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Konquistadoren aus Augsburg
Die Welser standen immer im Schatten der berühmten Fugger. Dabei hatte die Handelsgesellschaft der Familie die Chancen der jungen Globalisierung wesentlich schneller erfasst als ihre prominenten Zeitgenossen. Allerdings verfielen die Welser in Südamerika in einen gefährlichen Goldrausch.
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Zwei Vertreter der Handelsgesellschaft der Welser schlossen am 27. März 1528 einen ganz besonderen Vertrag ab: Sie erwarben das Recht, eine Kolonie zu erobern. Kaiser Karl V., der ganz selbstverständlich davon ausging, über die Gebiete im nördlichen Südamerika, die schließlich von Spaniern „entdeckt“ worden waren, frei verfügen zu können, erteilte den beiden Kaufmännern Ulrich Ehinger und Hieronymus Sailer den Auftrag, das Territorium, das mehr oder weniger dem Staatsgebiet des heutigen Venezuela entsprach, mit Festungen, Städten und Siedlern auszustatten.
Wie die Fugger führten auch die Welser ihre Geschäfte von Augsburg aus. Anton Welser d. Ä. (1451–1518) hatte 1496 gemeinsam mit Angehörigen der aus Memmingen stammenden Familie Vöhlin in Augsburg die Welser-Vöhlin-Gesellschaft gegründet. Das Unternehmen stieg schnell zur zweiten großen Handelsgesellschaft der Stadt auf.
Auch die Welser hatten zunächst als einfache Textilhändler angefangen. Schnell kamen allerdings andere Güter wie Gewürze und Farbstoffe (vor allem Pastell) dazu. Bereits 1503 – vor allen anderen – gründete die Welser-Vöhlin-Gesellschaft eine Faktorei in Lissabon, um die Gewürze aus Indien und Indonesien direkt nach ihrer Ankunft mit den portugiesischen Schiffen in Empfang nehmen zu können. 1506 folgte eine Faktorei in Antwerpen.
Unter Bartholomäus Welser d. Ä. (1484–1561), der 1519 die Führung übernahm, baute auch seine Gesellschaft ein umfangreiches Kreditgeschäft auf, und sie stieg in die Gewinnung und den Handel von Metallen ein, jedoch in weit geringerem Umfang als die Fugger.
Die Welser setzten schneller als ihre Konkurrenten einen Fuß in die Neue Welt. 1525 öffnete Kaiser Karl V. den Amerikahandel für Nichtspanier, und bereits im Jahr darauf richteten die Welser in Santo Domingo auf der Insel Hispaniola, die sich heute Haiti und die Dominikanische Republik teilen, eine Niederlassung ein.
Was haben die Welser in Venezuela vor?
Mit dem eingangs erwähnten Vertragsabschluss 1528 begann dann ein ganz spezielles Kapitel in der Firmengeschichte. Bis heute rätseln Historiker, was die Motivation für diesen Schritt gewesen sein könnte. Einen Hinweis könnte eine weitere Klausel der Vereinbarung geben: Die Welser verpflichteten sich, 50 sächsische Bergleute und 4000 Sklaven nach Venezuela zu verschiffen. Offensichtlich war der Abbau von Erzen in großem Maßstab geplant.
Die tatsächlichen Entwicklungen vor Ort lassen allerdings Zweifel daran aufkommen, ob man es damit wirklich ernst meinte, denn von größeren Anstrengungen im Bergbau ist nichts überliefert. Erster Gouverneur der Welser-Kolonie war Ambrosius Dalfinger. Von der an der Küste gelegenen Hauptstadt Coro aus begann er umgehend mit der Erkundung des Hinterlands. In den folgenden Jahren starteten gleich mehrere Vorstöße, im Spanischen entradas genannt, ins Landesinnere.
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Bald wurde klar: Die Statthalter der Welser suchten dabei keinesfalls für Plantagen geeignete landwirtschaftliche Flächen oder etwa Bodenschätze, die man erst mühsam hätte abbauen müssen – wie bei den spanischen Konquistadoren war die Gier nach dem Gold der Indigenen der Anlass für die monatelangen Exkursionen. Dazu muss man wissen, dass Hernán Cortés 1521 das Aztekenreich im heutigen Mexiko unterworfen hatte und die unermesslichen Goldschätze, die er dabei geraubt hatte, noch gut in Erinnerung waren.
1531 brachten Dalfinger und seine Leute durch brutales Vorgehen das Gold des Stamms der Pacabueyes an sich. Doch der Traum vom schnellen Reichtum währte nur kurz. Der Rückmarsch entwickelte sich für die Europäer zu einem Überlebenskampf. Zwei Jahre nach dem Aufbruch kamen nur wenige der Teilnehmer wieder in Coro an. Und sie hatten weder Gold noch ihren Anführer dabei: Dalfinger war unterwegs unter ungeklärten Umständen zu Tode gekommen.
Was auch immer die ursprünglichen Ziele für die Kolonie Venezuela gewesen sein mögen – es wird angenommen, dass Dalfinger die Order der Handelsgesellschaft bewusst ignoriert haben könnte –, inzwischen schien man auch in Augsburg an das Goldland El Dorado zu glauben, zumal 1534 die Kunde vom Raubzug des Francisco Pizarro im Reich der Inka verbreitet wurde. Jedenfalls hob die Gesellschaft im selben Jahr eine Armee von 600 Soldaten aus, die dem neuen Gouverneur Georg Hohermuth unterstand, und schickte diese auf eine entrada den Orinoco aufwärts.
Mit dabei war diesmal auch der fränkische Adlige Philipp von Hutten als einer der militärischen Befehlshaber. Die Briefe Huttens, von denen es einige tatsächlich von Südamerika bis nach Augsburg schafften, stellen heute eine wichtige Quelle für die Venezuela-Episode der Welser dar. Doch auch dieser Versuch, an die Goldschätze der Indigenen zu kommen, schlug fehl. 1537 kehrten nur wenige Überlebende wieder zurück nach Coro.
Der frühere Unterstatthalter Nikolaus Federmann, der wegen einer eigenmächtig gestarteten, nicht abgesegneten Expedition (1530/31) in Spanien vor Gericht gestellt worden war, machte sich gleich nach seiner Rückkehr nach Venezuela erneut auf den Weg ins Hinterland. Ihm gelang, woran die anderen Expeditionen gescheitert waren: Er überquerte die Anden und stieß ins heutige Kolumbien vor, wo er den Stamm der Muisca antraf, der für Schmuck und Kultgegenstände aus Gold bekannt war. Doch die Spanier hatten hier bereits alles geholt, was zu holen war.
Die finanziellen Aufwendungen für die Kolonie werden reduziert
Nachdem sich abzeichnete, dass die Unternehmungen in Venezuela weiterhin wenig Profit abwerfen würden, zumal die spanische Krone die Zügel wieder selbst in die Hand nehmen wollte, wurden die Mittel, die aus Augsburg nach Venezuela flossen, immer weiter zurückgefahren.
Philipp von Hutten und der inzwischen in Venezuela angekommene Bartholomäus Welser d. J., Sohn des gleichnamigen damaligen Chefs der Welser-Vöhlin-Gesellschaft, unternahmen 1541 dennoch einen weiteren Versuch, die legendären Schätze El Dorados zu finden. Fünf Jahre sollten die beiden unterwegs sein und dabei bis zum Amazonasbecken vordringen.
Das Machtvakuum in der so lange führungslosen Kolonie machte sich derweil der spanische Offizier Juan de Carvajal zunutze, er schwang sich zum Anführer auf und verlegte die Hauptstadt nach El Tocuyo abseits der Küste.
Als Hutten und Welser von ihrer Expedition zurückkamen – wieder mit leeren Händen – und Carvajal zur Rede stellten, begann eine Phase gewalttätiger Auseinandersetzungen, an deren Ende die Ermordung der beiden Deutschen am Karfreitag 1546 stand.
Ein Epitaph für Philipp von Hutten – der Leichnam war in Coro geblieben – erinnert in der Kirche Maria Sondheim im unterfränkischen Arnstein an den Offizier und Abenteurer. In der Inschrift ließ man nichts auf den Landsmann kommen und schilderte sein brutales Ende: „… nachdem er von dort aus bei zwei Expeditionen … vieles ertragen und die unermesslichsten Reiche, unter südlichen Sternen mit kleiner Schar durchwanderte, völlig unterworfen hatte, und schon, da die Tat gut und glücklich vollbracht war, in sein Lager … zurückmarschierte, [aber] von einem Nebenbuhler, einem gewissen Spanier, Ioannes Carvesal [Juan de Carvajal] … abgefangen wurde und zusammen mit Bartholomeus Welser, einem Augsburger … gerade zu Karfreitag, im Jahr 1546 jämmerlich hingeschlachtet.“
Umstrittene Angaben zur Wirtschaftlichkeit
Nach diesen Ereignissen ging die Zeit der Welser in Venezuela zu Ende. Die spanische Krone entzog der Augsburger Handelsgesellschaft die Kontrolle über die Kolonie, wenngleich ein Rechtsstreit den Prozess in die Länge zog.
Laut einer Rechnung der Welser selbst machte die Gesellschaft mit der Kolonie einen Verlust von 100 000 Dukaten. Allerdings muss die tatsächliche Bilanz im Zusammenhang mit anderen, lukrativeren Geschäften gesehen werden, da der Abschluss des Kolonievertrags durchaus weitere Türen in der Zusammenarbeit mit der spanischen Krone öffnete. So dürfte der Sklavenhandel der Gesellschaft stattliche Gewinne eingebracht haben.
Hauptleidtragende der Aktivitäten der Welser in Venezuela waren aus Sicht des Historikers Mark Häberlein die dortigen Indigenen: „Auch wenn die auf den Dominikanermönch Bartolomé de las Casas zurückgehende Vorstellung, dass die deutschen Konquistadoren grausamer unter den Indios gewütet hätten als die spanischen Eroberer Mittel- und Südamerikas, eine polemische Übertreibung ist, gibt es keinerlei Grund, das Handeln dieser Männer, die in der Geschichtsschreibung oft als wagemutige Entdecker, Forscher und Kolonialpioniere gefeiert wurden, zu beschönigen. Wie andere Konquistadoren raubten, plünderten, mordeten, folterten und vergewaltigten sie und hinterließen zerstörte Dörfer und verödete Landstriche.“
Die Fugger scheinen bewusst auf ein eigenes koloniales Projekt verzichtet zu haben. Dabei hätten auch sie die Gelegenheit dazu gehabt: Der Familie war 1530 von spanischer Seite vorgeschlagen worden, die Pazifikküste der heutigen Staaten Peru und Chile zu kolonisieren. Doch das Projekt verlief im Sand.
Trotz des offensichtlichen Scheiterns brachte das Venezuela-Abenteuer die Welser nicht an den Rand des Bankrotts. Andere Geschäftsbereiche des Handelshauses liefen weiter gut. Dazu zählte besonders der Gewürzhandel. So dominierte die Welser-Vöhlin-Gesellschaft um 1530 den Safranhandel zwischen den Anbaugebieten in Italien und den Konsumenten nördlich der Alpen.
Die Welser waren zudem sehr geschickt darin, niedrige Zölle, etwa im Handel mit Pfeffer, auszuhandeln. Bereits 1502, im Jahr der Gründung der Niederlassung in Lissabon, gewährte der portugiesische König Manuel I. der Gesellschaft Zollvergünstigungen. Auch später florierte der Portugalhandel. Lucas Rem, der die Faktorei in Lissabon aufgebaut hatte, bezifferte die Gewinne für die Jahre 1516/17 in diesem Sektor auf 30 Prozent.
Mit Antwerpen hatten die Welser ein weiteres wichtiges Standbein. Die Niederlassung dort war ein zentraler Dreh- und Angelpunkt für den europaweiten Handel der Welser-Vöhlin-Gesellschaft. So belegen etwa für den Winter 1512/13 Dokumente, dass Fuhrleute im Auftrag der Welser und anderer süddeutscher Gesellschaften Dutzende Ballen mit Pfeffer und weiteren Gewürzen nach Leipzig, Frankfurt, Nürnberg und Augsburg transportierten.
Große Kreditgeschäfte sind oft nur gemeinsam zu stemmen
An einem Strang zogen Fugger und Welser häufig, wenn es um voluminöse Kreditgeschäfte mit den Habsburgern ging. So steuerten die Fugger für die Kaiserwahl Karls V. zwar mit 543 585 Gulden den Löwenanteil eines Konsortiums von Geldgebern bei, doch die Welser brachten es immerhin auf 143 333 Gulden.
Zwischen 1522 und 1532 stemmten die beiden Handelsgesellschaften insgesamt 14 Darlehen für den Kaiser gemeinsam. Daher kooperierten sie auch, wenn es darum ging, die Schulden der Habsburger wieder einzutreiben, etwa durch Rentenverkäufe für die spanische Krone.
Und selbst in lebensbedrohlichen Situationen konnten die Mitglieder der beiden Gesellschaften aufeinander zählen. Als die unbezahlten Söldner des Kaisers beim Sacco di Roma 1527 plündernd und mordend durch die Ewige Stadt zogen, fanden die Welser-Vertreter Zuflucht in der Niederlassung der Fugger.
Spätestens mit dem Rückzug von Bartholomäus Welser d. Ä. 1552/53 aus der Leitung der Welser-Vöhlin-Gesellschaft endete jedoch die Hochphase der gemeinsamen Kredite für die Habsburger. Die Welser stellten sich nun personell und in Bezug auf ihre Geschäftsfelder breiter auf, die Zeit eines dominanten Patriarchen an der Spitze war vorüber. Christoph Welser, ein Sohn von Bartholomäus d. Ä., erreichte daher nicht mehr die dominante Stellung seines Vaters.
In den letzten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts waren die Welser weiter im Gewürzhandel aktiv und übernahmen dabei gemeinsam mit den Fuggern sogar für mehrere Jahre als Monopol den portugiesischen Einkauf in Asien.
In den internen Korrespondenzen der Fugger wusste man allerdings seit den 1580er Jahren nur noch wenig Positives über die Welser zu berichten. Spätestens seit 1600 liefen die Geschäfte der Welser-Vöhlin-Gesellschaft wohl tatsächlich immer schlechter. Die Fugger standen den strauchelnden Mitbewerbern aber offensichtlich weiter zur Seite. Jedenfalls hatten sie den Welsern bis zum Zeitpunkt von deren Bankrott im Jahr 1614 insgesamt noch 125 000 Gulden geliehen.
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