautöne bedarf.
Zurück zu Humperdincks Jugend in den 1860er Jahren. Den politischen Hintergrund dieser Zeit bildete bekanntlich das Bestreben Otto von Bismarcks, ein geeintes Deutsches Reich unter der Führung Preußens zu erschaffen. Als es 1871 schließlich so weit war, stand der damals 17-jährige Humperdinck dem teutonischen Siegestaumel zumindest teilweise reserviert gegenüber.
Im Jahr der Reichsgründung bereitete er sich gerade in Paderborn auf sein Abitur vor. Als Mitglied der dortigen Liedertafel kam er nicht umhin, Anfang März an einer Siegesfeier teilzunehmen, wie seinem Tagebuch zu entnehmen ist: „Wir Pennäler versammelten uns um ¾ 3 Uhr am Gymnasium … Danach zogen wir mit wehenden Fahnen durch die ganze Stadt und die Straßen waren so voll von Bürgern, daß wir kaum durchzukommen vermochten. Endlich gelangten wir auf den Markt, auf welchem eine große Bühne für den Sängerchor, mit der Büste des Kaisers festlich bekränzt und ausgeschmückt, sich befand.“ Im Tagebuch ist aber auch vermerkt, dass er „des Herumziehens“ schnell „satt“ war. Wie jemand, der „entschieden nationaler Prägung“ war, wirkt der angehende Komponist hier jedenfalls nicht.
Auch mehrere Auslandsaufenthalte, die durch Stipendien ermöglicht wurden, lassen ihn eher als einen weltoffenen Menschen erscheinen. Nach dem Studium in München nutzte er 1880 den Gewinn des eben erst gestifteten Felix-Mendelssohn-Preises und das damit verbundene Stipendium für eine Studienfahrt nach Italien. Ein Jahr später nahm er den gleichfalls üppig dotierten Meyerbeer-Preis entgegen. Dieser ermöglichte ihm einen längeren Aufenthalt in Frankreich und Spanien.
In Italien, konkret in Neapel, sprach der 26-Jährige – ohne angemeldet zu sein – bei Richard Wagner vor, der inzwischen viele Wochen des Jahres in dem mediterranen Land verbrachte. Humperdincks Besuch nahm eine überraschende Wendung. Wagner, damals 67 Jahre alt, fand nicht nur Gefallen an dem jungen, enthusiastischen Mann, er lud ihn auch ein, nach Bayreuth zu kommen, um ihm bei den Vorbereitungen zur Uraufführung des Bühnenweihfestspiels „Parsifal“ zu helfen – ein Angebot, das Humperdinck natürlich nicht ausschlagen konnte.
Im Januar 1881 zog er in die fränkische Kleinstadt und arbeitete hier in enger Abstimmung mit Wagner als Kopist, Dirigent und Korrepetitor. Es war nicht zuletzt der Tatkraft Humperdincks zu verdanken, dass die Uraufführung am 26. Juli 1882 – Wagners letzte, er starb ein Jahr später – zu einem auch international gefeierten Ereignis wurde.
Aus Paris kommen plötzlich antisemitische Töne
Danach ging es für Humperdinck wieder auf Reisen, zunächst im Herbst 1882 nach Paris. „Gestern abend in einem restaurant am Boulevard Poisonnière“, schrieb er seinen Eltern Ende Oktober, „braten und gemüse zum augenverdrehen! Habe mir gleich eine portion dazu bestellt.“ Er stürzte sich ins Pariser Leben und besuchte auch mehrmals die Oper.
Doch nach einiger Zeit war es mit der guten Laune vorbei. Humperdinck hatte plötzlich an fast allem in Paris etwas auszusetzen. In einem Brief an seine Eltern vom 25. November findet sich zudem eine überraschend gehässige Passage: „ging ich aber gar in die große oper, um als gewissenhafter Meyerbeer-stipendist Meyerbeers Propheten zu hören und zu sehen, so bekam ich das unausstehliche gemauschel so satt, daß ich am liebsten der Berliner akademie ihre judengelder vor die füße geworden hätte, um dabei als solider deutscher kapellmeister kümmerlich aber heiter mein dasein zu fristen.“
Humperdincks Zeilen werfen Fragen auf: Warum spricht er hier so verächtlich über Giacomo Meyerbeer? War der in der Mark Brandenburg Geborene, den der preußische König 1842 zu seinem Generalmusikdirektor ernannt hatte, denn nicht auch Deutscher? Warum schmähte Humperdinck hier einen erfolgreichen Kollegen, der einen beachtlichen Teil seines Vermögens stiftete, um jungen Musikern zu helfen?
Humperdincks Attacke ist vermutlich auf den Einfluss Wagners zurückzuführen, der Meyerbeer bekanntermaßen hasste und speziell auf ihn seinen antisemitischen Aufsatz „Das Judenthum in der Musik“ gemünzt hatte.
Auf seiner Spanienreise, die er im März 1883 antrat, begegnet uns der zu Vorurteilen verführte Humperdinck dann wieder als aufgeschlossen und wenig zu Chauvinismus neigend. In seinem Reisebericht fallen die vielen Gelegenheiten auf, bei denen sich Humperdinck ohne Scheu unters Volk mischte. Mal ließ er sich von einem baskischen Knaben die Artikulation der kastilischen Sprache beibringen; dann begeisterten ihn „andalusische Tänzerinnen, die mit ihren lang herabwallenden Gewändern, nackten Armen und bekränzten Haaren wie Bacchantinnen wirkten“; auch glaubte er, dass die spanischen Mädchen und Frauen „lachend zur Welt kommen“.
Und er setzte – 30 Jahre vor August Macke und Paul Klee – nach Nordafrika über. Die Farbenpracht in Tanger überwältigte ihn. Aber auch von der nordafrikanischen Musik ließ er sich begeistern: „Kleine Saiteninstrumente mit dem näselnden Klang der Bratschen von knienden Schwarzen wie Celli gehandhabt, begleitet von klimpernden Lauten und rasselndem Schlagzeug. Dann klingt ein maurisches Lied auf.“ Er verarbeitete diese Eindrücke später in seiner „Maurischen Rhapsodie“.
Angestellter Musiker im Haus des Industriellen Alfred Krupp
Zurück am Niederrhein, wieder bei den Eltern, begann für Humperdinck ein neuer Lebensabschnitt. Nach der langen Reisephase galt es nun, sich eine solide Existenz aufzubauen. Doch dazu brauchte er mehrere Anläufe.
Die Bemühungen um einen Brotberuf führten Humperdinck zunächst nach Essen, auf die Villa Hügel, zum alternden Alfred Krupp, der einen musikalischen Gesellschafter gesucht hatte. Die Rahmenbedingungen waren vorzüglich. Der junge Mann bezog im zweiten Stock des palastartigen Gebäudes einen Ecksalon, den der „Kanonenkönig“ mit einem Bechstein-Flügel ausstattete. Das Gehalt stimmte ebenfalls, zumal die Arbeitsbelastung gering war. Aber seine Tätigkeit, die hauptsächlich darin bestand, dem Großindustriellen mehr oder weniger seichte Klaviermusik vorzuspielen, füllte Humperdinck nicht aus.
Auch der protzige Luxus behagte ihm nicht. Wenn er ein Bier trinken wolle, berichtete er seinen Eltern im Februar 1885, drücke er auf einen elektrischen Knopf: „Alsbald erhebt sich … ein höllischer Lärm mit klingeln und rasseln, als ob das ganze haus ein telegraphenamt wäre, bis schließlich ein diener vier hohe Treppen hinaufkommt, die Maschine zum Schweigen bringt und sich nach meinem begehr erkundigt. … es ist nicht alles gold was glänzt.“
Folgerichtig trat Humperdinck seine Flucht aus dem „goldenen Käfig“ an. Nach weiteren Stationen, unter anderem als Lehrer am Konservatorium in Barcelona (1885/86), wollte er seinem Leben im Herbst 1890 mehr Beständigkeit geben – beruflich und privat. Er unterzeichnete einen Vertrag beim Dr. Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt und verlobte sich mit Hedwig Taxer, der Tochter eines Buchhändlers.
Die Honorierung war nicht gerade üppig, doch die Tätigkeit ermöglichte es Humperdinck, sich in das Kulturleben der Main-Metropole zu stürzen. Als Rezensent für die „Frankfurter Zeitung“ verfasste er Dutzende von Konzertkritiken. Diese Arbeit war mit vielfältigen künstlerischen Anregungen verbunden, die schöpferische Kräfte freisetzten, die lange Zeit in ihm geschlummert hatten.
„Hänsel und Gretel“ wird zum Welterfolg
Einer Idee seiner Schwester Adelheid Wette folgend und auf der Grundlage ihres Textbuchs, schuf er in relativ kurzer Zeit seine Märchenoper „Hänsel und Gretel“. Zur Jahreswende 1893/94 erlebte sie gleich mehrere Erstaufführungen, unter anderem in Weimar unter Richard Strauss.
Schon bald erkannte Humperdinck, dass er einen Welterfolg gelandet hatte. Die Verschmelzung von romantischer Orchestermusik und den Märchenmotiven in der Handlung bewährte sich so, dass seine Oper bis heute Hunderte von Inszenierungen erlebt hat.
Als sei ein jahrelanger Bann gebrochen, legte Humperdinck zügig nach. Wieder vertonte er einen märchenhaften Stoff: auf das Libretto „Königskinder“ der deutsch-jüdischen Schriftstellerin Elsa Bernstein-Porges. Allerdings vertonte er es als ein Melodram, in dem sprechgesangsähnliche Partien die Arien und Ensembles ersetzen. Uraufführung war 1897 in München. Zu einem wirklichen Erfolg wurden die „Königskinder“ erst nach der Umwandlung in eine Oper, die 1910 in der Metropolitan Opera New York zur Uraufführung gelangte.
Im Jahr 1900 erhielt Humperdinck das Angebot, die Leitung einer Meisterklasse für Komposition an der renommierten Akademie der Künste in Berlin zu übernehmen. Seine neue Stellung eröffnete ihm mehr als nur die Möglichkeit, pädagogisch auf höchstem Niveau zu arbeiten.
Es kam dabei zu einer ertragreichen Zusammenarbeit mit Max Reinhardt, dem Großfürsten des deutschsprachigen Theaters, der 1905 die Direktion des Deutschen Theaters Berlin übernahm (und später die Salzburger Festspiele mitbegründete). Humperdinck schuf für das Haus des international renommierten Regisseurs eine Reihe von Bühnenmusiken, etwa zu Maurice Maeterlincks Märchendrama „Der blaue Vogel“, das 1912 Premiere hatte.
1914 begann der Erste Weltkrieg und mit ihm – nach all dem Glanz – eine dunkle Phase im Leben des Komponisten. Er, der bis dahin weltmännisch agiert hatte, verstieg sich jetzt in einen provinziellen Patriotismus. Er verbündete sich etwa mit dem mehr und mehr ins Völkische abdriftenden Schriftsteller Ludwig Thoma, indem er zu dessen Einakter „Christnacht 1914“ eine sentimentale Bühnenmusik schrieb.
Wollte Humperdinck den deutschen Soldaten Trost spenden? Dem Bild eines patriotischen Untertanen entsprechen jedenfalls weitere im Ersten Weltkrieg entstandene Arbeiten. An erster Stelle ist hier seine zwischen 1914 und 1918 entstandene Spieloper „Gaudeamus“ zu nennen. Sie basiert auf einem gemeinsam mit dem Dramatiker Robert Misch verfassten Libretto und preist, nun ja, das lustige Studentenleben – eine angesichts der Schlachtfelder kaum fassbare Verblendung. Das Werk sei „Symbol einer Lebensbejahung, die den Beschwerden des zunehmenden Leidens so wenig Beachtung schenkte, als wären sie nicht vorhanden“, kritisierte selbst sein Sohn, der Opernregisseur Wolfram Humperdinck.
Ein weiterer Tiefpunkt war erreicht, als Humperdinck für die Semesterabschlussfeier im Sommer 1916 das „Lied vom schwarzen Adler“ des antisemitischen Historikers Heinrich von Treitschke vertonte. Der Text schwelgt in nationalistischem Pathos: „Mächtig rauschen deine Schwingen! / Hellen Auges, schwarzer Aar, / Schaust du auf die blanken Klingen / Deiner deutschen Heldenschar.“ Man könnte Humperdinck immerhin zugutehalten, dass er sich auf die erste Strophe beschränkt hat. Fallen doch im weiteren Verlauf des Machwerks Begriffe wie „fremde Brut“, „welscher Trug“ oder „waffenfrohe Preußenjugend“.
Wie auch immer: Nicht nur die Tage Wilhelms II. und des Kaiserreiches waren gezählt, sondern ebenfalls die von Professor Humperdinck. 1911 war er einem Ruf an die Berliner Musikhochschule gefolgt, 1920 erhielt er aus der Hand des sozialdemokratischen Kultusministers Konrad Haenisch das Entlassungsschreiben, obwohl sich zuvor die gesamte Studentenschaft, an der Spitze Kurt Weill, öffentlich für ihren Lehrer ausgesprochen hatte.
Am 27. September 1921 starb Humperdinck im Alter von 67 Jahren in Neustrelitz an den Folgen eines Schlaganfalls.
Autor: Prof. Dr. Matthias Henke
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