Marschiert da aus der Tiefe des Raums eine Kolonne auf den Betrachter zu – vornweg drei Kämpfer im Harnisch und behelmt, dahinter die lange Doppelreihe ihrer ebenso ausstaffierten Kameraden? Nein, es sind nur mit Schutzwaffen – so heißt das im Fachjargon – bestückte Kleiderständer, eindrucksvoll inszeniert. Aber im Halbdunkel des riesigen Lagerraums, beidseitig flankiert von massiven Holzregalen, gehen die Aufsteller leicht als martialisches Aufgebot des 17. Jahrhunderts durch. Wir befinden uns im zweiten Stock des Landeszeughauses in Graz, der weltweit größten erhaltenen historischen Waffenkammer.
Dass dieses Arsenal mit seinen rund 32 000 Objekten auf die Besucherinnen und Besucher eine fast hypnotisierende Wirkung hat, weiß Bettina Habsburg-Lothringen sehr genau: Nach einer Stunde inmitten von akkurat aufgereihten Schwertern, Spießen, Pistolen, Gewehren, Kanonen, Helmen, Harnischen und Schilden gerate man fast in einen Taumel, berichtet die Abteilungsleiterin Kulturgeschichte des Universalmuseums Joanneum, verantwortlich für das Zeughaus: „Finden die Leute das genial? Oder ist es manipulativ?“
Die Antwort auf diese Fragen muss jeder Interessierte letztlich selbst herausfinden (anzuraten ist dennoch die Teilnahme an einer Führung), jedenfalls lohnt der Besuch in dem 1647 im Auftrag der steiermärkischen Landstände fertiggestellten Bau, der auf vier Stockwerken über eine Lagerfläche von 2000 Quadratmetern verfügt. Wichtig für das Verständnis des Depots ist diese Feststellung: Das Landeszeughaus ist ein historischer Ort, Zeugnis einer konfliktreichen Epoche – und kein klassisches Museum mit einem Sammelbestand, der erforscht und dann in Teilen ausgestellt wird. Wohl nirgendwo anders bekommt man eine solch eindrückliche Vorstellung vom Kriegshandwerk der frühen Neuzeit, das bereits von drei Konstanten geprägt wurde, die auch moderne Rüstungsprojekte kennzeichnen: vorausschauende Planung, hochentwickelte Technologie und massiver Geldmitteleinsatz.
Die Geschichte dahinter: Seit dem 16. Jahrhundert zählte die Steiermark zu den habsburgischen Gebieten, die an das expandierende Osmanische Reich grenzten. Es galt daher, sich zu wappnen. Die Grundherren waren verpflichtet, im Bedarfsfall jeden zehnten Mann für den Krieg abzuordnen, und für die Ausrüstung der Soldaten musste Vorsorge getroffen werden. Die Landstände – die Vertreter von Adel, Klerus und Bürgerschaft im steirischen Landtag – entschieden daher, in Graz ein Zeughaus zu errichten. So entstand, abgesehen von der prächtigen Fassade zur Herrengasse hin, im Stadtzentrum ein nüchterner Zweckbau.
Um 1700 betrug die Zahl der Kriegsgeräte des Zeughauses rund 190 000 Stück, das war der Höchststand. Die Waffen wurden zum größten Teil in der Steiermark selbst produziert (ebenso in anderen österreichischen Regionen), meist in erweiterten Familienbetrieben – Manufakturen, die in Handarbeit große Stückzahlen anfertigten. Auch deutsche Städte lieferten ihre Erzeugnisse nach Graz, zum Beispiel Augsburg (Feuerwaffen, Harnische), Solingen (Blankwaffen) oder Suhl (Handfeuerwaffen). Zeugmeister und Büchsenmacher prüften vor Ort penibel die Qualität der Schutzwaffen: So schossen sie testweise auf das gelieferte Material – sichtbare Dellen im Stahl einzelner Schilde und Brustpanzer sind der Beweis für diese wichtige Arbeit.





