Der Verfasser nimmt den Leser geschickt an der Hand und zeigt ihm die Bruchstücke der Überlieferungen und Indizien, dreht und wendet sie, um dann erst Schlüsse zu ziehen, so dass der Leser die Probleme und Spielräume der Interpretation nachvollziehen kann. Gerade dieses pädagogische Hinführen macht bei den Quelleninterpretationen einen besonderen Reiz aus. Es gibt eben keine einfache „So-war-es-Geschichte“ der Zähringer und ihrer an Schriftquellen noch relativ armen Zeit. Die Interpretationsmöglichkeiten und die oft vielschichtige Quellenlage stehen daher genauso im Mittelpunkt des Bandes wie die Zähringer selbst.
Als Einstieg in deren Welt wählt Zotz die Zähringer-Traditionen, die oft bewusst gepflegt und instrumentalisiert wurden. So gerieten die Zähringer als Vorfahren von Habsburgern und Badenern im 1806 aus der Markgrafschaft und dem Kurfürstentum gebildeten Großherzogtum Baden geradezu zum Instrument der Integration in den aufstrebenden Staat.
Die weit zurückreichenden Linien zähringischer Geschichte lassen sich erahnen, wenn man die gemeinsame Verwandtschaft von Staufern und Zähringern, wenn auch nur in Umrissen, annehmen kann. Außerdem geht man von Verflechtungen zwischen den Zähringern und den alaholfingischen Herzögen des merowingerzeitlichen Schwaben aus, wie sie durch den gemeinsamen Vornamen Bertold nahegelegt werden.
In ottonischer Zeit sind die Bertolde (von Zähringen) aber bereits bestens etabliert, königsnah und zählen zu den Großen im Reich. Schließlich wurde im Titel „Herzog von Zähringen“ eine ausgleichende Formulierung in der Konkurrenz mit den Staufern als Herzögen von Schwaben gefunden. Mit der Schwerpunktverlagerung an den Oberrhein und mit dem Rektorat Burgund entstand zwischen mittlerem Schwarzwald, Genfer See und Bodensee ein zähringischer Herrschaftsraum.
In der Mitte des 12. Jahrhunderts eskalierte jedoch der Konflikt mit dem Staufer Friedrich Barbarossa. Der Höhepunkt der Entwicklung wurde schließlich 1198 mit der Kandidatur des Zähringers Bertold V. um das Königtum erreicht. Besonnenheit, Loyalität und Reichtum waren Kennzeichen der Zähringer, doch langfristig prägend wurde ihr Verhältnis zu den „Zähringer-Städten“. Zu ihnen gehören zwölf Städte in Südwestdeutschland und der Schweiz, etwa Bern, Murten, Weilheim an der Teck oder Freiburg im Breisgau. Dort wird das Andenken an die Herrschaft der Zähringer bis heute gepflegt, etwa im Freiburger Münster, wo man in vier Bildplatten aus dem 19. Jahrhundert eine steingewordene Erinnerung an die Zähringer finden kann.
Rezension: Prof. Dr. Dieter Speck
Thomas Zotz
Die Zähringer
Dynastie und Herrschaft
W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2018, 296 Seiten, € 29,–





